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Walter Lindner: Ein Mann für jede Tonart

Er reiste mit Rucksack und Querflöte durch die Welt - und landete als Diplomat und Sprecher von Joschka Fischer im Auswärtigen Amt.

Der Pförtner in der Deutschen Botschaft in San Salvador schaute genervt auf den Kerl mit den langen Haaren, der am Tor klingelte. Schon wieder ein Hippie ohne Geld. Er blätterte im zerfledderten Pass, dann ließ er den jungen Mann widerwillig passieren. Der hieß Walter Johannes Lindner, geboren in München, sah aber aus wie Jesus auf Wanderschaft. Der Pass und ein paar Reiseschecks, die er im Gürtel eingenäht hatte - das war alles, was er noch besaß. Den Rest hatte ihm ein junger Salvadorianer geklaut, den er im Bus kennen gelernt hatte. Das war 1978.

Heute ist der Hippie ein Vortragender Legationsrat Erster Klasse, trägt feines Tuch, Weste und Krawatte. Und wenn er in den deutschen Botschaften dieser Welt anklopft, stehen vom Pförtner bis zum Botschafter alle stramm. Denn wo Walter Lindner, 46, auftaucht, ist der Chef, 55, nicht weit. Joschka Fischer und sein Sprecher sind ein ungewöhnliches Paar - beide entsprechen nicht dem gängigen Klischee vom Diplomaten.

Bunter Hund unter braven Scheitelträgern

Der Außenminister hat eine scharfe Zunge, ein vulkanisches Temperament und ist der deutsche Meister der Selbstvermarktung. Den muss sein Sprecher nicht geschickt verkaufen - Fischer macht das selbst. Lindner ist der ruhige Pol im Hintergrund. Seine Gemütsruhe mag er ziehen aus der Gewissheit, dass es viele Jobs gibt auf der Welt, die ihm Spaß machen könnten. Zum Beispiel Parkwächter an der Copacabana - das war er schon. Oder jazzen in Nicaragua - dort hat er mal eine CD aufgenommen, auf der er alle zwölf Instrumente, darunter die türkische Laute Saz, plus vier Synthesizer selbst gespielt hat. Fischer kannte Lindner nur kurz, als er ihn im August 2002 zu seinem Sprecher ernannte. Der Job beim Außenminister sei wie "Hochreckturnen", findet Lindner, man sei ständig auf Achse. Nur wer eine gute Kondition habe, halte das Tempo Fischers aus. Noch keinem Journalisten ist es gelungen, ihm auch nur einen Satz über seinen Chef zu entlocken - das verbiete die "Loyalität".

Meist steht Lindner schräg hinter Fischer, ist aber dennoch nie zu übersehen. Mit 1,98 Meter überragt er ihn um Haupteslänge. Auffälligstes Merkmal: Seine langen Haare sind straff nach hinten gekämmt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Manchmal, wenn er seine Augen hinter einer kleinen, ovalen Sonnenbrille versteckt und den kräftigen Bart drei Tage lang nicht rasiert hat, sieht er aus, als habe sich der jüngere Bruder von Frank Zappa in die deutsche Politik verirrt. "Das soll der Sprecher der Deutschen sein?", fragten amerikanische Journalisten im vergangenen Februar ungläubig, als Lindner wie ein bunter Hund neben all den brav gescheitelten Spitzendiplomaten im UN-Sicherheitsrat stand. Ein Sprecher mit Pferdeschwanz, sagten sie, das wäre im Washingtoner State Departement "schwer vorstellbar".

In Berlin ist Lindner noch nicht auf seine Mähne angesprochen worden. Er wisse zwar nicht, was hinter seinem Rücken erzählt werde, aber das sei ihm "sowieso egal". Die "Süddeutsche" schrieb kürzlich maliziös, er werde "unter Eingeweihten gern auch die "alte Frau Lindner"" genannt.

