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Lohnerhöhung: "Wir wollen mehr Geld"

Jahrelang mussten die Beschäftigten auf reale Lohnerhöhungen verzichten. Nun brummt die Wirtschaft, und die Gewinne explodieren. Millionen fordern daher: Jetzt sind wir dran. Ein Blick auf ihre Chancen - und in die Portemonnaies von 16 Deutschen.

Von Arne Daniels

Siegfried Steeger, 40, ist Betriebsschlosser, er arbeitete bei Bayer in Leverkusen, seit er 16 war. Eigentlich arbeitet er heute immer noch im selben Unternehmen, nur heißt das jetzt Lanxess, weil Bayer seine Chemiesparten 2004 ausgliederte und 2005 an die Börse brachte. Seither geht es mit der neuen Firma bergauf, ständig werden die Umsatzzahlen nach oben korrigiert, überall auf der Welt entstehen neue Niederlassungen.

Mit Siegfried Steegers Lohn hingegen ging es stetig bergab. Denn die Manager sagten, die Firma werde neu aufgestellt, es wehe nun ein anderer Wind. Nach und nach wurden Steegers übertarifliche Zuschläge gekürzt oder mit der normalen Tariferhöhung verrechnet. Dann verzichteten alle auf 6,7 Prozent ihres Einkommens - ein Opfer für die Kollegen aus der Feinchemie, denen sonst gekündigt worden wäre. Im Jahr 2003 verdiente Steeger bei Bayer 2852 Euro brutto im Monat, jetzt sind es 2616 Euro, und auch von der nächsten Tariferhöhung wird bei ihm nichts ankommen. Er arbeitet derzeit 40 Stunden die Woche, bezahlt werden ihm nur 37,5, der Tarifvertrag lässt das zu. Inzwischen werden nicht einmal mehr die Überstunden entlohnt, am Samstag gibt es bei "planbarer Arbeit" keine Zulagen mehr.

Jetzt sind die Arbeiter dran

Der Börsenkurs von Lanxess stieg seit 2005 von 15,75 Euro auf heute 40 Euro, das ist ein Gewinn von rund 150 Prozent. Siegfried Steeger sagt: "Es waren gute Jahre für die Firma. Jetzt sind wir dran."

Wolfgang Nebenführ ist Staplerfahrer und arbeitet bei den Allgaier Werken in Uhingen bei Stuttgart. Die produzieren Teile für die Automobilindustrie und sind nicht irgendein Unternehmen: Der Chef heißt Dieter Hundt und ist seit zehn Jahren Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Er ist Deutschlands oberster Boss.

Wachstum auf Kosten der Angestellten

Wolfgang Nebenführ verdiente vor zehn Jahren brutto 2037 Euro. Heute sind es einschließlich einer Schichtzulage 2580 Euro - netto bleiben ihm 259 Euro mehr als vor einem Jahrzehnt. "Dabei ist in diesen Jahren alles teurer geworden. Und ich bekomme nur noch halb so viel Weihnachts- und Urlaubsgeld. Ich zahle damit die Nebenkosten meiner Wohnung, schließlich sind auch die Energiekosten gestiegen." Sein Opel Astra ist 14 Jahre alt. "Wir haben Zugeständnisse in schlechten Zeiten gemacht, damit unsere Arbeitsplätze gesichert werden. Wir verzichten auf Sonderzahlungen. Wir schenken dem Betrieb jedes Jahr 46 Stunden Gratisarbeit. Wir bekamen die tariflich vereinbarte Einmalzahlung von 320 Euro nicht", sagt Nebenführ.

Es ist kühler geworden, auch bei Mittelständlern wie Allgaier. Früher gab es an Weihnachten noch Freibier, und wenn Nebenführ und seine Kollegen am Samstag arbeiteten, spendierte das Unternehmen eine Vesper. Das gibt es heute alles nicht mehr. Dennoch, sagt Dieter Hundt, der Chef, "hatten wir bei Allgaier voriges Jahr das unbefriedigenste Ergebnis seit Anfang der 90er Jahre". Die Firma steht unter doppeltem Druck: von billigen Konkurrenten in Osteuropa und den Kunden in der Autoindustrie, die gnadenlos die Preise drücken.

Zuerst wurden die Kleinigkeiten gestrichen

Nebenführ aber sagt: "Wir haben gelernt: Alles, was wir hergeben, kriegen wir nie wieder. Wir haben guten Willen bewiesen und Zugeständnisse gemacht. Jetzt muss auch mal etwas für uns drin sein." Um Menschen wie Siegfried Steeger und Wolfgang Nebenführ wird es in den kommenden Wochen gehen.

