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Lehrermangel in Deutschland: Widerstand gegen die Lückenfüller

Lehrer schlagen Alarm: An den Schulen fehlen bis zu 45.000 Pädagogen - so viele wie noch nie. Pensionäre und Förster sollen die Lücken füllen, doch dagegen setzen sich die Lehrer zur Wehr.

Von Sebastian Kemnitzer

Die MINT-Fächer sind das Problem. Es gibt zu wenige Lehrer für sie - also für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. 30.000 fehlen, um genau zu sein. "Die Naturwissenschaften bereiten uns schon seit Jahren Sorge", sagt der Vorsitzende des Lehrerverbandes, Hans-Peter Meidinger zu stern.de, doch so groß wie jetzt sei der Lehrermangel noch nie gewesen. Insgesamt, so der Philologenverband, würden im ganzen Land sogar 45.000 Pädagogen fehlen.

Die Interessenvertretung der Lehrer klagt seit Jahren darüber, das zu wenig Kollegen in die Schulen nachrücken. Obwohl das Problem allen Verantwortlichen klar ist, zeichnet sich keine Lösung ab. Was allerdings nichts mit einem Mangel an Vorschlägen zu tun hat: So stellt Verbandschef Meidinger mit den neuen Zahlen auch gleich eine Reihe von Ideen vor, um die Pädagogenlücke zu schließen. Damit aber eckt er ausgerechnet bei seinen Verbandskollegen an.

Vorschläge stoßen auf Widerstand

Zum Beispiel mit dem Vorschlag, vermehrt Pensionäre einzusetzen, um den brachliegenden Unterricht zu füllen. Der Vorsitzende des niedersächsischen Philologenverbandes, Horst Audritz, rät davon ab, die Ruheständler zu reaktivieren. "Wer mit 70 Jahren vor einer Klasse steht, hat es in der Regel schwer", sagt Audritz stern.de. Noch einen Schritt weiter in der Kritik geht Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerverbandes: "Ich distanziere mich von Meidingers Vorschlag", sagt er zu stern.de. "Wir brauchen frische, gesunde und fitte Lehrer." Wenzel schlägt dagegen vor, als Zwischenlösung auf Studenten in höheren Semestern zurückzugreifen. Aktuell fehlen in Bayern knapp 1000 Lehrer für naturwissenschaftliche Fächer.

Auch Meidingers Idee, Quereinsteiger im Unterricht einzusetzen, stößt bei seinen Kollegen auf wenig Gegenliebe. Förster etwa für das Fach Biologie. Klaus Wenzel hatte vor vier Jahren 500 Förster für den bayerischen Schuldienst eingestellt. "Nach wenigen Wochen waren es noch 50", so Wenzel. Heute würden noch zehn bis 15 unterrichten. "Quereinsteiger bringen eben sehr oft keine didaktischen und pädagogischen Qualitäten mit", sagt Wenzel. Sein Kollege Audritz berichtet davon, dass Quereinsteiger oft wieder abspringen würden, sobald die Wirtschaft lock. In Niedersachsen, wo 2400 Lehrer fehlen, gebe es stattdessen ein anderes Modell: Aktive Lehrer belegen ein drittes Fach zusätzlich.

Jedes Jahr die gleiche Leier

Viele Vorschläge, nichts Innovatives, vor allem aber keine Lösungen: Jahr für Jahr, pünktlich zu Beginn des neuen Schuljahres, diskutieren Deutschlands führende Pädagogen über die Probleme im System. Die Politik gelobt Besserung, handelt aber nicht. Nur in einem Punkt herrscht weitgehend Einigkeit: Der Lehrerberuf soll wieder attraktiver werden - zum Wohle der Kinder.

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