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Robuster Arbeitsmarkt Deutschland, der Krisenweltmeister


Die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt zeigt: Deutschland hat die Krise im Griff und setzt auf einen baldigen Aufschwung. Sollte sich die Hoffnung erfüllen, kommen wir mit einem blauen Auge davon.
Von Marcus Gatzke

Die beste These über eine Krise ist schon reichlich alt und kommt vom 1991 verstorbenen Schweizer Schriftsteller Max Frisch: "Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen."

Deutschland war in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg äußerst produktiv: Die erste Welle des weltweiten Finanz-Tsunamis wurde dank Abwrackprämie, verlängertem Kurzarbeitergeld und staatlichem Rettungsfonds verhältnismäßig gut überstanden. Politik, Wirtschaft und Bürger haben die Krise ernst genommen, ohne in Panik zu verfallen. Massenentlassungen sind weitgehend ausgeblieben, der private Konsum ist nicht eingebrochen. Die "German angst" gehört spätestens seit dem Jahr 2009 der Vergangenheit an.

Nichts belegt diese positive Bilanz besser als die Entwicklung am Arbeitsmarkt. Im Dezember lag die Zahl der registrierten Arbeitslosen bei 3,27 Millionen. Das sind lediglich rund 170.000 mehr als ein Jahr zuvor. Und das, obwohl die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr um fast fünf Prozent eingebrochen ist.

"Dass es im vergangenen Jahr keinen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit gegeben hat, ist angesichts der enormen Wirtschaftskrise sehr erstaunlich", sagt Peter Meister, Volkswirt bei der BHF Bank. Lob kommt auch aus Amerika: "Das deutsche System der Kurzarbeit funktioniert in der Rezession besser", sagt der amerikanische Nobelpreisträger George Akerlof.

Das deutsche System funktioniert

Grund für den bislang nur leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit ist neben dem staatlichen Kurzarbeitergeld auch die tief verwurzelte Sozialpartnerschaft in Deutschland. Nahezu geräuschlos haben Gewerkschaften und Arbeitgeber in vielen Unternehmen für Entlastung an der Kostenfront gesorgt. Bei Bosch etwa arbeiten einige Beschäftigte nur 30 Stunden die Woche - vorgesehen sind eigentlich 35. Einen Lohnausgleich oder Kurzarbeitergeld bekommen sie dafür nicht. Bei Automobilhersteller Daimler verzichteten die Mitarbeiter freiwillig auf eine ausstehende Gewinnbeteiligung.

Aber auch das Kurzarbeitergeld wird nicht endlos gezahlt und die Arbeitszeitverkürzung kann die Umsatzeinbrüche nicht vollständig kompensieren. Deshalb beschäftigt viele Experten die Frage: Wird der Arbeitsmarkt 2010 so robust bleiben? Eine klare Antwort zu finden ist schwierig.

Trumpfkarte Sozialpartnerschaft

Zwar werden 2010 werden die für Deutschland so wichtigen Exporte wieder anziehen - die Bundesbank rechnet beispielsweise mit einem Plus von vier bis fünf Prozent. Die Auftragsbücher sind aber auch dann noch weit davon entfernt, die Vorkrisen-Niveaus zu erreichen. Deshalb sind Stellenkürzungen in vielen Branchen trotz staatlicher Subventionen unausweichlich.

Aber die Arbeitslosigkeit wird 2010 bei weitem nicht so stark steigen, wie noch vor einigen Monaten befürchtet. "Wir gehen von 3,6 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt aus", sagt Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) stern.de. "Die Unternehmen hoffen auf ein baldiges Ende der Krise und wollen deshalb ihr Beschäftigten möglichst halten", ist er überzeugt.

Andere sind etwas pessimistischer: "Die Krise ist noch lange nicht vorbei, auch wenn manche so tun", sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, unlängst in einem Interview. "Wir haben es mit Strukturveränderungen zu tun, die sich noch lange auswirken." Die BA rechnet für 2010 mit im Schnitt 4,1 Millionen Menschen ohne Arbeit.

Aber auch wenn es vier Millionen werden sollten, wäre der Anstieg im Vergleich zu anderen Ländern immer noch moderat. In den USA sind seit Ausbruch der Rezession Ende 2007 mehr als sieben Millionen Jobs verloren gegangen. Auch in vielen europäischen Ländern war der Arbeitsplatzabbau deutlich schärfer. "Im internationalen Vergleich sind wir das Land, was es am besten geschafft hat, die Krise vom Arbeitsmarkt fernzuhalten", konstatiert Wirtschaftsexperte Horn. "In diesem Punkt sind wir der große Gewinner."

Einiges steht noch aus

Und die Tarifparteien sind bereit, das Sicherheitsnetz für die Beschäftigten 2010 weiter aufrechtzuerhalten und auszubauen. Die IG Metall hat bereits eine weitgehende Lohnzurückhaltung angekündigt: "Die Sicherung von Beschäftigung steht im Vordergrund", sagte IG-Metall-Vize Detlef Wetzel in der "Berliner Zeitung" und machte gleichzeitig Vorschläge, wie der zu erwartende Stellenabbau in der Metall- und Elektrobranche möglichst gering ausfallen könnte: Eine weitere Reduzierung der Arbeitszeit bei einem nur teilweisen Lohnausgleich. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser hält den Vorschlag für "grundsätzlich erwägenswert".

All dies darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland vor weitreichenden Veränderungen steht. Gerade in der Automobilindustrie, der Branche, die wohl mit am stärksten von der Krise getroffen wurde, stehen weitere schmerzhafte Einschnitte bevor, um bestehende Überkapazitäten abzubauen. Und die Metall- und Elektroindustrie wird frühestens 2012 das Produktionsniveau von 2007 wieder erreichen.

Im laufenden Jahr wird die deutsche Wirtschaft zwar wieder wachsen - zwischen 1,2 und 2,5 Prozent prognostizieren Experten. Selbsttragend ist der Aufschwung aber noch lange nicht. Ein statistischer Übergang aufgrund des massiven Einbruchs im vergangenen Jahr sowie die Nachwirkungen der Konjunkturprogramme sorgen für eine höhere Wachstumsrate. Aber immerhin, es besteht die Chance, dass die deutsche Strategie aufgeht. "2011 wird die Arbeitslosigkeit wohl nicht mehr steigen, aber auch nur ganz langsam zurückgehen", schätzt BA-Chef Weise. Damit wäre Deutschland mit einem blauen Auge davongekommen.


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