HOME

Lehrstellenmangel: Zynische Warteschleifenpolitik

34.000 Jugendliche sollen ohne Ausbildungsplatz sein - so behaupten es Politik und Wirtschaft. Doch diese Zahl ist schlicht schön gerechnet. In Wahrheit verharmlost die Gesellschaft das Problem des Lehrstellenmangels.

Ein Kommentar von Markus Grill

Was eint die Kinder von Wirtschaftminister Michael Glos (CSU), Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und FAZ-Wirtschaftsredakteuren? Sie alle haben vermutlich kein Lehrstellenproblem. Deshalb konnte sich Glos gestern bei der Verkündung der neuen Lehrstellenzahlen auch "zuversichtlich" zeigen, Dieter Hundt von "ermutigenden Zahlen" sprechen und die FAZ schreiben, dass nur "34.000 Jugendliche ohne Lehrstelle" sind. Leider hat nichts davon mit der Realität zu tun.

Politik, Wirtschaft und Medien haben in den vergangenen Jahren ihre Ansprüche in punkto Ausbildungsmarkt systematisch herunter geschraubt. In den neunziger Jahren wurde als Zielmarke noch 690.000 Ausbildungsplätze verkündet, in diesem Jahr kommt man mit Mühe und Not auf 575.000 Ausbildungsstellen in Deutschland - obwohl die Zahl der Schulabsolventen seit Mitte der neunziger Jahre um zehn Prozent gestiegen ist.

Schulische Warteschleifen für Jugendliche

Im vergangenen Jahr haben gerade mal 550.000 Jugendliche einen Ausbildungsplatz erhalten, aber 558.000 Jugendliche so genannte "Maßnahmen der beruflichen Grundbildung" belegt, also Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbildungsjahr, zehntes Hauptschuljahr und so weiter. Fast alle diese Jugendlichen wollten aber ursprünglich eine Lehrstelle. Sie haben nur keine bekommen und wurden deshalb in schulischen Warteschleifen geparkt, die für die meisten dieser Schüler ziemliche Zeitverschwendung sind. Gut ist das nur für die Statistik, weil die Jugendlichen dann als versorgt zählen und nicht länger als Lehrstellenbewerber. Eine Lösung sind diese Warteschleifen aber nicht, weil sich die Jugendlichen im nächsten Jahr wieder bewerben. 1997 stammten erst 38 Prozent aller Lehrstellen-Bewerber aus früheren Schulentlassjahren, dieses Jahr sind es schon mehr als 50 Prozent.

Nur wer bis Ende September noch keines dieser schulischen Alternativ-Angebote angenommen hat, zählt für die Bundesagentur für Arbeit noch als "lehrstellensuchend". Und selbst diese Zahl stiegt jetzt im vergleich zum Vorjahr noch mal um 22 Prozent auf nunmehr 49.000 Jugendliche.

Zieht man von diesen Jugendlichen noch die 15.000 irgendwo in Deutschland gemeldeten offenen Lehrstellen ab, kommt man auf die angebliche Lehrstellenlücke von 34.000, die nicht nur die FAZ, sondern viele andere Medien heute bejammern. Angesichts von hunderttausenden Jugendlichen, die derzeit wieder in Warteschleifen geparkt werden, ist dies aber nicht nur zynisch, sondern eine kolossale Verharmlosung des Problems.

Diese Gesellschaft ignoriert das Lehrstellenproblem ist seinem wahren Ausmaß und reduziert es auf die von der Bundesagentur für Arbeit geschönte Statistik. Das wird so bleiben, solange die Kinder von Politikern, Arbeitgeberpräsidenten und Journalisten nicht betroffen sind.