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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Wer keinen Sport treibt, ist out – von EMS-Training und nassen Höschen

Heutzutage suggeriert Sport, dass man fit und jung und geil ist. Auch stern-Autorin Laura Karasek treibt Sport. Wenn auch mit ungewöhnlichen Mitteln.

Von Laura Karasek

ist heute mindestens so wichtig wie ein guter Charakter. Wer keinen Sport treibt, ist out. Und wer nicht davon berichtet, ist auch out. Sport suggeriert: ich bin mir selbst wichtig, ich bin fit und jung und geil – und ich tue alles, um noch geiler zu werden! "Ich muss geiler werden", hechelt und keucht eine ganze Selfie-Generation vor sich hin... Nice legs and hashtags!

Seht her, seht her: ich hab sie, die ausgeglichene work-life-balance, nach der sich alle sehnen. Denn Zeit für Sport ist Zeit für mich. Und ihr hockt noch im Büro, losers! Besser sportlich als schlau.

Auch ich trainiere. Weil man das eben so macht. Außerdem tut es mir gut und soll die Lebenserwartung erhöhen. Gut tut es mir, weil ich zu viel Energie und Aggressionen in mir trage und mich beim Sport wieder auf ein normales, angenehmes, menschenfreundliches Level prügeln kann. Danach bin ich ganze 60 Minuten meist sehr sanft und ausgeglichen. Gut tut es mir auch, weil ich mir einrede, dass es mir gut tut. Placebo eben. Hach, klopf ich mir dann auf die Schulter, was war ich wieder fleissig! Da kann ich heute Abend gleich drei Weißweine mehr trinken.

Ich gehe also in mein Fitnessstudio, zum ems training. Zunächst musss man ein sehr enges Shirt und eine knappe Radlerhose anziehen, bevor man in eine Weste, zwei Beingurte, zwei Armgurte und einen Po-Gurt geschnallt wird, Korsage der Neuzeit. Die Trainer sprühen die Gurte vorher mit Wasser ein (denn: Wasser leitet) und dann ist man nass und kalt und verkabelt. Ich sehe aus wie mein Videorekorder aus den Achtziger Jahren von hinten. Überall Schnüre, Stecker, Leitungen. Bodenturnen meets Hashtags.

Selfies beim Sport: Der Welt mitteilen, wie athletisch sie sind 

Die anderen Frauen machen Selfies. Der Welt mitteilen, wie athletisch sie sind! Auch wenn – nun ja – das Outfit eher bescheiden aussieht. Aber die Aktivität zählt! Es ist zwar unglamourös und auch eher erlebnisarm in so einem Fitnessstudio – aber für social media nebensächlich. Hauptsache eine Kniebeuge gefilmt und so getan, als ob man den iron man gemacht hat. "Ich bedanke mich für die Unterstützung bei meiner Familie, meinen Freunden und meinem Trainer." Ja, haben die denn gerade den Oscar gewonnen? Ich hingegen bedanke mich nach einem Lauf lieber beim Asphalt, bei meinen Knien, dem Taschentuch, das ich dabei hatte... Aber gut: heute wird ja alles zelebriert, damit jeder zuschauen darf!

Nach dem Training fällt mir in der Umkleidekabine auf, dass ich meine Sporttasche vergessen habe. Und dann fällt mir das Wort "dusselig" ein, das viel zu selten benutzt wird. Und töricht! Vom Aussterben bedrohte Worte... Ich muss nach dem Duschen also auf gebürstete Haare verzichten. Wenigstens gibt's Deo im Studio - ist allerdings mit so einem scheußlichen Männer-Moschus-Sporty-Duft, der mich an die WC-Ente erinnert. Eine gebotoxte Zitrone mit zu viel Testosteron. Aber das Schlimmste ist: mir fehlt meine frische Unterwäsche! Das ist nass, eingesprüht von den Trainern und dann mit elektronischen Stößen aufgeweicht. Von sowas bekommt man sofort Blasenentzündung (auch bekannt als Honeymoon disease, weil man sie immer bekommt, wenn man ganz viel Sex hat – möglichst mit einem neuen Geschlechtspartner. Da muss sich der Körper erst drauf einstellen, anpassen an das neue Umfeld. Schon wieder so eine Laune der Natur! Für das absolut selig erfüllte Sexleben hat sich irgendwer die Rache der Blasenentzüdung ausgedacht) Jedenfalls habe ich das mal so verschleppt, dass ich eine Nierenbeckenentzündung bekam. Zum ersten Mal wusste ich ganz genau, wo meine Nieren sitzen. Die 29 Jahre davor waren sie immer so unauffällig und stumm gewesen. War das vorige Vergnügen diese Schmerzen wert?!

Blasenentzündung weggeföhnt! 

Ich ziehe meine Unterhose an, um den Feuchtigkeitsgrad zu testen. Es hilft nix! So kann ich unmöglich den ganzen Tag herumlaufen. Vor allem, weil ich gleich ein langes Meeting habe. Um eine erneute Blasen-Nierenbecken-Entzündung zu vermeiden, muss ich die Unterhose trocken kriegen. Her mit dem Föhn, her mit dem Wind fürs Höschen. Während ich vor dem Ganzkörperspiegel meinen Unterleib föhne (ich habe die Beine gespreizt), kommen zwei Frauen mit wippenden Pferdeschwänzen in die Umkleidekabine. Eine davon ist meine Ärztin! Ich bin oben ungebürstet und untenrum über-föhnt. Fragend sieht sie mich an. "Ist nicht so schlüpfrig, wie es aussieht," sage ich, bin dann aber doch zu feige, die Situation zu erklären. Soll sie doch denken, dass ich mich vorm Spiegel heiß geföhnt habe. Eine verschwitzte Unterhose trocken zu legen ist auch nicht besser. #sexytimes Ich muss wohl das Fitnessstudio wechseln. Und meine Ärztin. Aber die brauche ich ja jetzt ohnehin nicht mehr: Blasenentzündung weggeföhnt!

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