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Apotheker: Viel Geld für wenig Leistung

Nirgendwo sind die Arzneimittelpreise so hoch wie in Deutschland, fast nirgends gibt es so viele Pillenläden. Die Apotheker sind die Weltmeister im Jammern - tatsächlich aber die Profiteure der Gesundheitsreform.

Eine eigene Apotheke zu besitzen war in der Lebensplanung der studierten Pharmazeutin Jutta Rechel aus Darmstadt nicht vorgesehen. Eine Anstellung als Halbtagskraft genügte ihr. Falls das Gehalt eines Tages nicht reichen sollte, so hatte sie gedacht, könnte sie notfalls ganztags arbeiten. Der Notfall kam vor 16 Jahren. Nur: Jutta Rechel fand keinen Ganztagsjob. Allen Apothekenbesitzern, bei denen sie vorsprach, waren 5.000 Mark Tarifgehalt zu viel. Eine nicht studierte pharmazeutisch-technische Assistentin, ebenfalls zum Verkauf von Pillen berechtigt, kostete nur die Hälfte. Als ihr ein Apotheker riet, sie solle umschulen, weil es zu viele Apotheker gebe, platzte Jutta Rechel der Kragen. Sie guckte sich ein Ladenlokal in einem Neubau an der Dieburger Straße in Darmstadt aus und wollte ihre eigene Apotheke eröffnen.

Fast wäre der unterschriftsreife Mietvertrag nicht zustande gekommen: Des Nachbarapothekers vollbusige Gattin erschien, angetan mit einer durchsichtigen Bluse, bei Jutta Rechels künftigem Vermieter und versuchte, ihn zu überreden, keine Apotheke in sein Haus zu lassen. Doch der Mann blieb standhaft. Seitdem gibt es die Martins-Apotheke, eine von mittlerweile 48 Apotheken in dieser Stadt mit 138.000 Einwohnern. Darmstadt gehört zu den Kommunen mit der höchsten Apothekendichte hierzulande - pro 2.800 Einwohner ein Pillen-Shop.

Deutschlands Apotheker, sonst eher introvertierte Menschen, die gottergeben Schubladen aufziehen, vom Arzt verordnete Pillenschachteln über den Verkaufstisch schieben und, wenn überhaupt, die Worte "Einnahme dreimal täglich nach den Mahlzeiten" über die Lippen bringen mit der Einschränkung "falls vom Arzt nicht anders verordnet" - sie jammern und schimpfen zurzeit, dass es zum Erbarmen ist. Schuld an ihren Gefühlsaufwallungen ist ein Papier mit der sperrigen Überschrift "Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung", abgekürzt GMG. Es hat den Bundestag bereits passiert und - weil ein Kompromiss zwischen SPD-Gesundheitsfrau Ulla Schmidt und Unions-Gesundheitsmann Horst Seehofer - auch den Bundesrat. Ab 1. Januar wird es gelten. Dieses Gesetz, so klagen die Schubladenzieher, werde ein Apotheken-Massensterben auslösen.

Wäre das schlimm? In Deutschland gibt es 16.000 Tankstellen. Es gibt 18.000 Bäckereien. Die Apotheker toppen alle: Mit 21.400 Verkaufsstellen bilden sie eine der größten Einzelhandelsgruppen der Nation. In Großstädten stehen Apotheken an manchen Straßenzügen regelrecht Spalier. Zum Beispiel im Hamburger Außenbezirk Niendorf. Dort drängeln sich an der Fußgängerstraße Tibarg auf einer Strecke von 200 Metern gleich fünf: die Heudorfer Apotheke mit der Hausnummer 21, die Moritz-Apotheke Nr. 26, die Storchen-Apotheke Nr. 32, die Blumen-Apotheke Nr. 44 und die Apotheke im Tibarg-Center. Flächendeckende Versorgung.

