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Niedrige Ostlöhne: Nix zu machen?

In Ostdeutschland sind die Löhne weit unter Westniveau, teilweise um ein Drittel. Woran es liegt, kann Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung erklären. Was dagegen zu tun ist - an dieser Frage scheiden sich die Geister.

Von Andreas Lang

Die Unterschiede zwischen Ost- und Westlöhnen sind extrem. Gründe dafür gibt es genug. "So finden sich in Ostdeutschland kaum Zentralen großer Firmen, die das Lohnniveau in vielen westdeutschen Standorten nach oben drücken", sagte Karl Brenke, Ostdeutschlandexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), zu stern.de.

Eine Studie der gewerkschaftsnahen Stiftung Hans-Böckler-Stiftung hatte laut einem Bericht der "Bild" ergeben, dass Ostdeutsche bis zu 41 Prozent weniger verdienen als Westdeutsche in vergleichbaren Lohngruppen. Im Durchschnitt betrage der Unterschied 21 Prozent. 70.000 Beschäftigte aus ganz Deutschland hatten sich nach Angaben der Stiftung an der Online-Umfrage beteiligt.

Wenig Einkommen, wenig Gewinn

Die Unternehmensstruktur im Osten sei ganz anders als im Westen, sagte Karl Brenke. Vorwiegend handele es sich um Kleinbetriebe und Branchen mit geringer Produktivität, zum Beispiel Bau und Landwirtschaft. Dort würde keine hohen Löhne bezahlt.

Die schwache Kaufkraft der ostdeutschen Konsumenten sei wiederum einer der Gründe für die teilweise extreme Lohngegensätze zwischen Ost und West. Vor allem Unternehmen, die auf regionale Märkte angewiesen sind - Handwerker, Landwirte, Händler - könnten ihren Angestellten nicht so viel zahlen, weil es ihnen an zahlungskräftiger Kundschaft fehle. "Das eine bedingt das andere", so Brenke über den Teufelskreis von niedrigen Einkommen und knappen Gewinnen. Gleichzeitig schränkt er ein: "Die Unterschiede bei den Löhnen zwischen Ost und West sind stark von der Branche abhängig."

Hoffen auf den Aufschwung

Ein Gegensteuern hält Brenke für aussichtslos: "Löhne werden vom Markt bestimmt. Was soll man dagegen anrennen", sagt der DIW-Experte. Einen staatlich festgesetzten Mindestlohn lehnt er ab, regionale Lohnunterschiede hält er für ein verbreitetes Phänomen: "Diese Unterschiede gibt es auch zwischen Hamburg und Ostfriesland," sagt Brenke.

Trotzdem könnten auch ostdeutsche Beschäftigte auf mehr Geld hoffen: "Wir müssen versuchen, den derzeitigen Aufschwung über ein paar Jahre zu halten. Dann wird sich das auch im Lohnniveau niederschlagen." Außerdem könnten geburtenschwache Jahrgänge in den kommenden Jahren in Ostdeutschland zu einem Mangel an Arbeitskräften führen und die Löhne zusätzlich steigen lassen.

Keine Reaktion aus Arbeitsministerium

Die Gewerkschaften dringen darauf, das Lohnniveau zwischen Ost und West so schnell wie möglich anzupassen. Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock sagte "Bild": "Dass die durchschnittlichen Arbeitseinkommen im Osten immer noch deutlich unter denen im Westen liegen, ist nicht zu rechtfertigen." Die Gewerkschaften seien der treibende Motor der Angleichung. Wie die Arbeitgeber zu dem Thema stehen, ist offen. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) lehnte auf Anfrage von stern.de eine Stellungnahme ab.

Auch das Bundesministerium für Arbeit hält sich vorerst bedeckt. "Es ist nicht Aufgabe des Staates, auf dem Gebiet der Lohnpolitik einzugreifen", sagte eine Sprecherin. "Das ist eine Frage des Marktes".