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Luftverkehr Lufthansa fährt Flugprogramm wieder hoch – bis September werden alle Ziele wieder angeflogen

Reisende am Schalter der Fluggesellschaften Lufthansa und Swiss in Faro.
Reisende am Schalter der Fluggesellschaften Lufthansa und Swiss in Faro.
© Vasco Célio/ / Picture Alliance
Die Lufthansa aktiviert ihr komplettes weltweites Streckennetz trotz anhaltender Virusinfektionsgefahr und Reisebeschränkungen. 
Jenny von Zepelin

Das Lufthansa-Management fährt den Flugbetrieb trotz anhaltender Virusinfektionsgefahr und Reisebeschränkungen wieder auf volle Stärke hoch. „Wir haben entschieden, dass wir bis September nahezu alle Flugziele wieder anbieten, um ein vollwertiges Angebot für Privat- und Geschäftsreisende zu haben“, sagte Heiko Reitz, oberster Netzplaner des Konzerns in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Capital (Ausgabe 08/2021; EVT 15. Juli 2021).

Alle Ziele weltweit sollen demnach wieder angeboten werden, allerdings zunächst nicht in der gleichen Frequenz mit zum Teil mehreren Flügen pro Tag auf einer Strecke. „Wir bieten Netzbreite statt Netztiefe an“, sagte Reitz weiter. Der 41-Jährige ist dem Vorstand um Konzernchef Carsten Spohr direkt unterstellt. Reitz entscheidet mit seinem rund 100 Mitarbeiter großen Team, welche Verbindungen die Konzernlinien Lufthansa, Swiss, Austrian, Brussels und Eurowings aufnehmen.

Im vergangenen Jahr kam der Luftverkehr weltweit durch die Corona-Pandemie zum Erliegen. Die Lufthansa musste den Verkehrsbetrieb zu 95 Prozent herunterfahren und rund 700 Flieger stilllegen. Viele der 110.000 Mitarbeiter wurden in Kurzarbeit geschickt, in der Bilanz stiegen die Verluste stündlich um 1 Mio. Euro. Nur eine milliardenschwere Hilfszusagen und eine Beteiligung des Bundes bewahrte den Konzern vor der Insolvenz.

Fliegen Geschäftsreisende bald wieder mit Lufthansa?

Seit einigen Wochen ziehen die Reisebuchungen wieder an, liegen aber noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau des Jahres 2019. Neben Frachtflügen sind nun in der Ferienzeit vor allem typische Touristenziele wie Mallorca, Italien und Griechenland gefragt. Diese Strecken hat auch die Lufthansa ins Programm genommen, obwohl sie nicht zum Kerngeschäft gehören. Geld verdient das Unternehmen mit Geschäftsreisenden auf Langstreckenflügen.

Die bleiben allerdings noch aus. Es gab zuletzt nur einen Lufthansa-Flug pro Woche nach Buenos Aires, vor der Krise waren es im Konzern sieben, manchmal neun. Nach China können Lufthansa und die Schwestermarken nur sechsmal pro Woche fliegen statt wie zuvor bis zu 70-mal. Am schlimmsten sieht es bei den US-Verbindungen aus: Der wichtigste und profitabelste Markt der Lufthansa ist für den breiten Passagierverkehr immer noch weitgehend gesperrt.

Den Fokus auf Geschäftsreisende will das Lufthansa-Management dennoch beibehalten. Auch wenn viele Experten davon ausgehen, dass diese Klientel auch künftig Zeit, Aufwand und Geld für Flugreisen sparen wird. An der Ausrichtung des Konzerns mit dem riesigen, kostenverschlingenden Apparat aus zahlreichen Fluglinien und großen Flughafenstandorten will der Vorstand nichts ändern. „Unsere fünf Drehkreuze München, Frankfurt, Zürich, Wien und Brüssel bleiben erhalten, ebenso das engmaschige Netz an Zubringerflügen von Regionalflughäfen“, kündigte Netzplaner Reitz an.

Diese Streckenplanung gehört zu den wesentlichen strategischen Entscheidungen, die das Lufthansa-Management derzeit treffen muss. Die Positionierung im Markt ist riskant, aber klassische Wettbewerb wie Air France und British Airways sortieren sich für den Neustart und Rivalen wie Turkish Airlines, Qatar Airways oder Singapore Airlines expandieren bereits kräftig, ebenso wie die Billiganbieter Ryanair oder die ungarische WizzAir.

Lufthansa platziert neue Anleihe

Neben der operativen Aufstellung muss die Lufthansa auch die tiefen Löcher in der Bilanz wieder flicken. Offiziell bereitet sich der Konzern auf eine Kapitalerhöhung vor. Die Aktionäre hatten bei der Hauptversammlung zugestimmt, dass darüber bis zu 5 Mrd. Euro frisches Geld eingesammelt werden darf, um die Staatshilfen zurückzahlen. Konzernchef Carsten Spohr hatte erst kürzlich getönt, dass er das möglichst noch vor der Bundestagswahl im September erledigen wolle: „Wir waren eines der ersten Unternehmen, das von der Bundesregierung gerettet wurde, wir wollen auch eines der ersten Unternehmen sein, das die Rettungsmittel zurückzahlt“, so Spohr vor wenigen Tagen. Doch zu der Kapitalerhöhung gibt es bislang keine Entscheidung: weder von Vorstand und Aufsichtsrat, noch von der Regierung, die über den Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) ebenfalls zustimmen müsste.

Stattdessen hat die Lufthansa nun erneut eine Anleihe in Höhe von 1 Mrd. am Markt platziert. Sie besteht aus zwei Tranchen, die zu einer Stückelung von 100.000 Euro gezeichnet wurden und zu 2, 0 und 3,5 Prozent verzinst werden. Bereits im Februar hatte die Lufthansa eine Anleihe über 1 Mrd. Euro bei Anlegern platziert und damit einen Teil der erhaltenen Staatshilfen zurückgezahlt. Ende März verfügte der Konzern nach eigenen Angaben über liquide Mittel von 10,6 Mrd. Euro und hatte zu diesem Zeitpunkt rund 2,5 Mrd. Euro der staatlichen Finanzhilfen genutzt.

Damit hat die Lufthansa den Markt erneut erfolgreich angezapft, obwohl die im MDax notierte Aktie zuletzt volatil reagiert hat etwa auf Nachrichten zur Verbreitung der Virusvariante und entsprechende Verschärfung und Lockerung der Reisebeschränkungen.

Die Lufthansa betont, dass sie sich eine mögliche Kapitalerhöhung weiter offenhält. Über den Umfang und Zeitpunkt gibt es nach wie vor keine Angaben. Auch nicht darüber, ob der Staat mitziehen würde, ob und wann der Staat seinen Anteil von 20 Prozent wieder abgibt und ob und wann die Erben des verstorbenen Unternehmers Heinz Hermann Thiele ihren verbliebenen Anteil von 4,52 Prozent wie geplant verkaufen werden.

Der Artikel erschien erstmals auf Capital.


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