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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Warum es wichtig ist, mal wieder echte Komplimente zu machen

Für stern-Autorin Laura Karasek ist Zeit das Kostbarste, was wir haben. Und doch sind wir alle darauf getrimmt, uns für nichts mehr Zeit zu nehmen. Nicht einmal mehr für "gesprochene" Komplimente.

Von Laura Karasek

Machen Sie mal wieder echte Komplimente, als Herzchen per Smartphone

Machen Sie mal wieder echte Komplimente, als Herzchen per Smartphone

Nutze die Zeit, die Dir beim Warten in einer Warteschlange geschenkt wird, um E-Mails zu beantworten! Oder update Dein Linked-In Profil! Bestell noch schnell was online beim Supermarkt. Schau nicht um Dich herum, schau nicht aus dem Fenster, wenn Du Zug fährst. Achte nicht auf die Landschaft und die Menschen – lade lieber Fotos vom Leben auf hoch.

Bereisen wir Orte noch für uns selbst – oder für das Foto, das wir teilen können?

Und warum fotografieren Menschen ihr Essen? Sind Gurken jetzt die neuen Werbekunden? Ein Salatblatt als Sponsor? Meist laden dünne Frauen entweder nur Grünzeug, Avocados und Mangos hoch, hübsch dekoriert neben ein bisschen Quinoa oder Chia Samen. "Ich bin dünn, lebe gesund und kann kochen – aber nur vegan." Was sie nicht sagen, soll auf dem Dating-Markt implizieren: an meiner Seite wirst Du ein gesunder, fitter Muskelprotz, für den ich nach dem gemeinsamen Joggen einen Protein-Shake schüttele, während Du meine Po-Bäckchen bestaunen darfst.

Dann gibt es schlanke Frauen, die rosa dekorierte Waffeln mit Erdbeeren, Macarons und pastellfarbene Gebäckstückchen mit einen Herz aus Sahne hochladen. Sie zeigen den Männern: "An meiner Seite kannst Du schlemmen und genießen. Ich hungere nicht. Ich habe eine Top-Figur trotz kleiner Sünden. Und ich liebe die Sünde..."

Natürlich essen diese Frauen meist gar nichts von den abgelichteten Törtchen, die nur fürs Foto gekauft oder gebacken wurden und dann lieblos im Mülleimer verschwinden, sobald das Bild hochgeladen und gemocht worden ist. Manchmal stehen diese Frauen auch lediglich am Hotelbuffet, um es abzuknipsen – und verschwinden dann wieder, mit statt mit Teller in der Hand.

Aber was glaubt ihr denn? Macht der Buchweizen aus Euch einen BilderBUCHmenschen? Man kann sich nicht zu einem guten Menschen essen… ("aber kann man sich zu einem schlechten Menschen trinken?", frage ich mich dann immer. Ich glaube nämlich, das kann ich ziemlich gut!)

Hotness, Sexyness, Ernährungsbewusstsein – die neuen Währungen im Internet. Manche Mädchen definieren einen guten oder schlechten Tag danach, wie viele "likes" ihre Bilder bekommen haben.

Die sozialen Netzwerke ermöglichen den Vergleich; einen Vergleich mit der ganzen Welt.

Muss ich auch Nacktfotos verschicken – weil alle es machen? Muss ich ein zweites Ich erfinden, ein Internet-Ich, dem nichts und niemand etwas anhaben kann, auf dem ein Filter liegt, ein Bearbeitungsfilter wie ein UV-Schutz, der mich vor Schmähungen und Makeln bewahrt? Wann fing es an, mir etwas zu bedeuten, dass John (37, aus Wisconsin, den ich nicht kannte und nie kennenlernen werde) mein Foto mochte? Warum ist es mir wichtig, dass viele Menschen (von denen ich wiederum die meisten nicht kenne), mein Foto mit einem Herz markieren? Sieht so aus? Misst es sich an den Freunden, den Followern, den Fans, die ich habe? Und wer von denen hilft mir dann, wenn mein Vater stirbt?

Ist das nicht auch nur Sehnsucht nach Liebe? Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, Zuneigung, Zuspruch, Lob – so wie sie in uns verankert ist?

Aber in den letzten Jahren kam noch eine andere Sehnsucht dazu, eine zunächst undefinierbare Suche nach einem Gefühl der Freiheit, der Unantastbarkeit, der Unangreifbarkeit.

Die Sehnsucht danach, sich nicht vergleichen zu müssen.

Denn was passiert, wenn Menschen sich permanent der Abstimmung über ihre Attraktivität aussetzen?

Wer sind wir, wenn wir ständig in die community fragen müssen "Bin ich schön?" "Ist mein Leben lebenswert?" "Ist dieser Pool nicht traumhaft?" Wer sind wir, wenn wir täglich nach einer Bestätigung unserer Entscheidungen suchen? "Hab ichs richtig gemacht? Gefalle ich Euch?" Wir legen unser Glück in die Hände von Unbekannten, Anonymen an Smartphones, die unsere Seele umsonst bekommen, für einen Klick. Es wird mehr Zeit auf Fotobearbeitungsprogrammen als im Park verbracht.

Wir leben in einer Hölle, einer Hölle aus Bewertungsportalen, Spielplätzen für schwache Egos, auf der Jagd nach Sternchen und Herzchen, um Testsieger zu werden und den Preisvergleich zu bestehen, Nacktgewinner und Gesichtsgutachten. Früher gab es Vergleichsseiten für den besten Kinderwagen oder das sicherste Auto. Heute stellen wir unsere Gesichter und Körper täglich für Bewertungen und Ratings zur Verfügung.

Doch was gibt es zu gewinnen? Die Firmen wollen, dass ihre Kinderwagen sich gut verkaufen, dass die leiseste, stromsparende Waschmaschine ein Bestseller wird. Aber wir stehen nicht zum Verkauf.

Wie fühlt sich eigentlich der echte Mensch hinter dem Produkt?

Wer weiß noch, wie ich ohne Filter aussehe? Und weiß ich noch, wie ich ohne Filter fühle? Ich WILL ohne Filter fühlen.

Wie viel Selbstvermarktung hält Dein Wesen aus?

Was bewerben wir eigentlich, wenn wir uns online anpreisen? Definiert sich unsere Beliebtheit, unser Marktwert nach der Anzahl unserer Stalker und Anhänger?

Wir feiern unsere Selbstbestimmtheit, doch kaum können wir tun, was wir wollen, unterwerfen wir uns einer neuen Diktatur: dem Internet.

Ich wünsche mir wieder mehr gesagte Komplimente - ohne Emoticons und geklickte Herzchen. Dass wir uns einfach mal ins Gesicht sagen, wie schön, unterhaltsam, fröhlich wir einander finden. Dafür brauchen wir kein w-lan. Und auch kein Passwort. Nur ein gesprochenes Wort.

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