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TV-Doku: Die Auster im Kanzleramt

Das ZDF versucht sich mit einer Dokumentation an "Kanzlerin Merkel" - scheitert aber just in jenen Momenten, in denen Merkel etwas hätte preisgeben sollen. So liefert ausgerechnet CSU-Rivale Horst Seehofer einige der stärksten Szenen.

Von Sebastian Christ

Fernsehjournalisten haben ein Problem: Sie brauchen nicht nur Informationen, sondern auch sendbare Bilder. Wenn beides zusammen kommt, inhaltliche Tiefe und optische Stärke, dann stehen die Chancen für einen wunderbaren Fernsehabend gut. Um es vorweg zu nehmen: Am Dienstagabend reicht es im ZDF nur zu einigen wunderbaren Minuten. Was aber nur teilweise an den Journalisten liegt, die an dem Dokumentarfilm "Kanzlerin Merkel" mitgearbeitet haben. Schuld ist vor allem die Protagonistin selbst. Denn wir Deutschen haben nicht nur die erste Frau in das höchste Regierungsamt gewählt, sondern auch eine waschechte Auster.

Normalerweise würde nämlich kein zurechnungsfähiger TV-Journalist auf die Idee kommen, eine Portrait-Doku über jemanden zu drehen, der einfach keine Lust darauf hat, in privaten und sonst wie aussagekräftigen Situationen gefilmt zu werden. Bei Angela Merkel ist das anders: Sie steht als Regierungschefin in der Öffentlichkeit. Und die Aufgabe von Journalisten ist es, sie in ihrer Arbeit zu kontrollieren. Dazu gehört auch zu hinterfragen, wie eine Kanzlerin zu bestimmten Entscheidungen kommt. Wie tickt sie? Was treibt sie? Wovor hat sie Angst? Doch genau dazu liefert sie den ZDF-Leuten - wie nicht anders zu erwarten - kaum aufschlussreiche Zitate.

Ausgeliefert - wie früher

Ausnahmen sind die Szenen, die im Kanzleramt gedreht wurden. Sie stechen auch optisch aus den übrigen Bildern heraus: Sonst sieht man sie meist im Kreise der anderen Spitzenpolitiker, hier ist man endlich mal allein mit Merkel. Und manchmal sieht man eine Kanzlerin, die sich der Kamera ausgeliefert fühlt - wie früher, als Merkel noch eine von vielen Nachwuchshoffnungen in der CDU war. Es sind einfache Fragen, bei denen sie unruhig wird: Was würde sie mitnehmen, falls es doch schief geht am 27. September? "Na, diese Fragen beantworte ich nicht. Ich konzentriere mich in den verbliebenen Tagen darauf, dass ich hier wieder einziehen kann und die Gegenstände weiter sehen kann." Dabei sucht ihr Blick einen Ankerpunkt und findet ihn nicht. Das Zitat endet mit einem gekieksten "Okay?" von Angela Merkel. Leider sind solche Momente rar in dem Film. Und wenn, dann bieten sie höchstens eine erste Ahnung davon, wie es hinter der Fassade aussehen könnte.

An Exklusivbildern ist der Film ohnehin arm. "Sie ist sehr gerecht: Was sie uns gibt, gibt sie anderen auch", sagt die mitverantwortliche Autorin Michaela Kolster. Das ist sehr höflich ausgedrückt.

"Kanzlerin Merkel" lebt vor allem durch das, was der Sprecher aus dem Off ins Mikrofon hinein analysiert. Das ist zum Teil stark - wenn haarklein dargestellt wird, wie Merkel die CDU-Ministerpräsidenten kalt gestellt hat. In manchen Momenten ist es jedoch einfach nur grober Unfug. So soll angeblich der Auftritt von Gerhard Schröder bei der Elefantenrunde 2005 Merkels "Rettung" im Kampf um das Kanzleramt gewesen sein. Wenn das stimmte, müssten in den Jahreschroniken für 2005 ganze Absätze nachträglich geschwärzt werden. Auch die Passagen über Merkels Außenpolitik sind bild- und aussageschwach. Phasenweise verfällt der Sprecher in Politjournalistensprech, wenn er beispielsweise über die "arrangierte Ehe" zwischen Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy redet.

Seehofer lässt tief blicken

Am aufschlussreichsten sind die Zitate von Horst Seehofer über die Kanzlerin. Beide waren schon Kabinettskollegen unter Bundeskanzler Helmut Kohl. "Seehofer ist im politischen Karussell eine besondere Person", sagt Kolster. "Er kennt sie sehr lange und kann sie sehr gut einschätzen."

So sagt Seehofer etwa über die Zusammenarbeit mit Merkels engstem Zirkel: "Ich muss eigentlich nur Funklöcher überwinden, um an sie ranzukommen, aber als Minister in ihrem eigenen Kabinett muss man schon einige umschiffen im Kanzleramt. Vom Chef des Kanzleramts bis zu ihrem Büro." Das lässt tief blicken.

Bleibt eine Frage: Aufschlussreiches über Merkel bekommt man selten - von Merkel. Wie knackt man die Auster doch? In den 60er Jahren stand der amerikanische Autor Gay Talese vor einer ähnlichen Herausforderung. Er sollte ein Portrait von Frank Sinatra schreiben, doch Sinatra wollte nicht mit ihm reden. Stattdessen recherchierte Talese ein halbes Jahr im Umfeld des Entertainers, hing unter anderem mit seinen Bodyguards ab und traf die Frau, die ihm die Toupets hinterher schleppte. Nicht, dass man Merkel ähnlich nahe kommen könnte. Doch bevor man zur besten Sendezeit altbekannte Handschlag-Bilder mit den Politgrößen der Welt über den Äther jagt, sollte man mehr Seehofers befragen. Wer weiß, vielleicht redet Merkel dann ja eines Tages doch noch einmal. Und sagt dabei sogar etwas.

"Kanzlerin Merkel", ZDF, 11. August, 20.15 Uhr

  • Sebastian Christ