Jede dieser fünf Apotheken muss (wie alle anderen 21.400 Apotheken auch) über ein eigenes Labor mit Dunstabzugsschrank verfügen. In diesen Labors sollen eingekaufte Chemikalien Reinheitsprüfungen unterzogen werden, über die gewissenhaft Protokoll zu führen ist. Ein deutscher Feld-Wald-und-Wiesen-Apotheker benötigt aber so gut wie nie Chemikalien, weil er im Zeitalter der Fertig-Arzneimittel so gut wie nie etwas selber herstellen, sondern nur die richtige Schublade aufziehen muss. Wenn doch, liefert ihm der Großhandel die bestellte Chemikalie fix und fertig mit Prüfzertifikat an. Trotzdem ist ein solches Labor (Mindestgröße elf Quadratmeter) mit Gerätschaften im Wert von 15.000 Euro in der "Apothekenbetriebsordnung" zwingend vorgeschrieben. Damit die teure Investition nicht völlig ungenutzt bleibt, finden sich dort oft Zusatzgeräte wie Bratpfannen, Kochtöpfe, Kochlöffel, Teller, Messer, Gabeln; wer gelernt hat, Salben anzurühren und Tinkturen zu mixen, der kann auch Essen kochen.

Jede der fünf Apotheken am Hamburger Tibarg hält (wie alle anderen 21.400 Apotheken auch) einen Arzneimittelvorrat bereit, der den Bedarf für etwa eine Woche deckt. Weil ein solches Lager im deutschen Apothekendurchschnitt 150.000 Euro bindet (zehn Prozent vom Jahresumsatz), halten die Apotheker es so knapp wie möglich. Das ist der Grund dafür, warum vor sämtlichen 21.400 Apotheken alle zwei, drei Stunden ein Auto die Fahrspur blockiert mit dem verständnisheischenden Schild "eilige Arzneimittel". In Wahrheit liegt hier keiner in den letzten Zügen und röchelt der rettenden Pille entgegen - hier füllt ein Apotheker seine Schubladen auf, damit er Kapitalzinsen spart.

Die Autos mit den Schildern "eilige Arzneimittel" bilden zusammen ein rollendes Medikamentenlager von unvorstellbaren Ausmaßen. Sie gehören vier Großhandelsfirmen namens Phoenix, Gehe, Anzag und Sanacorp, die (nebst zwölf kleineren Großhändlern) die Bundesrepublik mit einem dichten Netz von 106 regionalen Auslieferungslagern überzogen haben, um innerhalb von zwei, höchstens drei Stunden jede Apothekenbestellung ausliefern zu können. Bestellung? Wenn der Apotheker eine Schachtel aus der Schublade holt und sie an der Kasse einscannt, meldet der Computer diese Entnahme ohne irgendein Zutun als Bestellung an das Regionallager weiter. Selbst solche Medikamente, die der Apotheker erst 30 Minuten vor der planmäßigen Abfahrt des für ihn zuständigen Lieferwagens verkauft, werden im Regionallager zugeladen und sind ein, zwei Stunden später in der Schublade.

Nur so ist es allerdings auch möglich, dass die Apotheken ihrer "Kontrahierungspflicht" nachkommen können. Heißt: Jede Apotheke muss, ob sie will oder nicht, jedes der sage und schreibe 55.000 in Deutschland zugelassenen Arzneimittel in einer angemessenen Frist abholbereit vorliegen haben. Das durchschnittliche Apothekensortiment umfasst nur 10.000 Medikamente. Hat ein Pharmaziestudent nach vier Jahren Studium sein Diplom in der Tasche, ist der Schritt in die Selbstständigkeit ein Kinderspiel. Die Großhändler vermitteln Startkredite, designen die Inneneinrichtung und bauen sie sogar ein. Der Jungapotheker muss nur noch den weißen Kittel anziehen und kann loslegen: Schublade auf, Schachtel raus, Schublade zu, an der Kasse einscannen, fertig.

Sein Auskommen ist bereits dann gesichert, wenn nebenan, besser noch: oben im Haus, zwei Hausärzte ihre Praxen haben. Denn Deutschlands 55.000 Hausärzte sind die ergiebigsten Rezepteschreiber. Sie verordnen 80 Prozent aller Arzneien. Rein rechnerisch genügt einem Apotheker also der Rezeptausstoß von zweieinhalb Hausärzten, um gut davon zu leben - solange drei Häuser weiter kein Konkurrent auftaucht. Um das zu verhindern, genügt kein Busen in durchsichtiger Bluse. Apotheker zahlen benachbarten Hausbesitzern, wenn dort ein Ladenlokal frei wird, bis zu sechsstellige Summen dafür, dass dort keine Apotheke einziehen darf.

