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Medienpreis: "Verschlossene Auster" für HypoVereinsbank

Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche hat am Samstag ihren Kritik-Preis die "Verschlossene Auster" an die HypoVereinsbank vergeben. Der Preis wurde stellvertretend für die 'Informationspolitik' fast aller Dax-30-Unternehmen verliehen.

Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche hat am Samstag ihren Kritik-Preis die "Verschlossene Auster" an die HypoVereinsbank vergeben. Sie erhalte den Preis stellvertretend für fast alle 30 DAX-Unternehmen, teilte das Netzwerk bei seiner jährlichen Medienkonferenz in Hamburg mit. Diese untersagten es Hörfunk- und TV-Journalisten meist, bei Hauptversammlungen die Aussprache zwischen Vorstand und Aktionären mitzuschneiden. Während die Rede der Vorstandschefs gefilmt werden dürfe, würden die oft kritischen Stimmen der Aktionäre den Hörern und Zuschauern vorenthalten.

Informationspraxis kritisiert

"Die Öffentlichkeit hat das Recht, umfassend über die Unternehmen informiert zu werden, die für zehntausende Arbeitsplätze Verantwortung tragen und mit ihren Entscheidungen die Wirtschaftspolitik des Landes entscheidend mitprägen", betonte der Vorsitzende des Netzwerk Recherche, Thomas Leif.

Die Informationspraxis der Unternehmen auf Hauptversammlungen ist schon mehrfach in die Kritik geraten. So hatte der Bayerische Journalistenverband im vergangenen Jahr den Kauf von je einer Aktie aller bayerischen Dax-Unternehmen angekündigt, um damit Rederecht auf Hauptversammlungen zu erhalten und dabei mehr Pressefreiheit zu fordern.

Auch Aldi und Schily haben eine Auster

Das in Wiesbaden ansässige Netzwerk Recherche setzt sich für kritischen Journalismus ein. Die "Verschlossene Auster" hatten zuvor bereits Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) und der Lebensmittelkonzern Aldi erhalten. Die Preisträger bekommen zur Erinnerung eine Skulptur des Marburger Künstlers Ulrich Behner.

Im Netzwerk Recherche haben sich zahlreiche Journalisten zusammengeschlossen, um den Wert der seriösen Recherche zu fördern. Vorsitzender Thomas Laif erklärte zu Beginn der Tagung: "Unser Ziel ist es, die Rahmenbedingungen und Blockade, die kritischen Journalisten im Weg stehen, aufzuräumen."

Rau ruft zu seriösem Journalismus auf

Bundespräsident Johannes Rau hat Zeitungen, Radio und Fernsehen vorgeworfen, immer öfter die Würde der Menschen zu verletzen. „"ch finde es nicht akzeptabel, wenn Fotos von toten deutschen Polizeibeamten in Irak veröffentlicht werden", sagte Rau am Samstag beim Journalistenkongress in Hamburg. Eine Schlagzeile wie aus der "Bild"-Zeitung "Frau Ministerin, sie machen uns krank" nannte Rau eine Entgleisung. "Persönliche Angriffe auf Menschen sind etwas anderes als berechtigte Kritik", sagte er. Die RTL-Sendung "Dschungelcamp" nannte der scheidende Bundespräsident abstoßend. Auch einen langen "Spiegel"-Bericht über den Mann, der Bundeskanzler Gerhard Schröder geschlagen hatte, kritisierte er.

Rau formulierte auf der Jahrestagung des Reporter-Zusammenschlusses Netzwerk Recherche Forderungen an die Presse, um die Qualität des deutschen Journalismus zu sichern. Es gebe "eine ganze Reihe von Entwicklungen, die mir Sorgen machen", sagte er. So forderte Rau zum Beispiel eine gute Ausbildung von Journalisten und betonte: "Forschheit und Kritikfähigkeit sind noch lange nicht dasselbe." Er habe den Eindruck, dass sich die Kompetenz der Berichterstattung deutlich verschlechtert habe.

Sachzusammenhänge vermitteln

Das Staatsoberhaupt forderte die Journalisten auf, nicht nur einzelne Tatsachen darzustellen, sondern die Bürger über die Zusammenhänge zu informieren. Er erinnerte an eine Aktion der "Bild"-Zeitung, in der die Senkung der Ökosteuer gefordert wird. "Wissen diese Menschen, dass die Ökosteuer in die Rentenbeiträge fließt? Kommt dann die nächste Aktion: Höhere Rentenbeiträge oder Rentenkürzungen?", fragte er. Er halte es "für eine der wichtigsten Aufgaben von Journalismus, den Menschen komplexe Sachzusammenhänge zu vermitteln", fügte der Bundespräsident hinzu.

Rau kritisierte den Hang der Medien dazu, künstlich aufgeregte Themen aufzubauen. Er schilderte den Fall von Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe, der in einem Interview die geltende Gesetzeslage geschildert habe, wonach Privatunternehmen Tunnel oder Brücken bauen dürfen und dann Maut kassieren. Daraufhin hätten die Medien falsch berichtet, Stolpe wolle eine Pkw-Maut einführen. Trotz einer Richtigstellung des Ministeriums seien die Berichte noch tagelang weitergegangen.

Streit über Kampagnenjournalismus

Außerdem gebe es in den Medien "eine fatale Lust an Schwarzmalerei". Diese Lust fördere die Entfremdung zwischen Bürger und Staat. Häme und Zynismus könnten ein Gemeinwesen in Gefahr bringen, sagte er. "Die Grenze verläuft da, wo Politiker allgemein in Misskredit gebracht werden", betonte Rau. Vorher hatten auf der Tagung Chefredakteure und Medienberater über den Vorwurf des Kampagnenjournalismus diskutiert. Der Chefredakteur der "Welt am Sonntag", Christof Keese, erklärte: "Ich finde, Kampagnen haben in Zeitungen nichts zu suchen." Es kommt in der deutschen Presse viel zu selten vor, dass man sich entschuldige.

Medienberater Michael Spreng sagte dagegen: "Eine Kampagne ist nicht per se schlecht." Er erinnerte an die Bundesbankaffäre zu Jahresbeginn. Das sei eine "Kampagne für die Wahrheit" gewesen. Nach Ansicht von Spreng gibt es heute "eine größere Wehleidigkeit" bei Politikern und Journalisten. Medienberater Klaus-Peter Schmidt-Deguelle beklagte: "Die wirtschaftliche Lage der Verlage und Sender ist bei den Journalisten angekommen". Die Schlagzeile sichere den Platz in der Redaktion. DLF-Chefredakteur Rainer Burchardt sprach von einer "Ökonomisierung der Ware Information."

DPA