HOME

Prekäre Beschäftigung: Arbeit auf Abruf: Schuften im Heer der Tagelöhner von H&M und Co.

In Deutschland arbeiten rund 1,5 Millionen Menschen "auf Abruf" - und in ständiger Unsicherheit. Der Rechercheverbund Correctiv hat mit Angestellten gesprochen, die unter ihrem Status als moderne Tagelöhner leiden.

H&M

Bei H&M arbeiten viele Verkäufer auf Abruf

Seit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz lautstark Korrekturen an der Agenda 2010 fordert, sind die dunklen Seiten der Arbeitsmarktreform wieder Thema. Zu den Verlierern der Agenda-Reformen, gehört auch eine Gruppe, über die man wenig hört, weil sie keine starke Lobby hat: die Arbeiter auf Abruf. Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes hat ein Heer von modernen Tagelöhnern hervorgebracht, die auf prekärer und unsicherer Basis beschäftigt sind.

Das Gesetz erlaubt Arbeitsverträge, in denen lediglich eine geringe Mindestanzahl an Stunden je Monat festgelegt wird. Wann und in welchem Umfang der Mitarbeiter tatsächlich angefordert wird, liegt in der Hand des Arbeitgebers. Er muss lediglich vier Tage vorher Bescheid geben, wann er seinen Angestellten einzusetzen gedenkt. 1,5 Millionen solcher moderner Tagelöhner arbeiten in Deutschland, hat eine Studie von Karl Brenke, Arbeitsmarktforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ergeben, die das Recherchezentrum Correctiv zitiert.

H&M-Verkäuferin mit "Flexvertrag"

Correctiv hat auch mit Betroffenen gesprochen, die unter der Arbeit auf Abruf leiden. Eine Verkäuferin, Mitte 20, berichtet, das H&M ihr vertraglich lediglich zehn Stunden die Woche zusichert. Die tatsächliche Arbeitszeit schwankt zwischen 40 und 150 Stunden im Monat. In manchen Monaten verdient sie weniger als 500 Euro netto, in anderen mehr als das Doppelte. Auf dieser Basis eine Familie aufzubauen, erscheint ihr unmöglich. Ohne die Gehaltsnachweise ihres Freundes hätte sie wohl noch nicht einmal eine Wohnung in Hamburg gefunden, berichtet sie. Hochzeit und Familiengründung müssen warten, bis sie woanders eine richtige Vollzeitstelle gefunden hat.

Arbeit auf Abruf wird bei H&M offenbar systematisch eingesetzt. In ihrer Filiale seien die meisten Mitarbeiter mit solchen "Flexverträgen" ausgestattet, berichtet die Hamburger Mitarbeiterin. Laut einer internen Erhebung habe sich der Anteil solcher Verträge in den vergangenen 15 Jahren von 22 auf 42 Prozent erhöht, berichtet Correctiv. H&M bestätigte die Zahlen gegenüber Correctiv nicht, verwies stattdessen darauf, flexible Verträge würden sich vorrangig an Studenten richten und nicht an Mütter, die Berufsleben und Familie vereinbaren möchten.

Drogerie-Mitarbeiter packen aus: So mies werden Billiglöhner bei Rossmann behandelt

Arbeit auf Abruf in vielen Branchen verbreitet

Verträge "auf Abruf" bekommen aber auch in anderen Unternehmen nicht nur Studenten aufgedrückt, wie ein zweiter Fall zeigt. So arbeitet ein Familienvater seit 17 Jahren als Abrufkraft bei der Servicegesellschaft, die die Bordverpflegung für die Lufthansa liefert. Der zweifache Vater arbeitet annähernd Vollzeit - aber auf Abruf. Das Familienleben leidet unter der schlechten Planbarkeit der Einsätze.

In Modeläden und der Gastronomie ist Arbeiten auf Abruf besonders verbreitet, aber auch andere Branchen nutzen flexible Arbeitszeitverträge ungeniert. So berichtete die "Welt am Sonntag" vergangenes Jahr, dass bei der Spielzeugkette Toys R Us 90 Prozent der Angestellten mit flexiblen Teilzeitverträgen ausgestattet seien. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus dem Jahr 2015 muss jeder zehnte unbefristet Beschäftigte auf Abruf arbeiten.

Aus dem SPD geführten Arbeitsministerium bekam Correctiv zur Antwort Arbeit auf Abruf sei "eine zulässige arbeitsrechtliche Gestaltungsform". Ob Martin Schulz etwas daran ändern würde, sollte er Kanzler werden, ist bislang nicht bekannt. 

bak
Themen in diesem Artikel