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Kreuzfahrt: Zwei auf dem richtigen Dampfer

Die Zwillingsschwestern Hedda und Gisa Deilmann führen das Kommando über das berühmteste Kreuzfahrtschiff der Republik. Der stern ging an Bord des "ZDF-Traumschiff" und lernte die Freuden und Flauten eines turbulenten Geschäfts kennen.

Von Wolfgang Röhl

Doch, es gibt einen Weg, die Zwillinge auf Anhieb zu unterscheiden. Man mache einen Scherz. Gisa wird möglicherweise lachen. Oder lächeln. Andeutungsweise, wenigstens. Hedda dagegen wird nicht die Mundwinkel verziehen. Im Vergleich zu ihr ist Buster Keaton ein Strahlemann. Eine TV-Show "Wer bringt Hedda zum Lachen?" brächte fette Einschaltquoten. Der Gewinner dürfte eine Kreuzfahrt auf der "MS Deutschland" machen, dem schnittigen, schneeweißen Traumschiff der Schwestern.

Gisa und Hedda Deilmann, 38, sind die einzigen Kreuzfahrt-Reederinnen auf den sieben Weltmeeren. Den coolen Schwestern aus dem Ostseehäfchen Neustadt in Holstein gehört der berühmteste Fernsehdampfer der Republik. Sechsmal im Jahr schippert "Das Traumschiff" durch die seichten Gewässer des ZDF, fernwehmütig verfolgt von bis zu zehn Millionen Zuschauern. Außerdem kommandieren die Deilmanns eine Armada von neun luxuriösen Flussschiffen. Die flachsblonden Reederinnen mit den Jeansfiguren sind verheiratet und Mütter von - zusammengenommen - sechs Kindern. PR-Granaten mit panzerbrechender Charmeladung sind sie nicht.

LA CORUNA, SPANIEN. Geburtstagsball im Kaisersaal, dem im Stil der vermeintlich goldenen zwanziger Jahre möblierten und kristallin belüsterten Unterhaltungszentrum des Schiffes. Es treten auf die Kessler-Zwillinge, das Pasadena Roof Orchestra und Olivia Molina, vormals der Deutschen liebste Latina-Sängerin. Ja, das in Kiel gebaute Schiff ist deutsch bis in die Spanten. Deutsch ist die Bordsprache, deutsch die porentiefe Reinheit. Die Gäste, zu 90 Prozent Deutschsprachige, schätzen das. Kommen Ausländer an Bord, etwa Schwarze in der Karibik, wird die Mohrenfigur, die an einem der hinteren Aufgänge steht, vorsorglich in den Fundus verbannt.

Man feiert den achten Schiffsgeburtstag und den 71. Geburtstag des verstorbenen Reederei-Gründers Peter Deilmann. Großer Aufzug. Die männlichen Gäste in Abendanzug oder Smoking, manche heestershaft mit Schal und Zylinder. Die Damen auf Zarah Leander getrimmt. Ein Wald von Stirnband-Federn und Boas raschelt durch die Gänge.

Wir pflügen durch die Biskaya. Die Kapelle spielt "Bel ami". Welche Pracht!, ruft Kapitän Jungblut von der Bühne in den Saal. Bin entzückt! Jungblut, Spross eines Hamburger Skipper-Clans, ist ein Gute-Laune-Seebär wie aus der Glotze gesprungen. "Die Idee beim Bau der "Deutschland" war Geselligkeit", sagt er ins Mikrofon. "Der Reeder wollte elegante Umgebungen schaffen, wo Menschen zusammenkommen. Wem nützen schwimmende Hochhäuser mit winzigen Balkons, wo sich die Leute einschließen?" Applaus für den smarten Einfall, das unleugbare Manko des Prachtkreuzers - keine einzige Kabine hat einen Balkon - in einen Bonus zu verwandeln. Dann noch ein kleiner Tritt gegen die große Konkurrenz. Die vielgerühmte Queen Mary 2 sei im Interieur denn doch "teils etwas pappmachéhaft". Die Gäste klatschen. "Größe ist manchmal nur Massenabfertigung", legt Jungblut nach. Das kommt gut an auf der überschaubaren, nur 175 Meter langen "Deutschland", die maximal 520 Gäste befördert.

Jetzt die Schwestern. Mit tonloser Stimme lesen sie ihren Text vom Blatt ab. "Schiffe sind lebendige Wesen ... Was hat die "Deutschland" nicht schon alles erlebt ... Exposchiff ... Olympiaschiff ... einziger schwimmender Lions-Club ... Dehoga-Medaille ...". Neptun, hilf! Wie immer, wenn Gisa und Hedda in die Bütt müssen, oszilliert der Auftritt so zwischen Abi-Ball und Polterabend.

