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Online-Jobbörsen: Mein Arbeitsamt ist der PC

Wer eine Stelle sucht, kommt am Internet kaum vorbei: Online-Jobbörsen bieten ein größeres Angebot als Zeitungen und einen schnelleren Überblick. Die Probleme des Marktes kann das Netz aber nicht lösen.

Rüdiger Hild findet sein neues Glück früh am Morgen, gleich nach dem Aufstehen. Roland Brümmer jubelt an einem gemütlichen Sonntagnachmittag, beim Kaffeetrinken. Denn da flattern sie plötzlich über ihre PC-Bildschirme - die Traumjobs, auf die beide gehofft hatten. Unwichtig, dass der eine in Neunkirchen im Saarland vorm Computer sitzt und der andere in Katlenburg in der Nähe von Göttingen: Gemeinsam haben beide, dass sie im richtigen Augenblick auf der richtigen Website sind. Rüdiger Hild findet seinen Job bei der Stellenbörse Jobpilot, Roland Brümmer bei Stepstone.

Inzwischen reist Brümmer, 36, als strategischer Projekteinkäufer für Siemens durch die Welt; Rüdiger Hild, 29, trat vor kurzem seine allererste Stelle an. Der Ingenieur für Fahrzeugbau fand fünf Monate nach Studienende Arbeit bei einem Automobilzulieferer in Frankfurt am Main. Für ihre Jobsuche haben sich beide voll aufs Internet verlassen und kein einziges Mal zum Stellenteil einer Zeitung gegriffen. "Man müsste sich zehn Zeitungen kaufen und hätte immer noch nicht das Angebot einer großen Jobbörse abgedeckt", sagt Roland Brümmer.

Bundesanstalt für Arbeit will im Internet mitmischen

Wer derzeit Arbeit sucht, kommt bei der Jagd auf eine der wenigen offenen Stellen nicht mehr am Internet vorbei. "Die Online-Jobbörsen zu ignorieren heißt, sich einen Großteil der Angebote entgehen zu lassen", sagt Professor Christoph Beck, der an der FH Koblenz das so genannte E-Recruitment erforscht. Eine Studie der Universität Frankfurt am Main ergab, dass 96 Prozent der befragten Unternehmen ihre Jobofferten auf die eigene Homepage stellen und 88 Prozent auch die Internetbörsen zur Rekrutierung von neuen Leuten nutzen. Rund 400 solcher Online-Jobvermittler gibt es in Deutschland, Zehntausende Arbeitsstellen bieten sie an. Jetzt will auch die Bundesanstalt für Arbeit im Internet mitmischen: Auf dem "virtuellen Arbeitsmarkt" sollen ab Anfang Dezember bis zu 300.000 Stellen vermittelt werden.

Das Prinzip ist immer gleich: Bei Stepstone, Jobpilot, Jobware oder Monster könnten per Computer und Internet schon nach ein paar Stunden drei Online-Bewerbungen eingetippt und fünf Lebenslaufprofile in verschiedenen Datenbanken aktiviert werden. Die Suche in den Angeboten ist meist sehr einfach und üblicherweise kostenlos. Gleichzeitig geben viele Firmen ihre offenen Stellen in der Hoffnung an die Internetvermittler, dort geeignete Kandidaten für offene Positionen zu finden. Die Firmen zahlen den Jobbörsen dafür eine Gebühr.

"Viele Stellen waren längst vergeben"

Für Arbeitssuchende ist allerdings die Eingabe der eigenen Daten nur der erste Schritt bei der Online-Suche nach einer Anstellung. Stefan Köhn zum Beispiel hat kein einziges Angebot auf sein Profil hin bekommen - obwohl sein Lebenslauf bei fünf Stellenbörsen gespeichert war und er schon vor dem Diplom energisch mit der Stellensuche begann. "Ich wollte möglichst wenig Zeit verlieren", erinnert sich der Bauingenieur. Zweieinhalb Stunden suchte er täglich im Internet, eineinhalb Monate lang, jeden Tag. Insgesamt hat er es bei mehr als 40 Internetbörsen versucht. Doch er tippte nicht nur Bewerbungen ein und wartete nicht nur ab: Wenn er eine interessante Stelle fand, griff er zum Telefon und rief direkt bei den Firmen an - "doch viele Stellen waren längst vergeben". Bei Monster fand er schließlich eine Stelle in einem Ingenieurbüro in Düsseldorf mit Aussicht auf Projektarbeit im Ausland. Und das war genau das, was er immer wollte.

