HOME

Lehrstellen: Berge von Arbeit

In Deutschland gab man Mandy, 15, und Sandra, 19, keine Chance. In Österreich sind sie willkommen. Der stern begleitete Jugendliche aus Rostock auf dem weiten Weg zur Lehrstelle.

Als der Bus mit der Aufschrift "Ostsee-Express" die Grenze überquert, verziehen sich die trüben Wolken. Schroffe Felsen schieben sich hinter grünen Hügeln in den Himmel. Jetzt blinzeln auch die Letzten der kleinen Rostocker Reisegruppe aus den Busfenstern in die Sonne: Das also sind die Alpen, das also ist Österreich. Nach zwölf Stunden Busfahrt sind die Jugendlichen endlich dort, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Wo die Hotels noch von Familien geführt werden, wo im Winter Schnee liegt und im Sommer die Sonne scheint. Dort, wo sie bleiben werden für die nächsten drei Jahre - hoffentlich.

14 Jugendliche, alle zwischen 15 und 19 Jahre alt, hat die Rostocker Arbeitsagentur ins Salzburger Umland geschickt. An der Ostsee will sie niemand ausbilden, deshalb sollen sie ihre Lehre in den Bergen machen. In Sankt Johann, Bad Gastein, in Hinterthal und Filzmoos braucht man noch Auszubildende in den Hotels. Hier sollen die 14 vorsprechen und zur Probe arbeiten. Wenn sie sich nicht ganz dumm anstellen, dürfen sie nach den drei Probetagen bleiben, als Koch- oder Kellnerlehrling, 960 Kilometer von zu Hause entfernt.

Der Ort, an dem sie aussteigen, heißt Sankt Johann im Pongau. Die Jugendlichen und ihre Eltern kriechen aus dem Ostsee-Express und schnuppern Bergluft, die meisten zum ersten Mal. "Da wachsen ja gar keine Bäume", staunt Erika Michelsen, die Mutter von Mandy, als sie die kahlen Bergspitzen sieht. Auch Mandy war noch nie in den Alpen, Urlaub machte sie bisher auf Rügen oder bei Oma und Opa im Garten bei Rostock. Vor dem Bilderbuchpanorama klammert sich die 15-Jährige an ihre Zigarette. "Bei uns bekomme ich nie eine Lehrstelle in einem Vier-Sterne-Hotel", sagt sie. "Und in Österreich soll die Ausbildung besser sein."

Trotzdem: Wer weiß, ob ihr das Hotel Alpenkrone gefällt, zu dem sie gleich weiterfahren soll. "Mandy schafft das schon", sagt ihre Mutter mehrfach und nickt der Tochter zu. "Sie hat ja auch schon Praktika gemacht." Neben der Arbeitserfahrung hat Mandy einen Realschulabschluss. Ihre Noten sind nicht schlecht, sie ist energisch und kann anpacken. Trotzdem gab es für sie keine Lehrstelle in Rostock und Umgebung. Ende August kamen dort 2077 Bewerber auf 344 offene Ausbildungsstellen.

Jeder fünfte Jugendliche in Mecklenburg-Vorpommern ist arbeitslos. Deshalb musste sich Esther Land von der Rostocker Arbeitsagentur etwas einfallen lassen, als sie die Berufsberatung für unter 25-Jährige ("U25") übernahm. Sie hörte von Österreich und von Kurt Katstaller von der Wirtschaftskammer in Sankt Johann, der Köche und Kellner aus Rügen anheuerte, damit sie im Winter in der Region Salzburg arbeiten. "Da dachte ich: Was mit normalen Jobs geht, muss doch auch bei Ausbildungsstellen möglich sein", sagt Esther Land, die mit nach Sankt Johann gereist ist. Und tatsächlich, in Salzburg gibt es seit Jahren etwas, das man sich in Rostock gar nicht vorstellen kann: mehr offene Lehrstellen als Bewerber, quasi eine negative Lehrstellenlücke. "Es gibt zwar auch arbeitslose Jugendliche hier", sagt Katstaller von der Wirtschaftskammer. "Doch die meisten wollen nicht in die Hotellerie."

Mandy wird abgeholt, im Kleinbus geht es zusammen mit Sandra, Birthe, Sven und den Eltern aufs Land hinaus, immer weiter in Richtung Einsamkeit. "Grüß Gott in Filzmoos", verkündet ein Schild am Ortseingang. "Grüß Gott werde ich nie sagen", schüttelt sich Birthe. "Wer weiß", sagt Sven. Wenn es nach der Arbeitsagentur geht, sollen die vier in Filzmoos bleiben: Sven und Birthe im Tal beim Hanneshof, Mandy und Sandra auf dem Hang beim Hotel Alpenkrone.

Die Alpenkrone hat dunkelbraune Holzbalkons, von denen ausladende Geranien in Rosa, Rot und Lila herabhängen. Im Hintergrund erhebt sich im Abendlicht die Bischofsmütze, der Hausberg. "Schön", seufzt Sandra und traut sich kaum, ins Hotelfoyer zu treten. Sandra Klingenberg ist bereits Fachkraft im Gastgewerbe, aber im Lehrbetrieb an der Ostsee hätte sie "hauptsächlich nur Zimmer geputzt", schimpft die 19-Jährige.