Für elf Millionen Arbeitnehmer werden dieses Jahr Tarifverhandlungen geführt, große, wichtige Branchen machen den Anfang. Die Chemie hat schon begonnen, in der mächtigen Metallindustrie argumentieren sich die Kontrahenten gerade auf Betriebstemperatur, Bau, Handel und andere werden folgen. Es wird die üblichen Rituale geben und die üblichen Bilder, rote Fahnen im Morgennebel, Verhandlungstische in Tagungshotels.

Die Argumente sind bekannt

Man wird die bekannten Argumente hören: Wettbewerbsfähigkeit gegen Massenkaufkraft, Gewinnexplosionen gegen Globalisierungsdruck. Und doch ist es keine normale Tarifrunde. Dieses Jahr geht es um mehr als nur um Prozente.

Karge Jahre liegen hinter den meisten Arbeitnehmern, sie mussten verzichten, damit es aufwärts gehen kann. Nun brummt die Wirtschaft wieder, die Gewinne vieler Unternehmen steigen rasant - und die Beschäftigten wollen ihren Anteil daran. Zugleich wächst die Angst, abgehängt und betrogen zu werden um die Früchte der eigenen Arbeit. Natürlich geht es in dieser Tarifrunde vor allem um Geld, aber es geht auch um Teilhabe und ein bisschen auch um so etwas wie Ehre.

Erfolg durch Verzicht

Das ist ein heikles Unterfangen. Denn Deutschlands Arbeitsmarkt erholt sich gerade erst. Seit dem Sommer 2005 wurden eine Million neue Arbeitsplätze geschaffen, und die meisten Wirtschaftswissenschaftler sagen, dass das auch am Verzicht der vergangenen Jahre liegt.

Die Jobs, warnen Ökonomen, könnten wieder gefährdet sein, wenn nun zu kräftig zugelangt werde. Vielen Betrieben gehe es längst nicht so gut wie den großen Konzernen. Die Experten fordern neue Instrumente wie Gewinnbeteiligung oder Investivlöhne, weil so etwas den Beschäftigten nutze, ohne die Firmen zu überlasten.
Doch viele Arbeitnehmer wollen vor allem eines: richtiges Geld, fürs Portemonnaie und für das Selbstbewusstsein.

Der stern hat sich in diesen Tagen von Beschäftigten überall in Deutschland ihre Geschichten erzählen und ihre Lohnzettel der vergangenen Jahre zeigen lassen. Deutlich wird: Die meisten waren zum Verzicht bereit, zugunsten ihrer Firmen und zur Rettung der eigenen Jobs. Nun aber setzt sich eine andere, bittere Stimmung fest. Viele fühlen sich mittlerweile vom einstmals geschätzten Mitarbeiter zum Kostenfaktor degradiert. Nun heißt es wütend: Jetzt sind wir dran.

Das haben sich die Unternehmen auch selbst zu verdanken. Denn mit dem Argument, die Renditen müssten steigen, und zwar kräftig, Börsen und Investoren verlangten das nun mal, senken auch hoch profitable Unternehmen weiterhin Kosten, drücken Löhne, streichen Stellen. Für die Beschäftigten ist das Rendite-Argument bedrohlich und frustrierend, weil dieser Druck nie nachlässt, was immer sie auch tun. Und natürlich geht es auch um Macht und Durchsetzungsfähigkeit, fast wie zu den Anfängen des Kapitalismus: Wenn heute Wachleute, Zimmermädchen oder Kassiererinnen für ein paar Euro die Stunden arbeiten, dann nicht wegen des Weltmarkts oder des Drucks der Kapitalmärkte, sondern weil ihre Arbeitgeber so mehr Gewinn machen und die Betroffenen sich nicht wehren können.

Wer am längeren Hebel sitzt...

Man sollte sich nichts vormachen: Wenn über die Löhne geredet wird, geht es oft nur um harte Interessen. Viele Arbeitnehmer saßen da zuletzt am deutlich kürzeren Hebel, und das wird mitunter brutal ausgenutzt.

Das Ergebnis all dessen lässt sich in Statistiken ablesen. In den vergangenen zehn Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt, also die gesamte Wirtschaftsleistung des Landes, um rund 400 Milliarden Euro gewachsen. Allein in den vergangenen fünf Jahren stiegen die Einkommen aus Vermögen und Unternehmertätigkeit um 30 Prozent, allein 2005 ließen sich die Vorstände der 30 größten deutschen Aktiengesellschaften Gehaltssteigerungen von durchschnittlich elf Prozent genehmigen.