Für jede im Internet gefundene Stelle hat sich Köhn ganz konventionell schriftlich und altmodisch mit Bewerbungsmappe beworben. "Ich wollte nicht, dass das Bild von mir selbst, mein Lebenslauf, mein Anschreiben in eine vorgegebene Maske gepresst wird, die dann im Netz verschwindet und auf die ich keinen Einfluss mehr habe", sagt er. Inzwischen hat Stefan Köhn sein Büro am Rand von Athen bezogen, mit Blick aufs Meer. Im Auftrag von Siemens übernimmt er die technische Betreuung für den Bau eines Zuges, der bei den Olympischen Spielen 2004 den neuen Athener Flughafen mit der Innenstadt verbinden soll. Allerdings macht sich auch im Internet die dramatische Situation am Arbeitsmarkt bemerkbar. Hatte Jobpilot Anfang des Jahres 2001 noch 35.000 offene Stellen anzubieten, schrumpfte diese Zahl im August 2002 auf 13.300 und bis heute auf gut 11.000 Stellenanzeigen. Auch die Mitbewerber beklagen einen kontinuierlichen Rückgang der Angebote. Doch den Online-Börsen geht es viel besser als den Stellenmärkten der Zeitungen. Allein im ersten Halbjahr 2003 gab es dort 40 Prozent weniger Anzeigen. Die Internetbörsen sehen sich durch billigere Preise, höhere Reichweiten und Schnelligkeit im Vorteil: Hat ein Konzern eine Stelle zu besetzen, kann diese innerhalb weniger Minuten im Netz stehen und schon nach einigen Stunden die ersten Bewerber angelockt haben.

Proppenvolle Lebenslaufdatenbanken

Weil aber im Moment bei den Jobbörsen vor allem die Zahl der Stellengesuche und der gespeicherten Lebenslaufprofile wächst und nicht die der Angebote, lassen sich die Jobvermittler allerlei einfallen, um vom bloßen Anzeigenmarkt zum Allround-Personaldienstleister zu werden. Für Arbeitssuchende gibt es gegen Gebühr eine Überprüfung der Bewerbungsunterlagen durch Fachleute oder sogar ein individuelles Jobsuch-Training. Monster und Jobpilot beispielsweise bieten den Unternehmen an, eine Vorauswahl der Bewerber durchzuführen, erste Telefoninterviews zu machen und digitale Bewerbermanagementsysteme zu entwickeln, damit diese die Flut an Bewerbungen schneller und billiger bearbeiten können.

Wenn sich die Betreiber der Stellenbörsen Personalchefs und Headhuntern andienen, setzen sie vor allem auf die riesige Zahl qualifizierter Bewerber in ihren großen Lebenslaufdatenbanken. Bei Monster tummeln sich mehr als 340.000 Kandidaten, die angeblich alle aktiv einen Job suchen - jede Woche kommen bis zu 1.000 neue hinzu. Wie viel Qualität in der Quantität steckt, ist jedoch fraglich. Die Lebenslaufdatenbanken haben bei Jobsuchenden und Rekrutierern einen geteilten Ruf: Sie seien schlecht gepflegt, hätten zu viele Karteileichen und zu wenige Erfolgstreffer. Die Jobbörse Monster zum Beispiel lässt alle Lebensläufe mindestens sechs Monate in der Datenbank. Jobpilot schickt seinen Kandidaten nach drei Monaten eine Erinnerung mit der Bitte, das Profil zu aktualisieren. "Gute Bewerber werden innerhalb kürzester Zeit von Headhuntern abgefischt", beschreibt Hans-Christoph Kürn seine Erfahrungen als Personalmanager bei Siemens, "und die, die übrig bleiben, testen oft nur ihre Chancen, sind in fester Anstellung und gar nicht wechselwillig."