Nach der Pflichtübung flüchten sich Gisa und Hedda zu ihren Familien, die auf dieser Reise mitfahren. Die Welt des geschmeidigen Schwafelns und Repräsentierens ist nicht die ihre. Seltsam. Je länger man die beiden beobachtet, desto sympathischer wirkt dieser Anachronismus, fast eine Verweigerung.

Doch dann, nach Anschnitt der imposanten Geburtstagstorte, wird's richtig rührend. Auf das Podium tritt ein altgedienter, schon etwas zittriger "Deutschland"-Habitué mit Namen Oskar Pfeiffer und einem selbst verfertigten Gedicht, welches die Schwestern reimrüttelnd preist. Kostprobe: "Führen wir die Reederei weiter, oder geben wir sie zum Verkauf? Das war die schwerste Entscheidung in ihrem Lebenslauf ..."

Es war nämlich so: Als der Reeder Peter Deilmann 2003 im Alter von 68 Jahren unerwartet starb, bangten seine Stammgäste um ihr Heim auf dem Wasser. Viele, die auf der "Deutschland" fahren, sind Repeater, Wiederholungsgäste. Nicht wenige reisen mehrmals im Jahr, manche sechs, acht Wochen am Stück. Was die Kundschaft an Deilmann schätzte, war die persönliche Gästebetütelung, die so auf keinem anderen Kreuzfahrtschiff gepflegt wird. Die "Deutschland" ohne Deilmann? Undenkbar.

Als seine Töchter das Erbe annahmen, wie der Alte es gewollt hatte, machte sich Erleichterung breit. Die "Deutschland" ist ein Kultschiff. Sie wird geliebt wie ein Wesen aus Fleisch und Blut. Wo sonst perlt schon beim Frühstück so manches Pikkolöchen? Wo sonst singt Ulrich Tukur nachts in der Bar schräge Lieder? Wo sonst tragen der Autor Matthias Wegner und die TV-Chefhostess Heide ("Beatrice") Keller gemeinsam Texte von Heinrich Heine vor? Wo sonst starrt einen der Olle Fritz scharf von einem Gemälde an, das über der Bulettenvitrine in der Bar hängt?

NEUSTADT IN HOLSTEIN. Im vormaligen Büro des Patriarchen sitzen sich die Schwestern an sichelförmigen Schreibtischen gegenüber. Ein messingschweres Teleskop, wie es auch in den Suiten der "Deutschland" steht, zeigt auf die Neustädter Bucht. Da dreht das ZDF eine Vorabendserie um das zweitbekannteste Boot der Nation, die "Küstenwache". Die Tische der Zwillinge sind randvoll mit Papieren. Zwar betonen beide, sie wollten die Firmenkultur ändern. Der Vater hatte den Laden gänzlich auf seine Person zugeschnitten, kaum jemandem Luft für Eigenverantwortung gelassen. Doch die Töchter scheinen von seiner Kontrollsucht etwas abbekommen zu haben. Fragt man, wer was bei Deilmann macht, heißt es nur allzu oft: "Das geht zuerst mal über unsere Schreibtische."

Gisa und Hedda sind 68er. Jahrgangsmäßig. Meist redet Gisa, nicht ohne sich durch Blicke mit Hedda abzustimmen. Zwischen die beiden passt keine Seekarte. Gisa hat nach der Hotelfachschule in Hotels im Ausland gearbeitet. Bis kurz vor dem Tod des Vaters führte sie das noble "Liss Ard" im irischen Cork. Sie ist die Kundenexpertin des Duos. Hedda, Reisekauffrau, hat im Unternehmen seit 1990 von der Pieke auf gelernt und kümmert sich um das Marketing. Mit dem Geschäftsführer Norbert Becker haben die zwei einen alten Finanzhasen an Bord.

Traumschiffe können ihren Eignern Albträume bereiten. Krieg und Terror drücken alle paar Jahre die Bilanzen. Treibstoffpreise explodieren. Flussschiff-Fahrten müssen komplett umgeroutet werden, wenn zum Beispiel die Donau wochenlang Hochwasser führt. Aber auch hartnäckiges Niedrigwasser kann Fahrpläne zu Makulatur machen. Im neuen Neustädter Firmensitz, 2001 bezogen, geräumig, solide und sexy wie ein Finanzamt, glühen dann die Telefondrähte.

