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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Warum man genauso ist, wie man nie sein wollte

Carpe diem, heißt ein weiser Spruch. Dass man aber nicht immer den Tag nutzt und voll ausschöpft, davon kann stern-Autorin Laura Karasek ein Lied singen.

Endlich Feierabend. Sie will einen Film schauen. Entspannen. Es war ein Tag voller Meetings und Deadlines. Ihr Freund schaut mit. Sie wohnen schon ein Weilchen zusammen und haben sich nach der Arbeit direkt umgezogen. Chill-Klamotten. Er hat die Kontaktlinsen gegen die Brille getauscht, seine dunkelblaue Trainingshose (die aus diesem Nylonstoff, der so raschelt beim Gehen und der die Haare elektrisiert, wenn man drankommt) und das Sweatshirt an, das sie nicht mag. Sie findet, in gelb sieht er blass aus. Sie hat sich die Haare zu einem Dutt geknotet und ein bisschen Salbe unter der Nase, weil die Stelle über dem Mund vom letzten Schnupfen noch ein bisschen gerötet ist. Die Salbe ist nicht weiß. Sie ist so dunkelweiß, grauweiß, irgendwie cremig, besonders dick und sitzt wie ein kleiner Schnurrbart über ihrer Oberlippe. Er will über Foodora beim Inder bestellen, sie will lieber irgendwas mit Edamame. Sie einigen sich auf Thai.

Während sie auf das Essen warten, macht jeder nur "kurz was am Laptop". Dann klingelt es. Ihr Essen ist kalt. Sein Essen ist scharf und sie findet, es stinkt. "Die ganze Wohnung riecht jetzt nach Curry." "Sag mal, hast Du die Fernbedienung gesehen?" "Welche, die von Apple TV? Das ist die ganz kleine..." "Nein, die vom Receiver." Sie wühlt sich durch die sieben Fernbedienungen, die auf dem Couchtisch liegen. Drei davon sind für Geräte, die sie längst nicht mehr besitzen. Aber sie haben vergessen, sie auszusortieren. Eine weitere ist für den Backofen. Den kann man irgendwie per Timer programmieren... Oder war es der Kühlschrank? Der sagt einem nämlich irgendwann, dass man Butter kaufen muss oder schaltet einen Alarm, wenn der Biervorrat sich dem Ende neigt... "Befüll mich!" Das denkt nicht nur ihr Kühlschrank. Auch sie würde sich gern viel öfter befüllen. Aber jetzt sucht sie nach der Bedienung, um den Fernseher überhaupt erstmal anzuschalten. "Aaah, hier.." Ihr Essen ist inzwischen vollkommen kalt. Er hat fast aufgegessen, aber die Soße riecht man sogar im Badezimmer. Sie reißt die Balkontür auf. Dann wird ihr kalt. Sie holt die warmen Socken mit dem "Minions"-Muster aus dem Schrank. Er hat inzwischen den Fernseher anbekommen. Das Apfel-Logo ist zu sehen. Mehr nicht. Das Internet scheint nicht zu gehen. "Zieh mal den Stecker raus," sagt sie. Er steht auf und zieht den Stecker. Sie macht das Fenster wieder zu. "Es ist voll heiß hier drin," sagt er. "Dann zieh doch den Pullover aus." Den Pullover hat er, seit sie ihn kennengelernt hat. Er ist eingelaufen und verwaschen. "Der steht Dir sowieso nicht." "Der ist aus meiner Uni-Zeit."

Er steckt den Stecker wieder rein.

Das Lämpchen leuchtet, aber rot. "Schau doch mal in die Bedienungsanleitung", schlägt sie vor. "Wo soll die denn sein?" Das weiß sie nun auch wieder nicht. Technik ist doch sein Bereich. Sie macht doch wirklich genug! Er zieht alle Stecker raus, auch den vom Fernseher. Sie sucht weiterhin nach der dritten Bedienung, der für den Receiver. Er hat Soße auf den Couchtisch gekleckert. Sie holt ein Tuch. Die Soße ist in die Rillen vom Holztisch gelaufen. "Na toll. Das stinkt da jetzt vor sich hin." Er drückt auf drei Bedienungen herum. "Du musst doch erst die Stecker wieder reinstecken." "Mach es doch selbst, wenn Du alles besser weißt." Ah, da ist ein Bild. Netflix und Amazon Prime scheinen zu gehen. "Toll, Schatz", sagt sie. "Was wollen wir überhaupt gucken?" Er will eigentlich seine Serie über Pablo Escobar weiterschauen, sie will "This is us". "Dein Ding ist mir zu brutal", sagt sie. Sie schauen erstmal ein paar Trailer für Filme auf youtube. "Da ist nix dabei." Und der eine dauert auch über zwei Stunden.

"Morgen mache ich alles richtig"

Dafür ist es inzwischen fast zu spät. "Ich räume mal die Teller weg", sagt sie, während er noch zwei Trailer ansieht. Sie kocht sich einen Tee in der Küche. "Willst du auch was?", ruft sie rüber. Er checkt nochmal seine E-Mails. Sie legt sich hin, schaut aufs Handy, beantwortet drei whatsapps und surft auf Instagram. "Lass uns doch einfach mal wieder eine Folge Friends schauen. Wie früher." Er klickt sich durch ein paar Serien und findet dann Friends. "Welche Staffel willst Du?"

Ich les was", sagt sie und schaut sich ein paar Artikel an, die ihre Freunde auf Facebook geposted haben. Er schaut ein bisschen Friends und ein bisschen youtube. Sie hat vergessen, den Teebeutel rauszunehmen. Der Tee ist kalt geworden. Und bitter.

"Lass uns morgen mal wieder ins Kino gehen", sagt sie und legt sich schon mal ins Bett.

"So wollte ich doch nie sein..." denkt sie vorm Einschlafen. "Morgen mache ich was aus meinem Abend! Vielleicht Sport! Oder Freundinnen! Es soll da diese coole neue Bar geben..." Er ist vorm Fernseher eingeschlafen. Sie schaut beim Zähneputzen noch mal kurz auf Instagram. "Morgen lass ich das Handy weg!" denkt sie. Deshalb verschickt sie noch schnell fünf whatsapps. So wie man ganz viel Schokolade isst, bevor man Diät machen will. Oder wie man Kette raucht, wenn man aufhören will. "Morgen aber! Morgen mach ich alles anders. Und richtig."

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