2. Quartal Deutsche Wirtschaft schrumpft weiter


Die deutsche Wirtschaft ist auch im zweiten Quartal geschrumpft. Das reale Bruttoinlandsprodukt habe sich saison- und kalenderbereinigt um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal verringert, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Deutschland ist im ersten Halbjahr in eine leichte Rezession gerutscht. Nachdem im zweiten Quartal die Wirtschaftsleistung erneut schrumpfte, sehen Experten die deutsche Wirtschaft nun aber auf dem Weg einer langsamen Erholung, die erst im nächsten Jahr an Kraft gewinnt.

Vor allem wegen stark rückläufiger Exporte verringerte sich das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den Monaten April bis Juni um 0,1 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Experten zufolge belastete unter anderem die Aufwertung des Euro die stark exportabhängige deutsche Wirtschaft.

Dennoch gehen Volkswirte davon aus, dass Deutschland in den kommenden Monaten mit Hilfe der Nachfrage aus dem Ausland wachsen wird. Wie Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) warnten sie aber vor zu großem Optimismus. Alle Indikatoren sprächen für eine Besserung, es werde aber kein "Manna vom Himmel" fallen, sagte Clement.

Exporte sinken stärker als Import

Im zweiten Quartal gingen die Exporte nach Angaben des Statistikamts stärker zurück als die Importe, wodurch sich der Exportüberschuss verringerte. "Der hiervon ausgehende negative Beitrag zum Wirtschaftswachstum konnte von der nur leichten Erhöhung der inländischen Verwendung gegenüber dem Vorquartal nicht ausgeglichen werden", erklärten die Statistiker.

Für die Schwäche der deutschen Exporte zählte Gerd Haßel von der ING BHF-Bank eine Reihe von Gründen auf: "Die Folgen des Irak-Kriegs, die Reaktion in den USA auf die deutsche Haltung zum Irak-Krieg, SARS und der Wechselkurs des Euro haben bei der Entwicklung des Außenbeitrags eine Rolle gespielt."

Die Wirtschaftsleistung hatte bereits in den Monaten Januar bis März um 0,2 Prozent abgenommen. "Damit waren wir technisch in einer Rezession", sagte Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank. Nach gängiger Definition gilt ein Rückgang des BIP in zwei aufeinander folgenden Quartalen als Rezession. Dies geschah in Deutschland zuletzt im zweiten Halbjahr 2001. Wie einige Volkswirte bewertete aber Clement (SPD) die derzeitige Lage als Stagnation und nicht als Rezession.

Über die engen Handelsbeziehungen bremst Deutschland mit seiner anhaltenden Schwäche auch seine Nachbarn. Italien und die Niederlande steckten im ersten Halbjahr ebenfalls in einer Rezession, das niederländische BIP schrumpfte im zweiten Quartal sogar um 0,5 Prozent. Auch die gesamte Euro-Zone hat nach Ansicht von Experten von April bis Juni allenfalls stagniert.

Konjunkturelle Erholung erst zum Jahresende erwartet

Trotz einer leichten Stabilisierung der Binnenwirtschaft erwarten die meisten Volkswirte nicht, dass die Binnenkonjunktur für die zur Erholung notwendigen Wachstumsimpulse sorgen kann. "Obwohl sich die Erwartungen der Unternehmen und Haushalte verbessert haben, ist ein von der Binnenwirtschaft getragener Aufschwung unwahrscheinlich", sagte Haßel. "Das dritte Quartal wird wohl weiter um die Stagnation herum liegen, erst ab dem vierten Quartal wird die Wirtschaft etwas anziehen." Ähnlich äußerte sich HVB-Volkswirt Thomas Hueck: "Die Impulse kommen dann erst mal wieder von außen. Ob der Aufschwung nachhaltig wird, ist die große Frage."

Clement zeigte sich vorsichtig zuversichtlich für die weitere Wirtschaftsentwicklung. "Alle Indikatoren sprechen dafür, dass es in der zweiten Jahreshälfte besser werden könnte", sagte er in Köln. Wirtschaftsforscher und Ökonomen erwarten für das Gesamtjahr selbst bei einer Erholung im zweiten Halbjahr allenfalls ein minimales Wachstum, Pessimisten prognostizieren sogar einen Rückgang der Wirtschaftsleistung. Die Bundesregierung rechnet dagegen weiter mit einem Zuwachs des BIP von 0,75 Prozent.

