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Bahnstreik: Freie Fahrt, neue Hoffnung, teure Forderungen

Nach dem Ende des Streiks der Lokführer hat sich der Bahnverkehr wieder normalisiert. Die Lokführergewerkschaft GDL erwartet am Montag ein tragfähiges Angebot der Bahn. Das Unternehmen wiederum muss mit Millionenforderungen wegen "nicht erbrachter Leistungen" rechnen.

Auf die Bahn kommen laut einem Bericht wegen des Lokführerstreiks Kosten in Millionenhöhe zu. Nach Informationen der "Neuen Presse" in Hannover können Bundesländer und Verkehrsverbünde Rückzahlungen fordern. Der Geschäftsführer der niedersächsischen Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG), Wolf Gorka, sagte der Zeitung, die Deutsche Bahn bekomme in Niedersachen pro Tag rund eine Million Euro für die Fahrten der Nahverkehrszüge. Jetzt sei mit Rückforderungen zu rechnen. "Die DB würde eine halbe Million täglich verlieren, wenn nur jeder zweite Zug fährt", sagte Gorka. Nach seinen Angaben haben die meisten Länder ähnliche Verträge mit der Bahn. "Bundesweit dürfte der Streiktag die DB mehrere Millionen Euro kosten", sagte Gorka. Allein die Region Hannover will dem Bericht zufolge von der Bahn 108.000 Euro zurückfordern. "Die Leistung, die wir bestellt haben, wurde nicht erbracht, also bekommen wir das Geld erstattet", sagte ein Sprecher.

Am Montag kommt die Lösung?

Im Tarifkonflikt mit der Bahn erwartet die Lokführergewerkschaft GDL ein tragfähiges Angebot des Unternehmens. "Ich rechne damit, dass uns die Bahn am Montag einen eigenständigen Tarifvertrag anbietet", sagte GDL-Vorsitzender Manfred Schell der "Bild am Sonntag". "Wenn dann noch ein ordentliches Gehaltsplus dabei ist, lassen wir unsere Forderung nach 31 Prozent mehr Lohn sofort fallen. Dann kann es eine schnelle Einigung geben - ohne dass noch ein einziger Zug ausfallen muss."

Zugleich drohte Schell damit, den Arbeitskampf unbefristet fortzusetzen, sollte Bahnchef Hartmut Mehdorn der GDL nicht entgegenkommen. "Stellt sich Mehdorn auf stur, werden wir länger streiken, als es dem Bahn-Vorstand lieb sein kann. Der Arbeitskampf kommt die Bahn schließlich viel teurer als uns. Allein von den Streikkosten könnte man dann locker eine ordentliche Gehaltserhöhung für die Lokführer bezahlen."

"Irgendwann muss eine Einigung kommen"

Der Chef des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Karl-Peter Naumann, glaubt an ein baldiges Ende des Tarifstreits. "Irgendwann muss es doch einmal zu einer Einigung kommen", sagte Naumann am Samstag im Inforadio vom RBB. Er glaube, beide Seiten hätten gemerkt, dass es "nichts bringt, wenn man weiterhin stur bleibt". Im Falle weiterer Streiks sei jedoch die Geduld der Bahnkunden "sicher sehr schnell am Ende", betonte er.

Kritik übte Naumann an der kurzfristigen Ankündigung der Streiks vom Freitag. "Unterhalb von 24 Stunden geht bei einem so komplexen System kaum etwas", gab er zu bedenken. In weniger als einem Tag könne die Versorgung der Bahn-Bediensteten mit alternativen Dienstplänen nicht gewährleistet werden.

Betrieb hat sich normalisiert

Die Deutsche Bahn erwartet nach dem um Mitternacht beendeten Streik der Lokführergewerkschaft GDL im Regionalverkehr eine rasche Normalisierung des Zugbetriebs. Wie die Bahn am Freitagabend in Berlin mitteilte, rechnet sie für den heutigen Samstag "mit einem weitgehend planmäßigen Zugverkehr". Alle Vorbereitungen seien getroffen, dass die Kunden die Züge der Bahn wie gewohnt nutzen könnten. Einzelne Ausfälle im Nahverkehr könnten aber nicht ausgeschlossen werden, weil durch den Streik die Bereitstellung der Fahrzeuge erschwert werde, hieß es. Im Fernverkehr seien keine streikbedingten Einschränkungen zu erwarten.

Die GDL hatte ihren 22-stündigen Streik am Freitag um Mitternacht beendet, wie eine GDL-Sprecherin bestätigte. Bis einschließlich Dienstag soll es keinen weiteren Arbeitskampf geben, weil die GDL zunächst ein neues Angebot der Bahn abwarten will. Sollte es sich aus ihrer Sicht als unzureichend erweisen, plant sie am Mittwoch neue Streiks. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer will für das fahrende Personal einen eigenen Tarifvertrag durchsetzen und pocht auf eine deutlich bessere Bezahlung.

Mit ihrem Ausstand hatten die Lokführer den S-Bahn- und Regionalverkehr in vielen Teilen Deutschlands lahmgelegt. Millionen Pendler und Reisende mussten Verspätungen in Kauf nehmen. Das große Chaos blieb jedoch aus. "Viele Reisende haben sich auf die Situation eingestellt", sagte ein Bahn-Sprecher. Im Laufe des Nachmittags habe sich die Situation weitgehend stabilisiert.

Unterschiedliche Aussagen

Nach Unternehmensangaben fiel deutschlandweit etwa ein Drittel aller Regionalzüge und S-Bahnen aus. GDL-Chef Manfred Schell sprach dagegen von einer Ausfallquote von 85 Prozent. Der Fernverkehr, der nicht bestreikt werden durfte, ist laut Bahn nahezu störungsfrei gelaufen. Eine abschließende Bilanz will die Bahn am Samstag ziehen.

Besonders betroffen waren die neuen Bundesländer. Die DB Regio sei in Mitteldeutschland und Mecklenburg-Vorpommern nur mit zehn Prozent der üblichen Leistungen gefahren. Schwerpunkte der Streiks waren auch die S-Bahnen in München, Stuttgart und Halle/Leipzig sowie Rostock waren stark beeinträchtigt. Bei der Berliner S-Bahn fuhren die Züge am Nachmittag im 20-Minuten-Takt, in Hamburg verkehrten rund zwei Drittel aller S-Bahnen.

Die Bahn kritisierte die Arbeitsniederlegungen als "unsinnig", weil der Konzern für diesen Montag bereits ein neues Angebot angekündigt habe. Das neue Tarifangebot müsse "tragbar" sein, sagte Schell. Dann werde bis 31. Oktober nicht mehr gestreikt. Anderenfalls könnte es am Mittwoch wieder zu Streiks kommen.

DPA/AP / AP / DPA