Andererseits sind Kreuzfahrten hochprofitabel. Eine zwölftägige Mittelmeerreise auf der "Deutschland" kostet in der günstigsten Innenkabine über 3000 Euro, in der Grande Suite außen mit Butlerservice fast 9000 Euro - pro Person. Da die Gäste kaum eine Möglichkeit haben, ihr Geld anderswo als auf dem Schiff zu lassen, fließen der Reederei üppige Nebenkosten zu. Aber Kreuzfahrten sind auch ein Wagnis. Die Reederei hat unter Tschernobyl ebenso gelitten wie unter den Golfkriegen und dem Kosovo-Konflikt. Und in der vor sechs Jahren bei Paris abgestürzten Concorde starben 96 Deilmann-Gäste, die in New York aufs Schiff wollten. Peter Deilmann hat das furchtbar getroffen.

Wir wechseln ins Besucherzimmer. An der Wand das biedermeierliche Bild einer Männergesellschaft. Die einzige Frau auf dem Bild trägt ein Tablett mit Schnäpsen herein. Die Welt, wie der Alte sie sah?

Lächeln. Über ihn kein kritischer Ton. Obschon die Töchter es mit dem autoritären Knochen sicher nicht leicht hatten. Deilmann, bekannt für seine gleichsam angewachsene Prinz-Heinrich-Mütze, war eine Gestalt wie James Cagney im Farmer-Epos "Mein Wille ist Gesetz".

Seine Unternehmerkarriere begann im Geburtsjahr der Töchter mit dem Erwerb des Kutters "Grömitz". Angel- und Butterfahrten auf der Ostsee liefen so gut, dass er sich bald zwei weitere Kutter zulegen konnte. Ab 1972 kaufte er Frachtschiffe, Fähren und Ausflugsdampfer, ließ sie ein paar Jahre fahren und stieß sie wieder gewinnbringend ab. Das erste Passagierschiff, das er selbst bauen ließ, taufte er auf den Namen "Berlin". Ein Patriot, der seine Schiffe sturköppig unter deutscher Flagge laufen ließ, während die anderen Reeder Billigflaggen aufzogen. Für sein Traumschiff, 1998 in Dienst gestellt, hatte er jedes Bild, jeden Teppich, jeden Spiegel selbst ausgewählt.

Er nannte es "Deutschland", was für politisch-korrektes Protestgemurmel sorgte. Deilmann fand das verrückt. Warum sollte ein Schiff nicht den Landesnamen tragen wie in Italien oder Frankreich? Journalisten, die sich erfrechten, an seinem geliebten Pott herumzukritteln, schickte er so lange wütende Briefe auf Büttenpapier, bis sie entnervt Besserung gelobten. Geboren 1935, ein Charakter jener Aufbaugeneration, die nun ausstirbt. 1945 habe sich sein maritimer Tick gebildet, erinnerte sich Deilmann, und zwar mit dem Kauf des aufgesägten Schwimmkörpers von einem Wasserflugzeug. Er zahlte dafür mit einem schussbereiten 8-mm-Revolver, den er für Kippentabak ergattert hatte.

Die Töchter wissen natürlich, dass der Alte sie noch eine Weile umschatten wird. Wissen auch, dass man in der Branche über die blonden Erbinnen tratscht. So, wie in Theodor Storms Novelle "Der Schimmelreiter" das Dorf über Hauke Haien lästert, der "Deichgraf nur seines Weibes wegen" geworden sei. Die Twins wettern das wacker ab: "Wir gehen sowieso selten auf diese Branchentreffen." Es ist wohl die solide Wurstigkeit des holsteinischen Seins, die sie schützt.

Einmal etwas aufgetaut, reden sie klar Schiff. Und man merkt rasch: Die beiden sind Töchter ihres Vaters. Sie drehen an vielen Schräubchen. Neue Ziele sind zu scouten, auf dass sich die Stammkunden nicht langweilen. Die Häfen müssen attraktive Ausflugsmöglichkeiten bieten, über genügend Busse und Taxis verfügen. Und die Liegegebühren sollen im Rahmen sein. Neue Kundenschichten werden angebaggert, zum Beispiel Großeltern mit Enkeln. Freilich wissen die Deilmanns auch, dass sie ihr Publikum nicht dramatisch verjüngen können. Junge Kreuzfahrer sind eine Illusion. Für traditionelle Seereisen haben nur ältere Leute sowohl die Zeit als auch das Geld, weiß man in der Branche.