Bis heute Fan von Willy Brandt

Der schillernde Chef und sein unorthodoxer Sprecher haben beide mal als Taxifahrer angefangen, beide rauchen nicht und trinken keinen Alkohol mehr. Aber da enden die Gemeinsamkeiten schon. Fischer glaubte in seiner wilden Jugend, man könne die Revolution beschleunigen, wenn man mit harten Gegenständen wirft. Lindner hörte weniger auf Ho Chi Minh als auf Hermann Hesse, er zog mit einem großen Rucksack und einer Querflöte immer gen Osten. Das Ziel war ein Indien, das er in seiner Fantasie zu einem Ort mystischer Stille und heiterer Meditation verklärte. Ein Morgenland, in dem Buddha zur Erleuchtung gelangte. Das richtige Indien war ein Schock, heiß und dreckig, die Armut ein Albtraum, noch schlimmer, wie gleichgültig sie hingenommen wurde.

Neulich, als er im Tross von Fischer in einer klimatisierten schwarzen Limousine durch Indien chauffiert wurde, fiel ihm wieder ein, wie er damals, Mitte der Siebziger, durch den Subkontinent gezogen war. Da lag er im Gepäcknetz von vollgestopften Zügen, in der billigsten Klasse, mit Menschen, die Betelnüsse kauten und dann den roten Saft auf den Boden spuckten. Es gab weder Fenster noch Toiletten, wer mal musste, setzte sich in die Ecke. Das Traumland war fast Endstation: Von einem Joghurt, der wohl infiziert war, bekam er eine Gelbsucht, die ihn fast umbrachte. Wochenlang lag er in Katmandu in einem verdunkelten Zimmer und kurierte sich mit einer Reispampe gesund. Zurück nach München? Das kam nicht in Frage. Jetzt wollte er den Rest der Welt auch noch sehen.

Lindner stammt aus einer gutbürgerlichen Münchner Familie, sein Vater war Direktor an einem anthroposophischen Gymnasium. Ein Schöngeist, der ratlos zuschaute, wie sein Sohn mit 14 Jahren beschloss, die Haare wachsen zu lassen, und sie acht Jahre lang nicht mehr abschnitt. Das humanistische Gymnasium interessierte den rebellischen Sohn nur am Rande, seine Leidenschaften waren die Politik und die Musik. Ihn hat "das Flippige" der 68er-Bewegung fasziniert, nicht die ideologischen Rankereien der siebziger Jahre. Der bittere Streit um die Ostverträge 1972, als Willy Brandt beinahe von der Union gestürzt wurde, machte ihn zum Willy-Fan. Er ist es bis heute geblieben.

Beethoven in Chile

Bei einer Klassenfahrt nach London sah er den Jethro-Tull-Flötisten Ian Anderson auf der Bühne toben, und er war hin und weg. Er kaufte sich eine Querflöte und studierte das Instrument fortan mit solcher Leidenschaft, dass er noch während der Schulzeit zum Studium am Münchner Konservatorium zugelassen wurde. Dazu lernte er Klavier, gründete eigene Bands, spielte Bossanova, Jazz oder Klassik: "Alles lief darauf raus, dass ich als Orchestermusiker ende. Aber wie viele Flötisten braucht es in Deutschland? Und nachher sitze ich zwanzig Jahre lang im Kurorchester Bad Reichenhall?"

Irgendwo festzusitzen - das ist bis heute das Schlimmste, das er sich vorstellen kann. Eines Tages schmiss er alles hin, sagte seiner Freundin Lebewohl, packte seine Flöte ein und fuhr um die Welt. Das Geld für die lange Reise hatte er sich damit verdient, Betonpumpenlaster in den Nahen Osten zu überführen. Anfangs war es der klassische Hippietrip, von Istanbul über Teheran, Kabul nach Goa und Katmandu, immer dem blauen Rauch der Haschpfeife nach. Aber die schwere Gelbsucht hatte ihn wachgeklopft: "Als ich all die Westler an den Tempeln dumpf rumsitzen und betteln sah, dachte ich: "Das kann es doch nicht sein!"" Dafür griff ihn nun das Reisefieber, statt zurück nach München fuhr er immer weiter Richtung Osten. Als in Chile irgendwann das Geld knapp wurde, packte er seine Querflöte aus und spielte in einem Orchester vier Wochen lang Bach, Beethoven und Bruckner. Während seiner Zeit in Südamerika lernte er außerdem Gitarre, Spanisch und Portugiesisch.