Im vergangenen Jahr erzielte jeder der 21.400 Apothekenbesitzer (fast die Hälfte davon sind Frauen) im Durchschnitt knapp 1,5 Millionen Euro Umsatz. Davon bleiben nach Abzug aller Kosten (Miete, Wareneinkauf, Gehälter für sechs Teilzeitkräfte) am Ende 103.500 Euro. Kein Grund zum Jammern also. Oder doch? Weil es - Examen vorausgesetzt - sehr einfach ist, eine Apotheke zu eröffnen, hat sich die Zahl der Apotheken seit Gründung der Bundesrepublik fast verdreifacht. So wurden die Apotheker zu den größten Feinden der Apotheker.

Es gibt Super-Apotheken wie die Adler-Apotheke am Wandsbeker Markt in Hamburg, die mit zehn angestellten Apothekern eine First-Class-Beratung bieten. In eigenen Schulungsräumen drillen sie Patientengruppen wie Diabetiker oder Krebskranke darauf, mit ihren Krankheiten besser fertig zu werden. In teuren Steril-Labors produzieren sie Zytostatika für Krebskranke oder spezielle Salben mit begrenzter Haltbarkeit für den Bedarf der eigenen und anderer Apotheken. Solche Unternehmen erzielen Umsätze von fünf und mehr Millionen Euro im Jahr. 890 dieser Großapotheken arbeiten unter dem Dachnamen Parmapharm seit Jahresbeginn am gemeinsamen Marktauftritt, "weil verstaubte Einzelkämpfer-Apotheken unseren Ruf ruinieren und verschwinden müssen", sagt einer der Besitzer.

Zu den Kleinapotheken gehört etwa die Hubertus-Apotheke im Hamburger Ortsteil Groß Borstel. Dort erklärt ein pausbäckiger Weißkittel schwerhörigen Altenheimbewohnerinnen lautstark, bei welchem Inkontinenzprodukt sie sich was wo reinstecken müssen, wenn es tröpfelt - ohne Rücksicht darauf, dass dies den alten Damen angesichts anderer Kunden peinlich sein könnte. Beratung dieser Qualität sorgt auch dafür, dass die niederländische Versandapotheke DocMorris mit der Potenzpille Viagra Riesenumsätze macht. Bevor jemand mit hochrotem Kopf im Verkaufsraum eine Beratung über sich ergehen lässt, die er beim Arzt längst ohne öffentliche Zuhörerschaft bekommen hat, schickt er sein Rezept lieber nach Holland.

Zwei Drittel aller deutschen Apotheken, also 14.000, liegen unter dem Durchschnittsumsatz von 1,5 Millionen, jede fünfte gar weit unter einer Million. Sie sind die letzten Tante-Emma-Läden des deutschen Einzelhandels. Könnten sie, wie etwa der Tante-Emma-Fresser Aldi, ihre geballte Nachfragemacht in die Waagschale werfen, würden die Pillenpreise nur so purzeln. Da bis jetzt aber jeder Apotheker nur eine einzige Apotheke besitzen darf, wurschteln die Kleinapotheken am Rande der Wirtschaftlichkeit. Manche dieser Kleinapotheken sind existenziell auf Großhandelsrabatte angewiesen, die in einem für Laien undurchschaubaren Rabattdschungel blühen. Diese Preisabschläge stehen aber eigentlich den Endverbrauchern zu - und damit den Kassen. Als Ende vergangenen Jahres deren Ausgaben wieder einmal die ständig steigenden Beiträge übertrafen, schlug die Regierungskoalition mit einer Machete namens "Beitragssicherungs-Gesetz" eine Bresche in den Dschungel: Die Apotheker mussten - grob vereinfacht - die Großhandelsrabatte bei den Krankenkassen abliefern. Bei einigen Apotheken schrumpfte dabei der Rohertrag aus Kassenrezepten um bis zu 35 Prozent. Die kapitalschwächsten unter ihnen, wenige Dutzend, mussten aufgeben.