Börsenwert wuchs - Einkommen nicht

Der Börsenwert dieser Dax-Unternehmen hat sich binnen vier Jahren mehr als verdreifacht. Doch die durchschnittlichen Nettorealeinkommen der Arbeitnehmer haben sich in den zurückliegenden zehn Jahren nicht bewegt - je nachdem welcher Statistik man glaubt, sind sie sogar gesunken. Netto real: Das ist die harte Währung der sogenannten kleinen Leute, es ist das, was nach Abzug der Preissteigerung, Steuern und Abgaben übrig bleibt.

Und wenn im Durchschnitt alle Arbeitnehmer de facto so viel verdienen wie vor zehn Jahren, bedeutet dies: Viele verdienen weniger. Gleichheit gab es nie, aber die Ungleichheit wird immer größer: zwischen Regionen, Branchen, Unternehmen, auch innerhalb der einzelnen Firmen. Porsche und Daimler-Chrysler repräsentieren die Krönung deutscher Automobilbaukunst, die Unternehmen residieren nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Doch selbst beim Arbeiter-Adel im Südwesten der Republik ist die Stimmung gespalten.

Auch der Arbeiter-Adel will mehr

Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen ist der profitabelste Autobauer der Welt. Es wird deutlich über Tarif bezahlt, die Arbeitnehmer bekommen Weihnachts- und Urlaubsgeld, später eine Betriebsrente und jedes Jahr eine erfolgsabhängige Prämie von mehreren Tausend Euro. Trotzdem findet er es "gerecht", sagt ein Karosseriebaumeister, dass sein Betriebsratschef Uwe Hück von Porsche eine Lohnerhöhung von 9,5 Prozent fordert. "Wir wissen, dass wir unseren Anteil am Erfolg haben. Es ist nur fair, wenn wir auch daran beteiligt werden."

Gerhard Stefani arbeitet bei Daimler-Chrysler in Untertürkheim als Kfz-Mechaniker, er verdient immerhin 3847 Euro brutto. Doch er sagt: "Von der letzten Tariferhöhung sind nur 0,25 Prozent auf dem Konto angekommen, der Rest ging in die "Zukunftssicherung 2012". Aufs Weihnachtsgeld haben wir verzichtet, uns wurde versprochen, dass wir das wiederkriegen. Nichts ist passiert, das ist Augenwischerei." Alle am Band würden stöhnen, der Stress sei ohne Ende gewachsen, weil Daimler Stellen abgebaut hat und mit weniger Leuten mehr Autos baut.

Wachsende Ungleichheit in Deutschland

Tim Böger ist Geschäftsführer der Vergütungsberatung Personalmarkt in Hamburg und hat die Daten von vielen Zehntausend Arbeitnehmern ausgewertet. Aus seinen Datensätzen lässt sich vieles über die wachsende Ungleichheit in Deutschland erfahren. Etwa dass in Frankfurt am Main die Gehälter bei 119 Prozent des Bundesdurchschnitts liegen, im Umland von Berlin aber lediglich bei 75 Prozent. Anders gesagt: Die Arbeitnehmer in Frankfurt verdienen gut anderthalb mal so viel wie die Kollegen rund um die Hauptstadt.

Böger hat sich auch einzelne Branchen und Berufsgruppen vorgenommen, zum Beispiel Beschäftigte im Vertrieb. Danach stagniert seit vielen Jahren das Einkommen von Vertriebsinnendienstlern bei 2700 Euro - deren Chefs, die Vertriebsleiter, kamen dagegen selbst in den schwierigen Jahren 2000 bis 2006 auf einen beeindruckenden Zuwachs: Im Schnitt stieg ihr Monatsgehalt von 5927 auf 7278 Euro. Böger erwartet, dass der Trend anhält. Auch in Zukunft würden Führungskräfte und Spezialisten höhere Zuwächse erzielen als ihre Kollegen, die weder über besondere Fähigkeiten verfügen noch besondere Verantwortung tragen.

