Studie Moderne Arbeitswelt isst Seele auf


Die DAK schlägt Alarm: Immer mehr Arbeitnehmer lassen sich wegen psychischer Probleme krankschreiben. Wegen der zunehmend härteren Arbeitswelt könnten Depressionen bald zu Volkskrankheiten werden, so die Krankenkasse.

Zukunftsangst, Überforderung und Leistungsdruck schlagen den Arbeitnehmern in Deutschland immer stärker auf die Psyche. Obwohl der Krankenstand in den Betrieben insgesamt stetig sinkt, ist die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme seit 1997 um 70 Prozent angestiegen. Die Deutsche Angestellten-Krankenkasse sprach am Dienstag bei der Vorlage ihres jüngsten Gesundheitsreports von einer dramatischen Entwicklung, die in erster Linie auf die Veränderungen in der Arbeitswelt zurückzuführen seien.

"Angststörungen und Depressionen werden immer mehr zu Volkskrankheiten der Zukunft", sagte DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher. Psychische Krankheiten hätten auch 2004 wieder "über alle Branchen und Berufe hinweg" zugenommen. Als besonders alarmierend bewertete er, dass in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit auch immer mehr junge Arbeitnehmer unter psychischen Problemen litten. So hätten sich die Fälle seit 1997 bei Männern zwischen 25 und 29 Jahren mehr als verdoppelt. Nach einer DAK-Umfrage unter 1000 Beschäftigten war insgesamt jeder siebte Berufstätige bereits wegen psychischer Probleme in professioneller Behandlung.

Psychische Erkrankung Grund für jeden zehnten Krankheitstag

Gesundheitsreport zufolge, der auf den Daten von fast 2,6 Millionen Erwerbstätigen beruht, sind psychische Erkrankungen mittlerweile die vierthäufigste Ursache für Fehltage in den Betrieben. Jeder zehnte Krankheitstag sei darauf zurückzuführen, so Rebscher, außerdem fast ein Drittel aller Frühverrentungen. 1993 lag dieser Anteil gerade einmal bei 18 Prozent.

Eine Reihe von Experten, die die DAK zu den Ursachen befragt hat, führt die Entwicklung vor allem auf eine härtere Arbeitswelt zurück. Immer mehr Arbeitnehmer litten unter Leistungsdruck, Zukunftsangst, Überforderung durch immer neue Anforderungen, Mobbing und Isolation, erläuterte Hans-Dieter Nolting vom Institut für Gesundheits- und Sozialforschung in Berlin. Die Auswirkungen der Arbeitsmarktreform Hartz IV seien nicht gezielt untersucht worden, dürften aber indirekt eine Rolle gespielt haben.

Betroffene gehen früher zum Arzt

Zugleich werden psychische Erkrankungen mittlerweile aber auch schneller erkannt und besser behandelt. Außerdem suchen die Patienten wegen psychischer Probleme eher einen Arzt oder Psychologen auf als früher. Rebscher verlangte, die Vorsorge und die Versorgungsqualität zu verbessern.

Der Münchner Psychiatrieprofessor Ulrich Hegerl verwies auf die Erfolge des "Bündnisses gegen Depression", das es sich zum Ziel gesetzt hat, Hausärzte besser zu schulen und ein integriertes Versorgungsnetz aufzubauen. In Nürnberg, wo das Bündnis im Jahr 2000 startete, gingen die Selbstmordzahlen seither deutlich zurück: im Jahr 2002 laut Hegerl sogar um ganze 24 Prozent.

Positive Nachrichten konnte die DAK dagegen vom Krankenstand insgesamt vermelden: Dieser sank 2004 bei der zweitgrößten deutschen Krankenversicherung nach fünf Jahren der Stagnation von 3,5 auf 3,2 Prozent. Im Schnitt waren die DAK-Mitglieder damit 11,6 Tage krankgeschrieben. Rebscher führte auch dies unter anderem auf die Angst vor Arbeitslosigkeit zurück.

AP AP

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