Medizinerstreik Ärzte wollen jede siebte Klinik lahmlegen


Im Streit um die Gehälter für Krankenhausärzte machen die Mediziner nun Ernst: Am Dienstag wollen sie Krankenhäuser im gesamten Bundesgebiet lahmlegen. Patientenvertreter finden die Forderungen der Ärzte "abenteuerlich".

Die Ärzte an kommunalen Krankenhäusern wollen am kommenden Dienstag bundesweit streiken.

Die rund 50.000 im Marburger Bund organisierten Mediziner an den Krankenhäusern von Städten und Gemeinden hätten bei einer Urabstimmung zu 98,7 Prozent für den Streiktag gestimmt, sagte Verbandssprecher Athanasios Drougias am Freitag in Berlin. Zwar laufe die Urabstimmung offiziell noch bis Mitternacht, doch werde sich an dem Ergebnis wohl nichts mehr ändern. "Der Streik findet definitiv statt", sagte er. Für einen Ausstand wäre eine Mehrheit von 75 Prozent erforderlich gewesen. Der Marburger-Bund-Vorsitzende Frank Ulrich Montgomery sprach von einem "überwältigenden Zeichen der Ärzte gegen katastrophale Arbeitsbedingungen und Ausbeutung in kommunalen Krankenhäusern".

100 Krankenhäuser lahmgelegt

Drougias kündigte an, am 13. Dezember würden von den 700 kommunalen Kliniken im gesamten Bundesgebiet 100 lahmgelegt. Dabei handele es sich um eine erste Streikwelle. Danach werde man die Reaktion der Arbeitgeber abwarten. Gegebenenfalls würden die Aktionen ausgeweitet. Die Ärzte fordern von der Vereinigung Kommunaler Arbeitgeber (VKA) Verhandlungen über einen arztspezifischen Tarifvertrag. Den zwischen der Gewerkschaft Verdi und dem VKA ausgehandelten Vertrag will der Marburger Bund nicht mittragen, da er erhebliche finanzielle Verschlechterungen für die Mediziner bedeute. Zudem fordern die Ärzte bessere Arbeitsbedingungen und ein Ende überlanger Arbeitszeiten. Ein Tarifabschluss für die kommunalen Hospitäler hätte auch Vorbildfunktion für Krankenhäuser in privater oder kirchlicher Trägerschaft.

Der Marburger Bund führt zurzeit auch Verhandlungen mit den Ländern über einen Tarifvertrag für die Ärzte an Unikliniken.

Patentenverband kritisiert Standesinteressen

Nach Ansicht des Allgemeinen Patienten-Verbandes sollten die Ärzte statt für höhere Gehälter lieber "gegen die irrsinnige Verschwendung" im Gesundheitswesen streiken. "Wenn die Verschwendung im Medizinbetrieb gestoppt würde, wären auch Gelder frei, um die Mediziner angemessen zu bezahlen", sagte der Präsident des Verbandes, Christian Zimmermann, der Deutschen Presseagentur in Marburg. "Zur Durchsetzung gesundheitspolitischer Forderungen halten wir einen Streik für berechtigt - aber nicht zur Durchsetzung engherziger Standesinteressen, die die Bevölkerung zusätzlich belasten würden."

Die Forderung der Ärztevertretung Marburger Bund nach 30 Prozent mehr Geld sei "abenteuerlich", kritisierte Zimmermann. "Das ist völlig aus der Welt. Mehr als drei Prozent wird man nicht rausholen können." Die Argumentation des Marburger Bundes, angesichts des Ärztemangels müssten die Gehälter stark angehoben werden, ist nach Ansicht des Verbandspräsidenten haltlos. "Mit der schrittweisen Einführung der Fallpauschalen werden in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich 20 bis 30 Prozent der Krankenhäuser schließen müssen - da gehen bis zu einem Drittel der Arbeitsplätze von Ärzten verloren."

Trotz eines Abbaus gebe es in den Krankenhäusern nach wie vor zu viele Betten, sagte Zimmermann. "Wir haben in Deutschland einen Bettenberg." Wenn Betten abgebaut würden, müsse aber gleichzeitig die ambulante Versorgung der Patienten ausgebaut werden. So könnten etwa kleine ländliche Krankenhäuser, die von der Schließung bedroht seien, in Ambulanzen umgewandelt werden.

"50 Milliarden Euro Sparpotenzial

Im Gesundheitswesen könnten Zimmermann zufolge jedes Jahr bis zu 50 Milliarden Euro eingespart werden, ohne die Versorgung der Patienten zu verschlechtern. Rund 20 Milliarden Euro würden mit überflüssigen Untersuchungen verschwendet. Im Vergleich zu Schweden werde in Deutschland etwa doppelt so viel geröntgt, und die Liegezeit im Krankenhaus sei im Schnitt doppelt so lang wie in Frankreich. "Das ist eine Überversorgung zum Zweck der Honorarsteigerung der Ärzte." Auf weitere 20 Milliarden Euro schätzt der Verband die Kosten durch Korruption im Gesundheitswesen. Die Schäden in Folge ärztlicher Behandlungsfehler beziffert Zimmermann auf etwa 10 Milliarden Euro jährlich.

DPA/Reuters DPA Reuters

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