Wert des Einzelnen

Stärker als früher zählt auf dem deutschen Arbeitsmarkt, was der Einzelne für sein Unternehmen leistet. Kaum noch ein Chef zahlt allein dafür ein höheres Einkommen, dass man immer älter wird. Längst bekommen erfahrene Arbeitnehmer nicht mehr automatisch mehr Geld als jüngere Kollegen. Das führt dazu, dass in vielen Betrieben trotz jährlicher Lohnsteigerungen die Durchschnittslöhne gesunken sind. Ältere, gut verdienende Arbeitnehmer gehen in den Ruhestand oder werden sonst wie aus dem Betrieb gedrängt. Die Mittelalten fürchteten über Jahre, ihren Job zu verlieren, und muckten nicht auf - ihr Gehalt blieb gleich. Und die Jungen, die neu ins Unternehmen kamen, wurden zu Bedingungen eingekauft, die vor ein, zwei Jahrzehnten undenkbar waren: niedrige Löhne, weniger Sozialleistungen, weniger Sicherheit, oft nur befristete Verträge.

Entscheidend ist außer der eigenen Leistung auch die Mentalität der jeweiligen Berufsgruppe. Es gibt, sagt Böger, notorische "Gewinnmaximierer" wie Betriebswirte, die deshalb auch selbst gut verdienen. Ingenieure dagegen sieht er vor allem als "Problemlöser" - und weil diese Gruppe nicht so fixiert sei aufs Geldverdienen, sei es auch für den Einzelnen schwer, ein hohes Einkommen durchzusetzen. Die Folge ist, dass Ingenieure ordentlich, aber nur selten sehr gut bezahlt werden. Ähnlich ergeht es Angehörigen von "Neigungsberufen", also etwa Architekten, Medienschaffenden oder Kulturmenschen.

Niedriglohnsektor wächst

Während die Gehälter am oberen Ende der Einkommensskala auch in den vergangenen Jahren stetig gestiegen sind, sacken immer mehr schlecht oder falsch qualifizierte Arbeitnehmer in den Niedriglohnsektor ab. 1995 zählten im Westen Deutschlands 13,3 Prozent aller vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer zu dieser Gruppe - 2004 schon 16,2 Prozent. 1995 waren in Ostdeutschland 13,9 Prozent im Niedriglohnsektor beschäftigt - 2004 sogar 17,2 Prozent. Und wer einmal in der Ramschecke des Arbeitsmarkts gelandet ist, hat es viel schwerer als früher, sich daraus wieder hochzuarbeiten.

Auch die Gewerkschaften tragen mit ihren Tarifabschlüssen zu der wachsenden Ungleichheit bei. 2006 vereinbarten sie für die Beschäftigten der Chemieindustrie ein Plus von 3,4 Prozent - für die Gebäudereiniger gab es eine glatte Null. Die Abschlüsse für andere Wirtschaftszweige lagen dazwischen.

Auch Gewerkschaften schaffen Ungleichheit

Früher bemühten Funktionäre gern das etwas martialische Bild des "tarifpolitischen Geleitzugs": Das stärkste Schlachtschiff (meist die IG Metall) dampfte vorneweg, die anderen hängten sich in sein Fahrwasser. Man argumentierte mit gesamtwirtschaftlichen Daten und versuchte halbwegs ähnliche Abschlüsse auszuhandeln. Zwar wuchs auch so die Ungleichheit, denn ein Plus von drei Prozent bedeutet bei einem Gehalt von 4000 Euro nun mal 120 Euro und bei einem Lohn von 2000 Euro nur 60 Euro. Doch zumindest war die Zuwachsrate für alle etwa gleich hoch.

Heute bröckelt die Solidarität: Jeder kämpft für sich allein, die einzelnen Gewerkschaften argumentieren mit den Zahlen der eigenen Branche und mit der Kampfkraft der eigenen Leute. Es entspricht ja auch ökonomischer Logik, wenn starke Unternehmen besser zahlen als schwache. Die Gesellschaft aber ändert sich, je mehr dieser Prozess fortschreitet.

Jeder kämpft für sich allein

Auch einzelne Arbeitnehmer versuchen wieder häufiger, mehr für sich selbst herauszuholen, und einige holen sich dafür professionelle Hilfe. Spezialisierte Berater registrieren eine steigende Nachfrage nach Gehalts-Coachings, seit die Konjunktur anzieht. Man darf sich ohnehin nicht täuschen lassen von den Ziffern in den Tarifverträgen. In keinem der vergangenen zehn Jahre stiegen die tatsächlich gezahlten Bruttoverdienste so, wie es die Abschlüsse vermuten lassen.

2005 etwa wiesen die Tarifverträge Lohnsteigerungen von durchschnittlich 1,6 Prozent aus - die Effektivlöhne stiegen aber nur um 0,3 Prozent. Das kann viele Gründe haben: Zum Beispiel werden die Tariferhöhungen auf übertarifliche Zuschläge angerechnet. Oder die Firmen nutzen Öffnungsklauseln. Oder sie halten sich gar nicht mehr an die Verträge.