Hindernisparcours Stellenbörse

Bislang ohne Erfolg sucht der promovierte Biologe Ralph Brick, 33, (Name von der Redaktion geändert) im Internet nach einem Job. Er hat zwar aufgehört, sich jeden Samstag einen Stapel überregionaler Zeitungen zu kaufen ("das wird zu teuer"), aber im Internet vermisst er manchmal genau das, was eine Zeitung bieten kann - den schnellen Überblick. "Konzentriert man sich auf eine Stellenbörse, läuft man Gefahr, bei fünf anderen das beste Angebot zu verpassen", sagt er. Mit seiner Suche nach Jobs im pharmazeutischen und biotechnologischen Bereich hofft er nun eher auf Nischenanbieter wie bioberufe.de. Was er bei den Großen vermisst, ist eine "Über-Jobmaschine", die sämtliche Angebote zusammenfasst, egal aus welcher Börse sie kommen. "Wenn ich stundenlang vorm Monitor sitze und mich bei jeder Stellenbörse mit der Suchmaske und der besten Kombination der Schlagworte neu vertraut machen muss, ist die Zeitersparnis gleich null", sagt Ralph Brick.

Den Hindernisparcours Stellenbörse - auch den gibt es: Wer derzeit seinen Lebenslauf in den Datenbanken mehrerer Börsen speichern möchte, muss alle Daten bei jedem Anbieter neu eingeben. Und wer sich online bewerben will, wird oft mit Fragen konfrontiert, die nichts mit der Stelle zu tun haben, weil der Fragebogen von der Jobbörse kommt und nicht vom Unternehmen. Und wer sich schließlich für mehrere Jobs interessiert, selbst innerhalb einer Börse, muss die Bewerbung jedes Mal komplett neu eintippen.

Kampf um wechselwillige Fach- und Führungskräfte

Genau das will Jürgen Koch von der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg von Dezember an vereinfachen. Die Internetseite der Bundesanstalt für Arbeit soll zur zentralen Anlaufstelle für alle Arbeitssuchenden werden - und 20 Millionen Euro Werbe-Etat sollen die frohe Kunde verbreiten. Sämtliche Jobangebote, vor allem auch die der privaten Börsen, würden dann automatisch auf einem "virtuellen Arbeitsmarkt" einfach abrufbar sein - zumindest nach den Wunschvorstellungen des Arbeitsamtes. "Wer eine Stelle besetzt, ist uns egal", sagt Jürgen Koch, "Hauptsache, es passiert überhaupt." Also lautet sein Motto: Kooperation statt Konkurrenz: "Die kommerziellen Anbieter sollen nicht vom Markt verdrängt werden, sondern vom Arbeitsamt profitieren." Wer auf arbeitsamt.de eine Stelle findet, die von einer privaten Börse stammt, wird automatisch zum Internetportal der Stellenbörse weitergeleitet. So würden die keine Kunden verlieren, sondern welche hinzugewinnen. Koch geht davon aus, "80 Prozent der Jobbörsen vom Sinn des Kooperationsmodells zu überzeugen".

Das aber klappt bislang nicht richtig: Vier der großen Internetbörsen - Jobpilot, Monster, Stepstone und Jobscout24 - werfen dem Arbeitsamt vor, in funktionierende Marktsegmente zu drängen und dabei seine eigentliche Klientel, die Arbeitslosen, zu vernachlässigen. Dabei tobt der Kampf vor allem um den Kundenstamm der "wechselwilligen Fach- und Führungskräfte", den die privaten Jobbörsen gern allein bedienen würden.