In Deutschland gibt es, bezogen auf die Einwohnerzahl, mehr als doppelt so viele Apotheken wie etwa in den Niederlanden. Trotzdem sind die Holländer mit Pillen um keinen Deut schlechter versorgt als wir. Dafür, dass sie zur nächsten Apotheke ein paar Schritte weiter laufen müssen, zahlen sie ein Drittel weniger, die Engländer gar nur die Hälfte. In amerikanischen Supermarkt-Apotheken sind Tabletten mit Wirkstoffen, deren Patentschutz abgelaufen ist, so genannte Generika, bis zu zehnmal billiger als hier.

Das "Mehrbesitzverbot", wonach ein deutscher Apotheker nur eine einzige Apotheke besitzen darf, wird ab 2004 gelockert. Dann sind zusätzlich drei Filialen erlaubt. Dadurch soll seine Verhandlungsmacht gegenüber Großhändlern und Herstellern gestärkt werden. So könnte einer der Apotheker am Hamburger Tibarg viel größere Rabatte aushandeln, wenn er sich die Bestellmenge nicht mit vier Konkurrenten teilen müsste. Den Patienten und ihren Kassen würden solche Rabatte jedoch nichts bringen. Denn Preisnachlässe beim Medikamenteneinkauf darf ein Apotheker nicht an seine Patienten weitergeben. Vor so viel Selbstlosigkeit schützt ihn ein Gestrüpp aus Verordnungen und Gesetzen. Etwa die "Arzneimittelpreisverordnung". Sie bestimmt, dass jedes Arzneimittel in jeder Apotheke gleich viel kosten muss. Edle Absicht: Kranken soll es erspart bleiben, auf Schnäppchenjagd gehen zu müssen. Simple Wirklichkeit: Niemand muss auf Schnäppchenjagd, denn 90 Prozent aller Rezepte zahlen die gesetzlichen Kassen.

Folglich kümmert es keinen Patienten, was sein Medikament kostet. Ihn schmerzt nur die Rezeptgebühr, je nach Packungsgröße vier bis fünf Euro, die er selbst zahlen muss. Ab 2004 steigt diese Gebühr auf bis zu zehn Euro. Vergangenes Jahr haben die Kassen für Medikamente mehr als 22 Milliarden Euro erstatten müssen. Allein die besonders teuren Mittel für die drei großen Volksseuchen Bluthochdruck, Diabetes und Asthma verschlingen im Jahr vier Milliarden Euro. Chronisch Kranke mit immer gleicher Medikation benötigen keinerlei Apothekerberatung. Wegen des jahrelangen Gebrauchs wissen sie oder ihre Angehörigen genau, wie sie mit der Arznei umgehen müssen.

Routinefall:

Ein Diabetiker kommt mit einem Rezept, auf dem eine Monatsration Novonorm-Tabletten (62,98 Euro) und zehn Insulin-Ampullen Humalog (147,12 Euro) verordnet sind. Die Leistung des Apothekers: Beide Medikamente holen, über den Kassenscanner ziehen, Rezeptgebühr kassieren, "Schönen Tach noch" wünschen, fertig. Für diese Handreichung bekommt er dank einer gesetzlich vorgeschriebenen Spanne 26 Euro. Apotheker-Faustformel: "Ein Diabetiker bringt mehr als 20 Tennisarme."

Gegenbeispiel:

Der Arzt verordnet gegen Lungenentzündung eine kleine Schachtel des lebensrettenden Nachahmer-Präparats "Doxycyclin ratiopharm" für 2,49 Euro. Die Apothekerleistung ist die Gleiche wie bei den teuren Diabetes-Mitteln: Schublade auf, Schublade zu, kassieren. An dem preiswerten Medikament verdient der Schubladenzieher 80 Cent. Könnte er nur solche niedrigpreisigen Präparate verkaufen, wäre er pleite.

Weil an den Chroniker-Medikamenten sehr viel zu verdienen ist, an vielen anderen Mitteln aber nur wenig, geraten die Apotheker beim Stichwort Versandapotheken in Panik. Sie fürchten, dass ausländische Versandhändler, die nicht dem in Deutschland geltenden Zwang unterliegen, jedes verlangte Medikament zu liefern, ihnen die lukrativen Chroniker abjagen und für sie nur die billigen Medikamente übrig bleiben. Vor allem aber sei die Arzneimittelsicherheit in Gefahr: Wenn jeder x-beliebige Kurier Arzneimittel ausliefern dürfe, könne es vorkommen, dass ein Bote etwa das Herzmittel Adalat irrtümlich bei dem an Erektionsstörungen leidenden Frührentner abliefert, die Erektionspillen Viagra aber beim schwer herzkranken Nachbarn. Beim Erektionsgestörten rührt sich dann nichts - dafür kann der Herzkranke plötzlich rammeln, bis der Notarzt kommt (oder der Bestatter). Arzneimittel dürfen deshalb nur von pharmazeutischem Fachpersonal ausgehändigt werden. So steht es in der "Apothekenbetriebsordnung".

