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Alessandro Profumo: Der große Unbekannte

Er fährt Fiat, geht auf linke Feste - und ist Italiens erfolgreichster Banker. Jetzt kauft Alessandro Profumo die Hypovereinsbank für 15 Milliarden Euro.

Der Mann, der gerade 15 Milliarden Euro für die zweitgrößte deutsche Bank, die Hypo-Vereinsbank, hingelegt hat, fährt privat einen Fiat. Sonntags radelt er zum San-Siro-Stadion, die Dauerkarte für Inter Mailand hat er selbst bezahlt, nicht, wie in seinen feinen Kreisen üblich, der Arbeitgeber. Wenn er am Wochenende zum Schnorcheln nach Sharm el-Sheik in Ägypten fliegt, sitzt er mit seinen 1,95 Metern in der Economy-Klasse. Dass er dennoch auf großem Fuß lebt, dafür kann er nichts - für Schuhgröße 48 findet man in Mailand nur Maßschuhe. Der Mann mit dem grauen Haar und dem gebräunten Ingenieursgesicht würde wohl nie auffallen, wenn er nicht dieses eine teure Hobby hätte: Banken kaufen.

Alessandro Profumo, 48, ist ein Banker, an den sich das großspurige Gewerbe in Deutschland erst gewöhnen muss. Der Aufsteiger legt wenig Wert auf ackermännische Auftritte vor der Kamera, die Frankfurter Hybris ("Peanuts", hatte Ex-Deutsche-Bank-Chef Kopper über die 50 Millionen Mark gespottet, die Handwerker beim Schneider-Konkurs verloren) ist ihm fremd. Was ihn aber am meisten unterscheidet etwa von den Managern der Hypo-Vereinsbank, die das bayerische Geldhaus mit Schrottimmobilien, faulen Krediten und schwachem Privatkundengeschäft zum Übernahmekandidaten abwirtschafteten: Profumo hat Erfolg.

So kühl und nüchtern er nach außen wirkt, so ruppig ist er nach innen. Mitarbeiter, die seinem Tempo nicht gewachsen sind, lässt er gern spüren, dass er sie für Lahmärsche hält. In Mailand hieß er deshalb nach einem Männerparfüm: "Arrogance", eine Anspielung auf seinen Namen Profumo (italienisch: Duft, Parfüm). Seine Aktionäre freilich vergöttern den großen Grauen mit der goldenen Nase. Er hat den Börsenwert von Unicredit um das Zehnfache auf knapp 26 Milliarden Euro gesteigert, sie ist heute die Nummer eins in Italien. Zusammen mit der Hypo-Vereinsbank, die mehrere tausend Stellen verliert, wird der neue Koloss die neuntgrößte Bank in Europa sein, weit vor der Deutschen Bank.

Der schlanke Technokrat, der zu Hause beim Strampeln auf dem Fitnessrad gern Bilanzen liest, stammt aus einer alten Genueser Familie. Die Leute aus der Hafenstadt gelten als die Schwaben Italiens - sie sparen nicht nur gern, sie ekeln sich vor Verschwendung. Profumo hat an der Mailänder Elite-Universität Bocconi studiert und nebenher am Schalter einer kleinen Bank sein Studium verdient. Über einen Job bei der Unternehmensberatung McKinsey und dem Versicherer RAS landete er 1994 als jüngster Bankchef Italiens beim Credito Italiano.

In knapp zehn Jahren hat er die Provinzbank so umgekrempelt und das italienische Bankgewerbe gleich mit, dass sein Haus heute eines der profitabelsten Europas ist. Unicredit wies 2004 einen Gewinn von 2,1 Milliarden Euro aus. Profumo kaufte in den 90ern fünf Sparkassen, entließ Leute, ohne dass es Ärger gab, straffte die Verwaltung und formte eine moderne, transparente, nach angelsächsischen Prinzipien modellierte Bank. Als einer der Ersten erkannte er, dass in Osteuropa viel Geld zu verdienen ist, heute ist Unicredit dort das größte und rentabelste Institut.

Trotzdem gilt er als Linker, er wurde öfter mal beim sozialistischen "Festa dell' Unità" gesehen und wird als möglicher Finanzminister einer Mitte-Links-Regierung gehandelt. Eine gute Bank, sagt er, dürfe "nicht nur Profite einfahren", ihre soziale Verantwortung sei nicht erfüllt, "wenn sie einen Betriebskindergarten einrichtet". In den letzten Jahren ist Corporate Governance, die Art und Weise, wie Unternehmen aufgebaut und geführt werden, zu seinem Dauerthema geworden. Darin wird er wohl stark beeinflusst von seiner Frau Sabina, die jeden Morgen mit dem Motorrad in eine Mailänder Stiftung braust und dort über die "soziale Verantwortung von Unternehmen" forscht.

Profumos steiler Aufstieg ins "Firmament der europäischen Banken" ("Business Week") ist ein Wunder. Denn in Italien entstand zwar 1472 die erste moderne Bank der Welt, aber an den byzantinischen Machenschaften hatte sich bis vor kurzem wenig geändert. "Spaghetti banking", spottete das "Wall Street Journal" über die verfilzte Welt von Politik, Industrie und Finanzwelt. Profumo hält dagegen. Mit einem riskanten Coup stürzte er vor zwei Jahren einen der mächtigsten Vertreter der alten Schule. Zu einer Vorstandssitzung erschien Profumo einst im mittelalterlichen Kostüm, um sich über die verstaubten Sitten lustig zu machen. Man darf gespannt sein, wie er die Münchner Banker aufmischt. Vielleicht in Lederhosen.

Claus Lutterbeck / print