Arbeitssuchende wenden sich direkt an Firmen

Zwar trauen die vier Anbieter dem "planwirtschaftlich und zentralistisch" strukturierten neuen Internetauftritt des Arbeitsamtes Erfolge kaum zu und gehen gar noch von "schlechteren Vermittlungsquoten" als bisher aus. Doch es scheint vor allem die Angst um die eigenen Pfründen zu sein, die sie auf Konfrontationskurs bringt. Schließlich bleibt das neue Serviceportal des Arbeitsamtes für alle Kunden kostenfrei, so auch für Arbeitgeber, die bei den privaten Jobbörsen bisher für jede Anzeige zahlen müssen. Schon seit Monaten werben 25 Account Manager der Bundesanstalt bei den Unternehmen für den virtuellen Arbeitsmarkt. Vor allem mit mehr Service wollen sie die Firmen locken: Die Suche nach dem passenden Bewerber soll beschleunigt werden, indem die Vermittler die Profile durchforsten und eine Vorauswahl der Kandidaten übernehmen. Zudem will das Arbeitsamt, ähnlich wie viele kommerzielle Anbieter, mehr für den Bewerber tun. Solche Dienstleistungen kosten zum Beispiel bei Jobpilot zwischen 109 Euro (Bewerbungsmappen-Check) und 1.400 Euro (Einzelcoaching), beim Arbeitsamt bleiben sie gratis.

Derweil Jobbörsen und Bundesanstalt noch streiten, wenden sich immer mehr Arbeitssuchende direkt an die Unternehmen: "Wir bekommen kaum Resonanz auf Anzeigen in den Jobbörsen. Die meisten Bewerber kommen direkt über unsere Homepage", sagt Hans-Christoph Kürn von Siemens und beschreibt damit einen Trend, der sich bei immer mehr Unternehmen durchsetzt: Sie schreiben ihre Stellen lieber gleich auf der eigenen Homepage aus. Auch die Lufthansa setzt auf den eigenen Internetauftritt. Bis 2005 sollen dort 80 Prozent aller Bewerbungen online eingehen. Und beim Medienriesen Bertelsmann, zu dem auch der stern gehört, kommen rund 60 Prozent aller Bewerbungen übers Netz. So könnte ausgerechnet das Internet die Online-Vermittler überflüssig machen - weil die Arbeitgeber dort für jeden Suchenden direkt erreichbar sind.

Jobbörsen im Internet

Das Portal der Bundesanstalt für Arbeit ist die ideale Startbasis für Arbeitslose, Zeitarbeiter, Praktikanten oder Umschüler. Umfangreich sind die Linklisten zu privaten Jobbörsen und Arbeitsvermittlern. Ab Dezember wird die Website als „virtueller Arbeitsmarkt“ neu gestaltet.

Jobpilot: Selbst der Marktführer der deutschen Online-Stellenbörsen bringt es derzeit auf nur gut 11.000 Vakanzen. Sinnvolle Zusatzdienste wie der regional differenzierte Gehaltstest helfen bei der Bewerbungsstrategie. Regelmäßige Expertenchats und Tipps anderer Jobsucher können ebenfalls nützliche Ratschläge liefern.

Jobscout24: Mit gut 14.500 freien Stellen ist dieser Ableger der Scout-Websites (u. a. auch Auto-Scout24) gut sortiert. Durch die Abdeckung praktisch aller Branchen haben viele Jobsucher eine gute Chance, fündig zu werden. Für Mini-Jobs (auf 400-Euro-Basis) gibt es eine eigene Rubrik.

Monster: Zu den Stärken des internationalen Netzwerks gehört die große Anzahl von freien Stellen in Europa, USA, Kanada, Singapur und Hongkong. Die Zahl der Angebote für den deutschsprachigen Raum ist mit rund 3.000 eher gering. Hilfreich sind die Foren für Bewerber sowie für Schüler und Studenten.

StepStone: Der Arbeitssuchende findet gut 7.000 Jobs in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In der Bewerberdatenbank sind IT-Fachleute besonders stark vertreten. Studenten finden Unternehmen, die Themen für Diplomarbeiten und Promotionen vergeben – ideal für angehende Ingenieure und Naturwissenschaftler.

Jeanette Otto / print