Zum Vorjahr sank das BIP im zweiten Quartal um 0,6 Prozent, lag ohne Kalendereffekte aber nur um 0,2 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresquartals. Für das Jahr 2001 revidierte das Statistische Bundesamt das BIP leicht nach oben auf 0,8 von zuvor 0,6 Prozent. Details zur Wirtschaftsentwicklung zwischen April und Juni wird das Amt kommende Woche veröffentlichen.

Klaus Lauer und Sven-Markus Egenter

Deutschland erlebte bisher vier Rezessionsjahre

Die Bundesrepublik Deutschland hat bislang vier Rezessionsjahre erlebt: Nach den Wirtschaftswunderjahren ging erstmals 1967 die Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Vorjahr zurück. 1975 und 1982 - nach den damaligen Ölkrisen - schrumpfte die Wirtschaft erneut. Das bislang letzte Rezessionsjahr gab es nach dem Ende des Einheitsbooms 1993. Einige Ökonomen sprechen allerdings auch schon von einer Rezession, wenn das Bruttoinlandsprodukt in zwei Quartalen in Folge niedriger ausfällt als im jeweiligen Vorquartal. Eine solche Schwächephase erlebte die deutsche Wirtschaft zuletzt in der zweiten Jahreshälfte 2001 - und nun wieder im ersten und zweiten Quartal dieses Jahres.

1966/67

Die erste Rezession 1966/67 hatte in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Nach den Boom- Jahren des Wirtschaftswunders mit einem Wachstum von bis zu zwölf Prozent begann die Arbeitsproduktivität zu sinken. Die Steuereinnahmen fielen niedriger aus als erwartet, die Staatsausgaben wuchsen stärker als die Wirtschaft. Die Bundesregierung reagierte über ihr Stabilitäts- und Wachstumsgesetz mit konjunkturpolitischen Maßnahmen. Die Bundesbank erhöhte zugleich vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden Inflation die Zinsen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg und die Investitionen gingen zurück. 1966 hatte die Teuerungsrate 3,6 Prozent erreicht. Die Arbeitslosenquote stieg von 0,7 Prozent 1966 auf 2,1 Prozent 1967.

1974/75

Die Zinspolitik und die Verlangsamung der weltwirtschaftlichen Entwicklung führten in die Rezession 1974/75. Bei der ersten Ölkrise verteuerten sich schlagartig wichtige Rohstoffe. Die höheren Energiekosten zogen in Deutschland wie in den übrigen westlichen Ländern wichtige Kaufkraft ab. Rekordinflation führte zu extrem hohen Lohnabschlüssen. Die Bundesregierung lenkte mit Energieeinsparungen und der Erschließung anderer Energiequellen gegen.

1982/83

Auch die zweite Ölkrise traf die westlichen Industrieländer 1982/83 hart. In Deutschland ließen die Ölpreisexplosion und eine anhaltende Konsolidierungskrise das Wirtschaftswachstum 1981 auf praktisch Null und 1982 auf etwa minus ein Prozent sinken. Gegenmaßnahmen hatten zum Teil unerwünschte Folgen. Die in die Minderung der schon 1983 auf 8,1 Prozent gestiegenen Arbeitslosigkeit und in die Stärkung der Konjunktur gesteckten Milliardenbeträge hatten in den folgenden Aufschwungjahren eine wachsende Staatsverschuldung zur Folge.

1993

Wachsende Staatsschulden, hohe Arbeitslosigkeit (8,9 Prozent) und Inflation (4,5 Prozent) sowie eine Flaute im Exportgeschäft waren 1993 der Hintergrund für ein erneutes Schrumpfen der Wirtschaft.

2001/2002

In den Jahren 2001 und 2002 schließlich bekam die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft erneut - insbesondere nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 - die Folgen eines internationalen Konjunktureinbruchs zu spüren. Das im Vorjahr noch um fast drei Prozent gestiegene Bruttoinlandsprodukt nahm 2001 lediglich um 0,6 Prozent zu, 2002 nur noch um 0,2 Prozent.


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