Es gab wenig Geld und nach der Lehre keinen Job. Nun stehen sie vor der Rezeption unter dunklen Holzdecken: Sandra mit ihrem Vater, Mandy mit ihrer Mutter. Eine Frau im grün karierten Dirndl spricht Englisch mit einer älteren Dame.

"Ich habe Angst", flüstert Sandra. In Englisch hatte sie eine Vier, und dieses Hotel hat ein Brite gebaut. Dann kommt der Sohn des Briten hinzu, der zum Glück reines Österreichisch spricht. "Ich bin Stephen Hampshire", stellt er sich vor und wirft die blonden Haare in den Nacken. Er ist 37, hat das Hotel von seinen Eltern übernommen und ist sehr in Eile. "Fangen wir doch morgen direkt um sieben an", schlägt er vor. Sandra und Mandy können gerade noch nicken, dann ist er verschwunden. Mandy geht die Liste mit Österreich-Vokabeln durch. Eine Tasse Kaffee heißt ein Verlängerter, die Sahne nennt man Schlagobers. Nur nichts falsch machen.

Damit alles glatt läuft, hat die Rostocker Arbeitsagentur in diesem Jahr die Österreich-Kandidaten gezielt ausgewählt. Zu viele hatten es in den vergangenen zwei Jahren in der engen Berglandschaft nicht ausgehalten. Deshalb mussten Mandy und Sandra zwei Wochen lang ihre Österreich-Tauglichkeit unter Beweis stellen. Zweimal haben sie sogar im Ausbildungszentrum übernachtet - der Heimwehtest. Mandy und Sandra kamen zum Glück zusammen auf ein Zimmer. "Wir haben uns gleich gut verstanden", erzählt Mandy.

Sieben Uhr früh in Filzmoos. Sandra und Mandy wischen die Terrassentische. Als die ersten Gäste zum Frühstück einfallen, müssen die Mädchen zurück in die Küche: Silberbesteck polieren. Das ist nicht schön, aber einfach. Außerdem lernen sie die Kollegen kennen. Etwa Katja, die Kellnerin aus Magdeburg, und Jacqueline, die vor zwei Jahren mit den ersten Rostocker Lehrlingen nach Filzmoos kam. Nach 60 erfolglosen Bewerbungen in ganz Deutschland war ihr nur noch Österreich geblieben. "Mir hätte nichts Besseres passieren können", sagt sie. In Deutschland hatte sie eine Lernschwäche, hier schreibt sie in der Berufsschule nur Einser. Mit Heimweh hat sie kaum zu kämpfen.

Nur der Schnee geht ihr manchmal auf die Nerven. Von Mitte November bis Anfang April kann es hier schneien. "Ich kann nicht mal Ski fahren." Nach vier Stunden Wischen, Putzen, Servieren und einem kurzen Gespräch mit Stephen Hampshire können Mandy und Sandra aufatmen: Sie dürfen bleiben. Hampshire sieht keine Probleme. "Die beiden Girls sind doch lustig-lebendige Dirndln", sagt er. "Alles Weitere wird sich zeigen." Bisher haben ihn seine deutschen Angestellten nicht enttäuscht. Und es gebe sowieso zu wenige Jugendliche in der Region fürs Hotelgewerbe. "Selbst wenn hier jeder Koch oder Kellner werden wollte, hätten wir nicht genügend Lehrlinge."

Der Tag vor der Rückfahrt. Esther Land von der Arbeitsagentur hat schlecht geschlafen und ist viel zu früh bei der Wirtschaftskammer, wo sich alle noch einmal treffen. Rasch wird klar: Nicht nur Sandra und Mandy haben Glück gehabt - alle 14 sind untergekommen.

In Deutschland sind sie durch sämtliche Raster gefallen, hier haben manche sogar eine Zusage, ohne dass der Hotelchef die Zeugnisse gesehen hat. Jetzt gibt es Arbeit und Gehalt, Weihnachts- und Urlaubsgeld. Schon im ersten Lehrjahr erhalten sie über 400 Euro - weit mehr als in Rostock üblich -, dazu freies Wohnen und Essen und eine Kleiderpauschale von 30 Euro im Monat.

Wenn da nur nicht diese knapp 1000 Kilometer wären, die zwischen der Ausbildungsstätte und ihrer Heimat liegen. Sandra und Mandy leben nun in Filzmoos, in einem Mini-Urlaubsdorf, ohne Führerschein, ohne Auto. Mit einem Bus, der wochentags nur achtmal fährt und sonntags gar nicht. In der Arbeitspause von 13 bis 18 Uhr können sie durchs Dorf laufen: einmal die Straße hoch, einmal die Straße runter, ein Supermarkt, zwei Banken, ein paar Sportläden, eine Touristeninformation. Freitagabends spielt die Trachtenkapelle auf dem Dorfplatz, danach ist "lustiger Tanzabend" in der Happy Alm. "In Rostock ist mehr los", sagt Mandy. "Aber man muss dahin gehen, wo man Arbeit kriegt. So ist es halt."

Lisa Nienhaus / print