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Börsen schlingern weiter: Anleger können nur kurz durchatmen

Es reichte ein bloßes Gerücht, um die Aktienmärkte erneut schlingern zu lassen. Spekulationen, Frankreich könnte der nächste Kandidat für eine Abwertung sein, schickten Dax & Co. wieder auf Talfahrt.

Marktgerüchte über Frankreichs Kreditwürdigkeit haben die Aktienmärkte auch am Mittwoch in heftige Turbulenzen gestürzt. Der kurze Höhenflug, ausgelöst von guten Vorgaben aus New York, endete am Nachmittag jäh: Der deutsche Leitindex Dax und sein französisches Pendant Cac40 büßten jeweils mehr als 5 Prozent ein. Auch das schnelle Dementi aus Paris brachte keine Trendwende. An der Wall Street ging die Kurve im Handelsverlauf zeitweise um fast 4 Prozent nach unten.

Am Morgen standen die Zeichen am deutschen Aktienmarkt noch auf Erholung: Der Dax war zwischenzeitlich deutlich im Plus und übersprang sogar die psychologisch wichtige Marke von 6000 Punkten. Die guten Vorgaben vom Vortag aus New York und Tokio trieben auch das deutsche Börsenbarometer an. Für positive Stimmung hatte die Entscheidung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) gesorgt, im Kampf gegen die flaue US-Konjunktur zu einzigartigen Mitteln zu greifen: Die Notenbank kündigte an, zwei weitere Jahre an ihrer extremen Niedrigzins-Strategie festzuhalten.

Sepkulationen reichen für Kursstürze

Doch die Spekulationen, Ratingagenturen könnten der europäischen Wirtschaftsmacht Frankreich die Top-Bonität entziehen, ließen alle Hoffnungen wieder platzen - zeitweise war der deutsche Leitindex mehr als 6 Prozent unter dem Vortagsniveau. Am Ende stand er bei 5613,42 Punkten - im späten Handel konnte er sich auf 5738,31 Punkte (L-Dax) berappeln.

An der Wall Street startete der Handel am Mittwoch gleich im Minus. Der Dow gab nach seinen deutlichen Vortagsgewinnen kräftig nach und rutschte für mehrere Stunden zeitweise deutlich unter die 11.000-Punkte-Marke.

Grund der Berg- und Talfahrt: Die Anleger sind nach Händler-Angaben momentan vollkommen verunsichert, jedes Gerücht führe zu enormen Kursschwankungen. Andreas Lipkow, Händler bei MWB Fairtrade, sagte: "Die Märkte sind derzeit extrem nervös. Gerade machen Gerüchte die Runde über eine mögliche Rating-Abstufung von französischen Staatsanleihen. Dies allein hat dazu geführt, dass der Dax-Index etwa 100 Punkte innerhalb weniger Minuten verloren hat. Richtige Zuversicht und echtes Vertrauen ist trotz der Fed-Aussagen gestern noch nicht an die Märkte zurückgekehrt."

Großbank Société Générale unter Druck

In Frankreich verloren vor allem Finanzwerte kräftig. Die Papiere der Großbank Société Générale fielen um zeitweise mehr als 20 Prozent, zum Schluss standen sie immer noch um 14,7 Prozent im Minus. Die französischen Banken sind auch durch ihr Griechenland-Engagement belastet: Sie zählen zu den am stärksten engagierten Instituten im hoch verschuldeten Griechenland. Société Générale ist zudem gleich doppelt davon betroffen. Neben dem hohen Bestand an Staatsanleihen gehört ihr die griechische Bank Geniki.

Das Dementi zum angeblichen Verlust der Top-Bonität der Franzosen fiel deutlich aus: "Diese Gerüchte sind völlig haltlos und die drei Ratingagenturen Standard & Poor's, Fitch und Moody's haben bestätigt, dass es kein Risiko einer Herabstufung gab", zitierte die französische Nachrichtenagentur AFP einen Sprecher von Finanzminister François Baroin. Frankreich hat derzeit wie Deutschland die Rating-Bestnote "AAA".

Die Société Générale schaltete noch am Mittwoch die Finanzmarktaufsicht AMF ein. Die Börsenprüfer seien gebeten worden, den Ursprung von "vollkommen haltlosen Marktgerüchten" zu ermitteln, teilte das Institut am Abend mit.

Sarkozy bricht Urlaub ab

Zuvor hatte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy seinen Urlaub abgebrochen, um eine Sitzung mit den wichtigsten Ministern seiner Regierung in Paris zu leiten. Im Anschluss kündigte Sarkozy einen neuen Sparplan an, mit dem das Defizit im Haushalt für 2012 gesenkt werden solle, hieß es am Mittwoch in einer Erklärung seines Amtes. Die Maßnahmen sollen am 24. August vorgestellt werden.

"Der Staatschef hat in Erinnerung gerufen, dass das Engagement zur Defizit-Reduzierung der öffentlichen Haushalte unantastbar ist und unabhängig von der wirtschaftlichen Lage gehalten wird", hieß es in der Erklärung.

Fed sorgt sich um die US-Wirtschaft

Die Crash-Gefahr an den internationalen Finanzmärkten sowie die Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poor's veranlassten die Fed dazu, ihr ungewöhnliches Zinsversprechen abzugeben. Damit gehe die Notenbank "erheblich weiter, als die meisten erwartet hatten", sagte Commerzbank-Analyst Bernd Weidensteiner. Die Krise habe die Zentralbanker zum Handeln gezwungen: "Ein Stillhalten hätte sich die Notenbank kaum erlauben können." Weidensteiner betonte, "die Entscheidung ist außerordentlich aggressiv. Sie zeigt, wie sehr die Fed sich um die US-Wirtschaft sorgt".

Die Wall Street hatte am Dienstagabend noch euphorisch reagiert und in einem gewaltigen Schlussspurt ein Plus von 4 Prozent erreicht. Die US-Wirtschaft war im zweiten Quartal lediglich um 1,3 Prozent gewachsen, und 9,1 Prozent der Amerikaner sind derzeit ohne Job. Die Spanne bei den Leitzinsen liegt seit Dezember 2008 - dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise - bei 0,0 bis 0,25 Prozent.

ins/DPA / DPA