Lebensrettung für 1500 Euro netto

Der Rettungsassistent Michael Günzel hat seine letzte Gehaltserhöhung vor fünf Jahren bekommen. Das war, bevor sein Arbeitgeber, der Kreisverband des Roten Kreuzes in Bautzen, aus dem Arbeitgeberverband und damit aus dem Tarifvertrag mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ausstieg. Seitdem muss Günzel, Betriebsrat und Vater von drei Kindern, mit rund 1500 Euro netto auskommen - und das, obwohl der 47-Jährige schon seit 25 Jahren Menschenleben rettet.

"Es wird immer kritischer", sagt er. "Vor fünf Jahren sind wir noch einigermaßen mit dem Geld ausgekommen, aber jetzt versuche ich ständig, mein Konto nicht allzu sehr zu überziehen." Real hat er etwa zehn Prozent seines Einkommens verloren, schätzt Günzel. Erst im vorigen Jahr musste die Familie in eine kleinere Wohnung wechseln - die Nebenkosten im alten Heim hatten einfach zu viel Geld verschlungen. Dabei gehe es ihm mit seinem alten Vertrag noch verhältnismäßig gut, meint der bärtige Bautzener.

Arbeitgeber lieben Haustarife

Denn inzwischen hat sein Arbeitgeber einen Haustarif mit einer der kleinen christlichen Gewerkschaften abgeschlossen, die von den Großorganisationen im DGB als Arbeiterverräter bekämpft werden. Nach diesem Vertrag müssen sich Berufsanfänger mit deutlich niedrigeren Einstiegsgehältern und künftigen Lohnerhöhungen von nur einem Prozent begnügen - und das Weihnachtsgeld soll von kommendem Jahr an auch wegfallen. Der Arbeitgeber argumentiert mit dem Kostendruck und damit, dass die Konkurrenz noch günstiger arbeite. Dagegen kann auch Betriebsrat Günzel nur schwer etwas sagen. Die Stimmung unter den Kollegen beschreibt er als eine Mischung aus "Unzufriedenheit und Resignation". Dass die Situation für ihn oder seine Branche einmal besser wird, daran mag Michael Günzel nicht glauben. "Es wird wohl eher noch schlimmer."

Die Flut hebt alle Schiffe, sagte einst der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul A. Samuelson: Gehe es der Wirtschaft besser, würden alle profitieren. Aber so einfach ist das heute nicht mehr. Auch jetzt, im Aufschwung, werden viele leer ausgehen, weil ihre Branche nicht mehr hergibt, weil sie niemanden mehr haben, der für sie kämpft, weil sie keine besseren Jobs finden. Manche können nur auf die Einsicht ihrer Chefs hoffen. Denn für die könnte es sich als dumm erweisen, in Krisenjahren Verzicht zu fordern und die schönen Versprechen für bessere Zeiten zu brechen, sobald sie angebrochen sind.

Niemand vergisst schnell

Die nächste Krise kommt bestimmt, und so schnell vergessen die Leute nicht. In den nächsten Jahren wird sich die Schere zwischen Topgehältern und Standardlöhnen weiter öffnen, die Lage ist nun mal so. Aber sie erfordert auch, dass jene sich besinnen, die die Macht haben, sich selbst zu bedienen und zugleich die Löhne der Schwächsten zu drücken. Das ist eine Frage des Anstands und auch der Klugheit.

Der Siemens-Vorstand um Klaus Kleinfeld bekam vergangenes Jahr gewaltigen Ärger, als er sich eine Gehaltssteigerung um 30 Prozent gönnen wollte. Siemens macht einen Umsatz von 87 Milliarden Euro im Jahr und einen Gewinn von drei Milliarden - die paar Millionen mehr für die gierigen zehn an der Spitze hätte der Konzern locker wegstecken können. Nur drei Prozent mehr für die 162 000 Mitarbeiter in Deutschland würden hingegen einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Doch nicht bloß darauf kommt es an. Wenn zehn Vorstände sich schamlos bedienen, fühlen sich 162 000 herabgesetzt. Das ist ein hoher Preis. Auch um solche Aspekte geht es, wenn in den kommenden Monaten über die Löhne verhandelt wird. Sie kommen in den Statistiken der Volkswirte nicht vor. Aber sie sind nicht unerheblich für das Funktionieren einer Volkswirtschaft und für die Frage, ob die Menschen sich darin noch wohlfühlen.

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