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"Angie, lass uns nicht hängen!"

Seit die Pleitegeier über dem Mutterkonzern General Motors kreisen, haben die Opelaner auf Hilfssignale aus dem Kanzleramt gewartet. Jetzt war Angela Merkel da - zu einem ohnehin geplanten Besuch. Die Kanzlerin versprach zu helfen, konkret wurde sie nicht. Ein "positives Gefühl" hinterließ sie trotzdem.

Von Sebastian Christ, Rüsselsheim

Eine seltsame Feierlichkeit tragen die Menschen im Rüsselsheimer Opelwerk an diesem sonnigen Frühlingsmorgen mit sich herum. Es könnte ein großer Tag werden. Oder auch nicht. Überall hin hat die Marketingabteilung das Datum drucken lassen: Als Hinweisschilder am Eingang, an Pfosten und in den Werksstraßen. Oder groß an der Wand hinter dem Rednerpult: Blitzlogo, Opelschriftzug, 31. März. Vor der Veranstaltungshalle stehen Museumsautos, ein vergoldeter Kapitän etwa. Die große Zeit von Opel. Innen haben Helfer Dutzende Reihen mit Veranstaltungsstühlen ineinander gehängt. Auf den braunen Polstern in der ersten Reihe stehen in schnurgerader Reihe Namensschilder: Franz-Josef Jung, Roland Koch, Angela Merkel, Thorsten Schäfer-Gümbel, Dirk Metz. Ein Mann saugt das Podium ab. Ein anderer verjagt die Journalisten, die drauf steigen wollen. Hier steht auch der Stolz der Autobauer. So etwas wie ihre Zukunftsoption: der Opel Ampera. Ein Elektroauto. In zwei Jahren serienreif. Wenn es das Unternehmen dann noch gibt.

Der Termin war lange geplant

Kanzlerin Angela Merkel reiste aus Berlin an, um vor 3000 Menschen in einer dunklen Ex-Fabrikhalle zu sprechen. Der Termin war lange vorher vereinbart worden, in einer Zeit, als man das Ausmaß der Weltwirtschaftskrise nur erahnen konnte. Dass Merkels Besuch jetzt zu einer Art wirtschaftspolitischer Fürbittveranstaltung werden würde, konnte niemand ahnen. Wird sich die Kanzlerin zu möglichen Staatshilfen äußern? Die gesamte Opel-Spitze ist heute da, Gewerkschaftler, Betriebsräte, PR-Fotografen und sogar ein Kinderchor. Alles ist durchgeplant.

Gegen halb elf, anderthalb Stunden vor Beginn der Veranstaltung, kommen die ersten Opelaner in die ehemalige Werkshalle. Ihre Schritte und ihre Stimmen hallen durch den Raum. Die Fensterscheiben sind vor längerer Zeit mal schwarz getüncht worden. Die Farbe blättert, hier und da mischt sich ein bisschen weißes Sonnenlicht unter das gelbe Strahlen der Scheinwerfer. Ein Betriebsrat hat ein Pappschild mitgebracht. Er setzt sich an den linken Seitenflügel und hält es den vorbeilaufenden Journalisten in die Kamera: "Angie, du wirst uns doch nicht hängen lassen!" Der Mann hat eine unzweifelhafte Erwartungshaltung: "Sie wird schon da sein, um uns ein positives Signal zu übersenden. Ansonsten wäre sie doch gar nicht gekommen."

Kurs der Kanzlerin war nicht immer klar

In den vergangenen Wochen war der Kurs der Kanzlerin nicht immer klar: Erst konnte man hören, dass sie eine Rettung des Traditionsunternehmens kaum für möglich hält, weil die Verflechtung mit dem Mutterkonzern General Motors zu eng sei. Dann hieß es, dass sie einer Staatsbeteiligung kritisch bis ablehnend gegenüber stehe. Und eine Bürgschaft? Sie wollte sich nicht endgültig festlegen. Was natürlich nicht unbedingt zur Beruhigung bei den Arbeitern in Rüsselsheim beigetragen hat: An dem Wort der Kanzlerin hängt ihre eigene berufliche Zukunft. Und nicht zuletzt auch die der gesamten Stadt. Jeder zehnte Einwohner arbeitet in dem riesigen Werk. Die Existenzkrise von Opel ist auch so etwas wie ein apokalyptisches Drohszenario für Rüsselsheim, Hessens zehntgrößte Stadt.

Mit Journalisten haben die Mitarbeiter in letzter Zeit keine gute Erfahrung gemacht. "Die Presse hat mehr kaputt gemacht als alle anderen", sagt ein Mann, der in der Produktion arbeitet. Viele Medien würden übersehen, dass die Auftragslage momentan bestens sei. "Man kann es daran erkennen, wie die Autos gekennzeichnet sind, die über das Band laufen", sagt er. Die meisten seien schon verkauft. Nach Angaben von Opel sind bereits jetzt mehr Exemplare des Modells Insignia bestellt worden, als bis Ende Juni produziert werden können. Aus Meldungen wie diesen ziehen die Menschen hier die Hoffnung, dass es mit ein wenig Hilfe schon weiter gehen wird. Auch nach der Krise.