Über Samoa, Feuerland und Brasilien kam er nach vier Jahren wieder in München an, mit Haaren bis zur Taille und dem Wissen, dass er für einen Job, der ihn am Schreibtisch festnagelte, auf alle Zeiten versaut war. Er begann, Jura zu studieren, das Geld dafür verdiente er sich nachts beim Taxifahren. Eines Abends stieg eine junge, hübsche Kurdin zu ihm ins Taxi, die aus einer alawitischen Familie stammt - die Religionsgemeinschaft, die sich auf Ali, Sohn des Propheten Mohammed beruft, wird von den anderen Muslimen nicht anerkannt, weil sie ihnen zu liberal ist. Sie sprach kaum Deutsch, er kein Türkisch. Aber gefunkt hat es sofort; Mediha, zu Deutsch: frohe Botschaft, und er sind nun seit 22 Jahren zusammen, und Türkisch spricht er inzwischen fließend. Weil ihn die Vorstellung grauste, als Anwalt in München an einem Fleck festgenagelt zu sein, bewarb er sich beim Auswärtigen Amt.

Soul in New York

Ankara, die erste Station im Ausland, war Anfang der neunziger Jahre ein heißes diplomatisches Pflaster. Hunderttausende Kurden waren im ersten Golfkrieg aus dem Nordirak in die Türkei geflohen, vielen von ihnen drohte der Hunger- oder Kältetod in 2000 Meter Höhe. Undiplomatische, unbürokratische Hilfe war notwendig. Im Auftrag des deutschen Botschafters zogen Lindner und seine Frau in die ostanatolischen Berge, um zu helfen: "Ich hatte einen Koffer mit 100 000 Dollar in bar, damit haben wir alle Läden rings um Sirnak leergekauft, Lastwagen gemietet und die Lebensmittel dann in die Berge geschafft." Die Türkei schaute dem Treiben des Deutschen und seiner Frau argwöhnisch zu. Zumal Mediha Lindner zusammen mit Freundinnen in Ankara das erste Frauenhaus der Türkei gegründet hatte. "Das Misstrauen war nicht gerechtfertigt", sagt sie heute. "Ich habe all diese Kurdistan-Träume für falsch gehalten. Ich war immer dafür, dass Kurden und Türken brüderlich in einem Staat zusammenleben sollten."

Dann gingen die Lindners nach Nicaragua, damals noch von den Sandinisten beherrscht. Anfangs hatten sie sich gefreut, weil sie in ihrem Idealismus geglaubt hatten, die Linken würden das Land aus der Armut führen. Es war ein bitteres Erwachen. Das Haus, in dem sie wohnten, hatte Tomas Borge gehört, dem Cheftheoretiker der Sandinisten. "Er war ein reicher Mann mit vielen Villen, die er, genau wie seine Vorgänger, irgendjemandem weggenommen hatte", erinnert sich Mehida Lindner. "Das Volk aber war genauso arm und unterernährt wie beim Diktator Somoza."

Die UN-Vertretung in New York war die dritte Station: "Was für eine Stadt, man geht morgens auf die Straße und kriegt einen Energiestoß, als würde man an eine Steckdose angeschlossen", erzählt Lindner, der sich zu Hause ein professionelles Soundstudio eingerichtet hat und in New York zwei CDs mit der Soul-Sängerin Grace Campbell aufnahm. Alle Instrumente spielte er, wie immer, selbst.

Seit er Sprecher des Auswärtigen Amtes ist, bleibt für die Musik kaum noch Zeit. Manchmal sitzt er zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens an seinen Synthezisern, nur um "nicht zu vergessen, dass es ein Leben außerhalb des Amtes gibt". Dafür kann er seine andere Leidenschaft, das Reisen, derzeit voll ausleben. "Eigentlich ist er immer unterwegs", sagt seine Frau. "Wenn ich wissen will, wo er gerade ist, mache ich den Fernseher an."

Claus Lutterbeck / print