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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Hunger, Saufen und Senfflecken auf dem Cocktail-Kleid: Das Elend des Party-Foods

Mögen Sie Stehpartys? Und wenn ja, gehen Sie nach solchen Feiern satt nach Hause? Ich bewundere Sie! Verraten Sie mir, wie Sie mit dem "flying food" klarkommen! Bitte.

Fingerfood - der (Trink-)Tod des Party-Gastes

Fingerfood - der (Trink-)Tod des Party-Gastes

Getty Images

Es ist doch in Wahrheit unmöglich, die fliegenden Häppchen in Würde zu essen, beziehungsweise überhaupt an DAS zu gelangen, was man essen möchte. Meist kommen bei mir auf diesen Partys nämlich immer nur die bereits abgegrasten Tabletts vorbei, auf denen vor allem abgeknabberte Zahnstocher herumliegen und eventuell noch ein Hackbällchen herumkullert, das allerdings schon voller Pesto von den Tomate-Mozzarella-Sticks ist, durch die es einsam beim "herumfliegen" gerollt ist. 

Von Tomaten oder Mozzarella keine Spur mehr. Nur ein verwischter Fleck Senf und ein zu einem Schneeball aus Resten mutiertes Hackbällchen, das auf dem Weg über das Tablett alles mitgenommen hat, was sich mitreißen ließ: Saucen, Flecken, Krümel, Kräuter, Gewürze. Nun hat man die Wahl: entweder wird man komplett betrunken, weil man gar nichts isst oder man beißt schweren Herzens in das Hackbällchen, den Meatball, mit der grünen Pestoglasur und gelben Senfsprenkeln. Aber Hackfleisch stinkt. Und ist irgendwie, nun ja: unsexy.

Also lässt man das Kügelchen weiter auf dem Tablett herumkullern und wartet auf bessere Zeiten. Von Weitem erblickt man die Tür zur Küche, aus der Kellner mit vollgeladenen Tabletts tänzeln - allerdings lauern die wirklich Hungrigen natürlich in Küchennähe und greifen das Beste ab. Manche reißen sogar ein ganzes Tablett an sich und lassen den Kellner kaum aus der Küchentür treten. Aus der Ferne sehe ich etwas, das ein Tartar sein könnte! Und es riecht nach Trüffeln. Riecht! Denn bei mir kommt wieder nur eine angebissene Tomate und ein schon dunkelbraun oxidiertes Fleischpflanzerl an.

Stellungswechsel

Ich muss mich umpositionieren. Also ab vor die Küche. Dort stehen aber meist auch genau die Menschen rum, mit denen man nicht reden will! Der Praktikant, der einem neulich auf der Weihnachtsfeier zu nahe kam oder die Kollegen, die sich selbst auf den lustigsten Parties nur über neue Anlagemodelle oder edle Rotweine unterhalten können. Nix für mich. Also: Hunger oder Langeweile? Einen Tod muss man sterben.

Für solche Fälle sollte die Handtasche vorbereitet sein: Holen sie ihren Schokoriegel raus und begehen Sie einen SNACKcident ("eating a family sized bar of chocolate by mistake"). Solche Unfälle passieren mir dauernd, retten aber manchmal den Abend (außer wenn man eine Erdnuss zwischen den Vorderzähnen stecken hat).

Ein Kellner macht eine Pirouette aus der Küche und hat immerhin Sektgläser in der Hand. Also gut - wenigstens sitt und berauscht, wenn schon nicht satt. Auch hier bekomme ich nur noch den Rosé, obwohl ich lieber den weißen hätte - aber in der Not trinkt der Teufel ja Fliegen… fliegenden, lauwarmen Zimmersekt.

Triefen, Tropfen, Sabbern

"Vorhin gab es auch Schnitzelchen," verrät mir ein Freund. Die sind aber längst komplett von unseren Praktikanten und den Küchentürwächtern verzehrt. Ich würde mich ja schon über eine vegane Edamame-Tarte oder einen Grünkern-Spieß freuen.

Wenn man dann endlich mal einen Stick in den Mund bekommt, ist die Mozzarellakugel viel zu groß und die Tomate spritzt beim Reinbeissen in alle Richtungen. Es ist unwürdig, ich esse gebückt, gebeugt, damit niemand meinen Kampf mit dem Zahnstocher und den zwei Bällchen in meinen Mundwinkeln sieht. Es trieft und tropft und sabbert.

Das Elend der Schoko-Erdbeeren

Der Schokobrunnen am Ende macht es auch nicht besser. Da dippt man dann überreife Erdbeeren in rauschende Schokolade und hat danach braune Piratenzähne und Kakaoflecken auf dem weißen Kleid. Auch Salatblätter sind gefährlich und zu vermeiden! Alles mit Zwiebeln, Knoblauch, Mohn, Sesam - kein Kunde oder Kollege möchte bei einem Gespräch über die letzten Zahlen und weiteren Schritte gern von einer Sesamstraße aus ihren Zahnzwischenräumen angelächelt werden. Gurgeln ginge zur Not, mit dem warmen Sekt.

Also gut. Bevor ich rausfliege, soll doch lieber das Essen fliegen und mich bloß nicht treffen. Kleiner Tipp: Vor Stehpartys und Empfängen satt essen und den Ufos mit purzelnden Hackbällchen ausweichen. Sonst erleben Sie eine Fleischdusche und hätten sich das Parfum auch sparen können! Beef Saint Laurent.

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