In der Praxis sieht das oft so aus: Hat der Apotheker das verschriebene Medikament nicht vorrätig und macht der Kunde Anstalten, in eine andere Apotheke zu gehen, kommt sofort der Vorschlag: "Wir bringen es Ihnen auch gern vorbei." Drei Stunden später steht ein 14-jähriger Gymnasiast vor der Tür, das Fahrrad an die Hauswand gelehnt, und hält dem Kunden mit Trinkgeld erzwingendem Strahlen das Tütchen mit den Pillen entgegen. Das passiert tausendfach. Jeden Tag. Arzneimittelsicherheit?

Als DocMorris mit dem Argument, keine Rezeptgebühren zu kassieren, massenhaft Kassenpatienten dazu brachte, ihre Rezepte nach Holland zu schicken und die Kassen augenzwinkernd erstatteten, grätschten die Apotheker dazwischen. Beim Sozialgericht in Düsseldorf erwirkten sie per einstweiliger Verfügung, dass die Barmer Ersatzkasse (BEK) diese Arzneien nicht mehr bezahlen darf. Ein gleicher Verfügungsantrag gegen die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) scheiterte dagegen beim Hamburger Sozialgericht. Kuriose Folge: Es gibt Zehntausende Ehepaare, bei denen der Mann, DAK-versichert, seine Medikamente weiterhin zuzahlungsfrei in Holland bestellen darf, während die Frau, BEK-versichert, in der Apotheke erscheinen und dort Rezeptgebühr bezahlen muss.

In Hamburg haben die ersten Apotheker damit begonnen, bei Rezeptbeträgen ab etwa 50 Euro auf Zuzahlung zu verzichten. Das sei ein "Berufsvergehen", schimpft Jutta Bewernitz, Vizepräsidentin der dortigen Apothekerkammer, und bezeichnet Kollegen, die das tun, als "schwarze Schafe". Wenn aber Apotheker, die auf Geld verzichten, als "schwarze Schafe" gelten, was sind dann diejenigen in Berlin oder Bremen, die aidskranken Fixern statt der verordneten Aids-Medikamente Geld für den nächsten Schuss gegeben haben und sich die um ein Vielfaches höheren Kosten für die nicht verkauften Medikamente erstatten ließen? Oder die Apothekerin aus Lüneburg, die Millionen daran verdient hat, nicht mehr rettbaren Krebspatienten, deren absehbar schnellen Tod vor Augen, mit Infusionen für künstliche Ernährung auf Monate hinaus zu bevorraten? Kriminelle Ausnahmen?

Keine Ausnahme, weil täglich verübt, ist der zum deutschen Volkssport gewachsene Versicherungsbetrug: "Vertrauenswürdigen" Kunden werden auf deren Wunsch statt der verordneten Pillen Kosmetika oder andere rezeptfreie Sachen verkauft. Im ostfriesischen Norden konnte ein Schubladenzieher dadurch überführt werden, dass er in einer Kladde penibel die Guthaben aufgelistet hatte, die seine Kunden für nicht erhaltene, aber bei der Krankenkasse abgerechnete Arzneien besaßen. In Berlin bekam ein Patient von seinem Apotheker statt der Medizin, auf die er verzichtet hatte, gar ein Sofa. Eine einträgliche, aber verbotene Masche vieler Apotheker ist es, Ärzten, die teure Medikamente verschreiben, solche Mittel haufenweise in die Praxis zu legen. Wenn der Arzt das Mittel verschreibt, kann er es dem Patienten gleich mitgeben und braucht nur noch das Rezept an die Apotheke zu schicken, damit sie es abrechnen kann. Vorteil für den Apotheker: Der Patient kann sich nicht zur Konkurrenz verirren. Vorteil für den Patienten: Er braucht in keine Apotheke zu laufen. Vorteil für den Arzt: Geld vom Apotheker.