Sechzig plus ist auf manchen Fahrten der Schnitt. Aber die neuen Alten sind fitter und aktiver als ihre Eltern. "Wir bieten jetzt bei den Landausflügen mehr Radtouren an", sagt Gisa, "auch Schlauchboot- oder Ballonfahrten. In Dubai umrunden wir mit einem kleinen Boot die künstlichen Inseln." Reittouren in England, Tuk-tuk-Fahren in Colombo, Rikschafahren in Saigon, durch das Watt zum Mont St. Michel stiefeln, wandern auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela - auch ein altmodischer Kreuzer braucht frische Ideen.

An Seetagen bereiten Experten die Landausflüge in Referaten vor. Vulkanologen, wenn es gen Island geht, Experten für Buddhismus, Hinduismus und das Kastensystem, wenn die "Deutschland" in Fernost kreuzt. Eine Themenkreuzfahrt haben die Schwestern, seit der Kindheit Pferdenärrinnen, ganz auf Reiter zugeschnitten.

Besonders wichtig sind ihnen die Kataloge. Das Traumschiff bucht keiner im Internet. Nicht eine Seite geht mehr ohne ihr Häkchen in Druck. Hochsee- und Flussfahrten-Kataloge sollen eine gemeinsame grafische Handschrift haben, die Texte anspruchsvoll klingen. "Deutschland"-Gäste mögen's edel. "Manche fragen uns: Wie können Sie nur zulassen, dass so eine flache Serie auf Ihrem Schiff gedreht wird?", sagt Gisa. "Aber wenn die Geschichten nicht flach wären, würden sie nicht von zehn Millionen gesehen, oder?" Man sollte die Schwestern nicht unterschätzen.

Ihre schwerste Entscheidung steht noch an. Sollen sie ein neues Schiff bauen, kaufen, chartern? Oder die Finger davon lassen? Der Alte liebäugelte mit einem Neubau für rund 700 Gäste. Er sollte nicht mehr gar so deutsch sein und auch Amerikaner und Briten an Bord holen. Gisa und Hedda hatten das Projekt auf 2007 datiert, frühestens. Inzwischen halten sie sich lieber im Vagen. Die Schiffspreise in schwindelnden Höhen, der Ölpreis an der Decke, die Zukunft ungewiss. "Ein Anschlag auf ein großes Schiff, und der ganze Markt geht in den Keller", wissen die Schwestern. Ist die Reederei, Jahresumsatz immerhin 100 Millionen Euro, zur Expansion verurteilt, wie manche Billig-Airlines? "Ist sie nicht", sagen sie unisono.

LISSABON, PORTUGAL. Wolfgang Rademann, 71, ist aus Berlin zwecks Gästeunterhaltung eingeflogen. Der "Traumschiff"-Erfinder erzählt im Kaisersaal zusammen mit dem "Traumschiff"-Urgestein Horst Naumann und Heide Keller Döntjes aus 53 Folgen. Anno 1981 ging die erste auf Sendung. 1985 wurde erstmals auf der "Berlin" gedreht, 1999 wurde die "Deutschland" zum "Traumschiff".

Die Symbiose zwischen Fernsehen und Reederei lohnt sich für beide Seiten. "Ich hab dem alten Deilmann gesagt, ihr gebt mir das Schiff, und ich geb euch den Film." Der Sender hat den Deal mit der Reederei bis 2010 verlängert. Reisen, bei denen gefilmt wird, sind oft ausgebucht. Viele Gäste spielen gern als Statisten mit. Produzent Rademann erklärt das Erfolgsgeheimnis seiner Seestücke: "Schöne Landschaften, keine Leichen, und die Lover kriegen sich am Ende." Sein Problem: "Mir jeht die Welt aus." Fast alle attraktiven Ziele hat er schon verbraten. Manche Destinationen sind ihm zu kalt, andere zu gefährlich. Und da decken sich Fiktion und Wirklichkeit plötzlich. Auch für das reale Traumschiff ist die Welt viel kleiner, als sie scheint. Die halbe Welt ist heutzutage eine No-go-area. Jedenfalls für Besserverdienende.

Am Kai gegenüber der "Deutschland" liegt die "Jewel of the Seas". Fast doppelt so lang, doppelt so hoch, viermal so viele Passagiere. "Die Reederei Royal Caribbean plant Schiffe für 8000 Gäste", sagt Gisa schaudernd. "Die schaukeln kein bisschen mehr. Da vergisst man völlig, dass man auf See ist." Ist das die Zukunft? Die Schwestern lächeln, ausnahmsweise beide. "Wer auf der "Deutschland" gefahren ist, geht nicht auf so einen Kasten. Und wenn doch, kommt er zu uns zurück. Das haben wir schriftlich."

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