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Transporeon: Lkw-Transport per Mausklick

Um den passenden Spediteur zu finden, mussten sich die Angestellten vieler Unternehmen bislang die Finger wund telefonieren. Dank "Transporeon" können sie Transportaufträge in Zukunft ganz einfach mit wenigen Mausklicks erledigen.

Von Nicola Meier

In der Logistikabteilung der Firma Creaton in Ichenhausen glühten früher die Telefondrähte. Täglich mussten die passenden Spediteure für 150 Lkw-Ladungen gefunden werden, damit die Ware von Deutschlands größtem Dachziegelhersteller auch pünktlich ans Ziel kommt. Also telefonierten die Disponenten sich die Finger wund. Sie wählten immer wieder die Nummern ihrer Spediteure, kamen nicht durch, versuchten es wieder, telefonierten und telefonierten. Am Ende waren sie ziemlich gestresst. Als Alfons Hörmann, Vorstandsvorsitzender von Creaton, im April 2000 dann einen Anruf von "vier jugendlichen Herren" bekam, die ihm sagten, dass sich die Transportvergabe auch viel einfacher abwickeln lasse, man hätte da etwas ganz Neues entwickelt, wurde er hellhörig und vereinbarte einen Termin.

Die vier jugendlichen Herren, die damals bei Hörmann anriefen, waren Peter Förster, Marc-Oliver Simon, Roland Hötzl und Axel Busch von der Ulmer Firma "Transporeon". Als sie Hörmann anriefen, waren sie Mitte 20, gerade mit der Uni fertig und suchten einen Pilotkunden für die Online-Logistikplattform "Tisys", die sie entwickelt hatten.

Simple Idee mit großem Effekt

Die Plattform vernetzt Verlader, also die Versender von Fracht, und Spediteure elektronisch miteinander und vereinfacht so die Transportvergabe. Hat ein Unternehmen eine Fracht zu transportieren, stellt es diesen Auftrag bei "Tisys" ein. Alle Spediteure, mit denen der Unternehmer zusammenarbeitet, sehen den Auftrag. Sind sie interessiert, geben sie ein Angebot auf die Tour ab. Der Verlader wählt dann das beste Angebot aus und vergibt den Frachtauftrag per Mausklick. Die anderen Spediteure erhalten automatisch eine Absage. Oft geht das Ganze in Minuten. Die Vorteile der Plattform liegen auf der Hand: Die Verlader finden schneller den passenden Spediteur. Die Spediteure können ihre Touren besser planen und Leerfahrten vermeiden.

"Eine simple Idee, aber mit großem Effekt", sagen die vier Gründer. Die Schwachstellen bei der bisherigen Transportvergabe waren den Wirtschaftsingenieuren Förster, Simon und Hötzl während ihres Studiums aufgefallen, als sie ihre Praxissemester in verschiedenen Unternehmen verbrachten, "wo sich die Disponenten tagtäglich einen Wolf telefonierten". Ihnen war klar: "Das muss auch anders gehen." Und weil sie sich sowieso nach ihrem Abschluss selbstständig machen wollten und das Internet boomte, entstand eines Abends beim Grillen die Idee einer Online-Logistikplattform. Das war im Spätsommer 1999.

Erst Skepsis, dann Zustimmung

Studienfreund und IT-Experte Busch tüftelte mit den drei Wirtschaftsingenieuren an der Realisierung der passenden Software und schon ein halbes Jahr später stellten die vier Jungunternehmer ihr Produkt bei Creaton vor. Und zu ihrer Überraschung hatten sie damit auch ihren ersten Kunden, denn Hörmann war schnell überzeugt von der Idee. Creaton führte die Logistikplattform im Betrieb ein. "Natürlich waren die Mitarbeiter skeptisch", erinnert er sich, "aber die Skepsis ist schnell in Zustimmung umgeschlagen. Heute kann sich bei uns niemand mehr vorstellen, ohne die Plattform zu arbeiten."

So positiv wie Creaton stand allerdings nicht jedes Unternehmen der Logistiksoftware gegenüber. "Das war Missionarsarbeit", erinnern sich die vier Jungunternehmer. "Viele Unternehmen taten sich schwer damit, dass der Prozess, der seit Ewigkeiten gleich ablief, auf einmal völlig anders und noch dazu elektronisch funktionieren sollte." Doch sie blieben hartnäckig, "weil wir fest an unser Produkt geglaubt haben". Die Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt. Immer mehr Unternehmen entscheiden sich in Zeiten wachsenden Transportaufkommens, hoher Spritpreise und Mautgebühren für die Plattform der Ulmer, um ihre Logistikprozesse zu optimieren, darunter große Firmen wie Dunlop und Electrolux.

Mittlerweile nutzen 140 Großverlader und über 4000 Spediteure die Software. Schon nach drei Jahren war das Unternehmen in den schwarzen Zahlen. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 4,4 Millionen Euro, dieses Jahr sollen es 5,3 Millionen Euro werden. Pro Tag werden 7500 bis 8000 Transportaufträge über die Plattform abgewickelt. Das sind immerhin schon 3,5 Prozent des gesamten Auftragsvolumens. 96.000 Leerkilometer können so täglich eingespart werden.

Expansion ins Ausland

Nur ein Anfang, denn über ein Drittel der Lkws sind nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg ohne Ladung unterwegs. Für das vergangene Jahr verzeichnet die Behörde fast 150 Millionen Leerfahrten. Auch der Umweltaspekt spielt für immer mehr Unternehmen eine Rolle, wenn sie sich für das Angebot der Ulmer entscheiden. Und die Jungunternehmer haben bereits begonnen, den Markt im Ausland zu erobern. Die Software wird bereits in Polen, Österreich, Italien, Frankreich und Belgien vertrieben. Und das soll erst der Anfang sein.

Mittlerweile sind die Vier gerade mal Anfang 30. Entsprechend locker ist der Umgangston auf den zweieinhalb Etagen, die "Transporeon" in einem Ulmer Neubau gemietet hat. Straffe Hierarchien gibt es nicht, mit ihren Angestellten sind die Chefs per Du. Im Gegenzug erwarten sie aber auch vollen Arbeitseinsatz von ihren "Transporeanern". Von denen gibt es mittlerweile rund 70, Ende des Jahres sollen es 80 sein. Der Platz wird langsam eng auf den zweieinhalb Büro-Etagen. Wahrscheinlich zieht die Firma im nächsten Jahr um. Die Suche nach dem passenden Möbelspediteur sollte für das Team von "Transporeon" kein Problem sein.

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