Die Bundesvereinigung der Apothekerverbände, kurz ABDA, weiß von diesen Praktiken. Böse wird sie aber nur, wenn jemand mit einer guten Idee die Einnahmen der Apotheker bedroht: Weil Jahr für Jahr nicht eingenommene Pillen im Wert von gut drei Milliarden Euro auf dem Müll landen, bat der Landarzt Bertel Berendes aus Lügde in Westfalen seine Patienten, nicht mehr benötigte Medikamente in die Praxis zu bringen, um sie anderen Kranken geben zu können, ohne ein teures Rezept ausstellen zu müssen. Prompt erstattete die Apothekerkammer Westfalen-Lippe Anzeige. Der Arzt musste eine stundenlange Razzia über sich ergehen lassen und bekam einen Bußgeldbescheid über 2.600 Euro wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Erst nach langwieriger Prozessiererei kam schließlich der Freispruch beim Oberlandesgericht Hamm.

Bis nach ganz oben, vor das Bundesverfassungsgericht, musste der Apotheker Markus Kerckhoff aus Bergisch Gladbach ziehen, um eine Klage der ABDA-Funktionäre gegen seinen Impfstoffversand für Arztpraxen abzuwehren. Kerckhoffs Geschäftsidee: Impfstoffe, etwa der Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff, müssen in einer lückenlosen Kühlkette aufbewahrt und befördert werden, sonst verlieren sie ihre Wirksamkeit. Bei Impfstoffen gibt es aber - anders als bei der Überwachung von Lebensmitteln - keinerlei Kontrollinstanz. "Die Butter bei Aldi", sagt Kerckhoff, "ist behördlich besser überwacht als Impfstoffe in einer Apotheke." Gegenargument der ABDA: Es sei nicht statthaft, Medikamente an Ärzte abzugeben. Kerckhoff gewann und teilt sich nun mit sieben weiteren Apothekern einen Impfstoffumsatz von 600 Millionen Euro pro Jahr.

Präsident der verfolgungswütigen Apothekerkammer Westfalen-Lippe ist ein Apotheker namens Hans-Günter Friese. Er ist zugleich Präsident der ABDA. Friese ist der Ayatollah des Pillenwesens. Fundament seiner Heilslehre: An der teuersten Arzneimittelversorgung der Welt dürften zwecks Gewährleistung der Arzneimittelsicherheit keinerlei Abstriche gemacht werden, nicht einmal "im Ausmaß von Promillen". Im deutschen Gesundheitswesen, predigt Friese, werde nicht zu viel ausgegeben, sondern zu wenig eingenommen. Wie etwa sollen Apotheker, die weniger verdienen, ihre Kunden dann noch genauso gut beraten wie bisher?

Gut beraten? Vor 14 Jahren, 1989, hat die Zeitschrift "Öko-Test" nach einer von dem heutigen Bremer Universitätsprofessor Gerd Glaeske entwickelten Methode 222 westdeutsche Apotheken auf ihre Beratungsqualität überprüft. Ergebnis: 33-mal "ungenügend", 41-mal "mangelhaft", 68-mal "ausreichend", aber nur elfmal "sehr gut" und 35-mal "gut". Der Test, der damals Schlagzeilen machte, hatte null Konsequenzen. Als das WDR-Magazin "Markt" vor zwei Jahren bei 60 Apotheken in NRW einen ähnlichen Test machte, lautete das Ergebnis: null "sehr gut", viermal "gut", aber 50-mal "mangelhaft" - eine drastische Verschlechterung gegenüber 1989.

Eine aktuelle Stichprobe des stern ergab: Nichts hat sich gebessert. Tester, ausgestattet mit einem Rezept für ein Antidepressivum und dem Wunsch, für den seelisch Kranken zusätzlich ein rezeptfreies alkoholhaltiges "Stärkungsmittel" mitzubringen, ließen sich bei drei aufeinander folgenden Apothekenbesuchen in Berlin, Hamburg, Leipzig, Köln, München und Stuttgart beraten, ob das Antidepressivum sich mit dem teuren Fusel aus der Apotheke vertrage (bei der Einnahme von Antidepressiva ist Alkohol verboten). Auf die ausdrückliche Nachfrage, ob beides auch wirklich zusammenpasse, bekamen sie Antworten wie diese: "Man trinkt ja nicht gleich die ganze Flasche." Oder, in München: "Zwei Stamperl am Tag" stören nicht.