"Der Blitz, der gibt euch Kraft" singt der Kinderchor

Der Kinderchor singt: "Der Blitz, der Blitz, der gibt euch Kraft, damit ihr Opels Wunder schafft." Angela Merkel ist eingetroffen, sie hat gerade ihren Werksrundgang beendet, mit ihr kommen auch die anderen Spitzenpolitiker und Wirtschaftsbosse. "Der Blitz, der Blitz gibt Hoffnung euch, damit sich unsere Erde freut." Alle Kinder strecken ihre Arme nach oben und blicken zur Hallendecke. Die Opelaner sind begeistert und klatschen.

Einige der Kinder sind noch auf der Bühne, als der Firmenchef ans Rednerpult tritt. Hans Demant ist sichtlich nervös. Er ringt kurz mit den Händen, bevor er zu sprechen anfängt, und als er Franz-Josef Jung begrüßt, verhaspelt er sich bei dessen Amtsbezeichnung: "Bundes...ahhh...verteidigungsminister." Demant bittet die Politiker noch einmal um Staatshilfen: "Wir tun das nicht leichtfertig, sondern in dem Bewusstsein, dass Opel das verdient hat und dass unser Unternehmen für die Zukunft bestens ausgestattet ist." Dann lädt er Merkel zum 150. Firmenjubiläum ein. Betriebsratschef Klaus Franz klingt noch eine Spur kämpferischer als Demant. Er würde auch eine Bürgschaft nicht ausschlagen, sagt Franz an die Adresse von Hessens Ministerpräsident Roland Koch, aber: "Ehrlich gesagt wäre uns eine direkte Finanzeinlage viel lieber. Herr Ministerpräsident Wulff hat Ihnen sicherlich schon berichtet, wie gut das in Niedersachsen funktioniert". Eine Anspielung auf die staatliche Beteiligung bei VW. "In Opel zu investieren lohnt sich", sagt Franz. "Wir haben gute Produkte und Ideen, aber vor allem haben wir hier Menschen, die für ihren Opel durch dick und dünn gehen. Wir sind Opel!"

Merkel: Absagen wäre feige gewesen

Koch antwortet prompt: "Ich wäre gerne in der Position von Christian Wulff, der Aktien anbieten kann, die jeder andere kaufen will." Zum ersten und einzigen Mal regt sich leiser Unmut auf den Rängen. Doch Koch bekommt gerade noch einmal die Kurve: "Ich bin überzeugt, private Investoren für Opel zu finden, weil ich weiß, was sie können."

Als letzte Rednerin ist nun die Bundeskanzlerin dran. Es ist still wie nie in der Halle. "Es gab ja Gerüchte in der vergangenen Woche, ich würde absagen", so die Kanzlerin. "Aber das wäre ziemlich feige gewesen." Sie sagt, dass die 60-Tage-Galgenfrist für General Motors bei vielen wohl gemischte Gefühle hervorgerufen habe und dass alle jetzt hart arbeiten müssten, um Opel zu retten. Auch sie selbst. Merkel spricht von einer neuen Firma namens "Opel Europa". Sie sagt: "Wir brauchen General Motors, aber General Motors braucht auch uns." Emotional hat sie die Angestellten und Arbeiter jetzt schon auf ihrer Seite. Aber alle warten auf die entscheidende Formel. Die Spannung ist greifbar: Wann erklärt sie, dass sich der Bund an einer möglichen Opel-Rettung finanziell beteiligt?

Die Botschaft: staatliche Hilfe in Aussicht

Sie tut es - wenngleich etwas verschwurbelt. Man muss genau hin hören, um die gute Nachricht zu erkennen: Merkel sagt, dass die Bundesregierung bei der Suche nach einem Investor helfe, "der mit überwiegend staatlicher Unterstützung - das sage ich ausdrücklich zu, nicht nur für die Landesregierungen, sondern auch für die Bundesregierung - eine langfristige Basis aufbaut und der an Opel glaubt." Und weiter: "Der Staat kann Brücken bauen, aber der tollste Unternehmer war er noch nie." Merkel stellt staatliche Hilfe in Aussicht. Die Zusage betrifft Bürgschaften, eine direkte Staatsbeteiligung, die etwa Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) fordert, lehnt Merkel aber erneut ab.

Alles Nähere bleibt unklar

Heißt das jetzt, dass der Staat auch wirklich Brücken baut? Die meisten verstehen es so. Alles Nähere bleibt unklar. Und obwohl sie die Staatsbeteiligung ablehnt, bekommt Merkel lange anhaltenden Applaus. Der Vorstand steht auf, Standing Ovations, man sieht die Erleichterung in ihren Gesichtern, wie sie lächeln. Die einfachen Angestellten folgen, zum Schluss erheben sich die Arbeiter von ihren Stühlen.

"Etwas vage" sei sie geblieben, findet nachher ein Verwaltungsmitarbeiter. Aber er nehme ein "sehr positives Gefühl" mit. Ein Mechaniker sagt: "Ich bin wirklich zufrieden. Ich fühle mich gut."

Noch einen kurzen Moment nach Merkels Rede ist ein wenig von jener Feierlichkeit zu spüren, die schon am Morgen da war. Dann bittet der Moderator am Rednerpult alle Opelaner zu den Ausgängen. Innerhalb von fünf Minuten verschwinden 3000 Menschen aus der alten Halle in Richtung Werksgelände. Die Arbeit geht weiter. Noch.

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