Wie kläglich ihre Beratungsleistung ist, dämmert inzwischen den Apothekern selbst. Beim Deutschen Apothekertag vor zwei Monaten in Köln stimmten sie mit großer Mehrheit für einen Antrag, der Dachverband ABDA möge ein zukunftsweisendes Berufsbild formulieren, den Stellenwert des Apothekers als Sicherheitsgarant hervorheben und insbesondere dafür sorgen, dass dieses Berufsbild auch "im Apothekenalltag sichtbar wird". Obwohl es dort seit Jahren immer unsichtbarer geworden ist, werden die Apotheker vom kommenden Jahr an für genau das bezahlt, was sie am wenigsten bieten.

Statt eines für jede Arzneimittel-Preisgruppe gesetzlich genauestens geregelten Preisaufschlags bekommen sie ab Januar 2004 für jedes verordnete und aus der Schublade geholte Medikament 6,10 Euro Beratungshonorar - egal, ob sie beraten oder nicht, egal, ob es sich um das Lungenentzündungsmittel Doxycyclin-ratiopharm für nur 2,49 Euro handelt oder um das 147,12 Euro teure Humalog für den Diabetiker. Bei mehr als 720 Millionen Verordnungen im Jahr bekommen sie für ihre "Beratungsleistung" bei Kassen- und Privatrezepten 4,7 Milliarden Euro - etwa 500 Millionen mehr als bisher. Plus drei Prozent vom Bestellwert des Rezeptes. Plus dem, was sie an rezeptfreien Arzneimitteln wie Aspirin oder Thomapyrin verdienen, deren Preise sie künftig nach eigenem Gusto kalkulieren dürfen. Plus dem, was sie an frei verkäuflichen Produkten verdienen, Kosmetika, nutzlose Schlankheitsmittel, Zahnpflegemittel, teure Schnäpse wie Klosterfrau Melissengeist mit 79 Prozent Alkohol. Plus Privatrezepte. Da dürfen sie sogar 8,10 Euro Beratungshonorar kassieren.

Als auf dem Apothekertag im September in Köln zur Sprache kam, Modellrechnungen hätten ergeben, dass viele Apotheken dank der heftig bejammerten Gesundheitsreform mehr verdienen würden als bisher, wies die ABDA-Spitze darauf hin, das Gesetz sei noch nicht verabschiedet, man solle keine schlafenden Hunde in Berlin wecken. Flugs stellte eine energische Delegierte Antrag auf Schluss der Debatte. Er wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen.

Wer ist am teuersten?

Ein Testeinkauf in Apotheken, Drogerien und Supermärkten*

Testeinkäufer des stern waren in 20 deutschen Städten unterwegs. Sie erwarben in 25 Apotheken zehn Produkte des so genannten Nichtarzneimittelsortiments - vom Heftpflaster bis zum Kondom. Zum Vergleich wurden die gleichen Produkte in 42 Drogerien und Supermärkten gekauft. Wo die vorgegebenen Packungsgrößen nicht im Angebot waren, wurde von anderen Größen umgerechnet. Die Testkäufe sind Stichproben. Eine Auswahl der Produkte und Geschäfte zeigt die Tabelle.

Ergebnis:

die Apotheken waren teurer als ihre Konkurrenz - bis zu 200 Prozent. Allerdings gibt es zwei auffällige Ausnahmen. Bei der Zahncreme Aronal und dem Wildrosenöl der Firma Weleda unterscheiden sich die Preise zwischen Apotheken und anderen Händlern kaum. Der Grund: Beide Hersteller wollen als hochwertig gelten und verzichten deshalb darauf, durch aggressive Preise bei den Drogerieketten Marktanteile zu erobern. Mit dem Nichtarzneimittelsoritment erwirtschaften die Apotheken durchschnittlich 6,5 Prozent ihres Umsatzes. Viele setzen darauf, von ihrem Image als Fachhändler zu profitieren und dieses Segment auszubauen - durch die Sparpolitik im Gesundheitswesen dürfte das Kerngeschäft mit Pillen und Salben langfristig schwieriger werden.

von Jürgen Steinhoff / print