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Emirates Airline: Die Scheichs heben ab

Mit vielen Milliarden will Dubai Emirates Airline zur bedeutendsten Fluggesellschaft der Welt ausbauen. In dieser Woche übernahmen die Araber die erste von 58 gigantischen Airbus-Maschinen vom Typ A380. Dubais Herrscher, Scheich Mohammed, möchte sein Wüstenreich zu einem Verkehrsund Wirtschaftszentrum machen. Genialer Plan oder Größenwahn?

Von Jan Boris Wintzenburg

Mit einer kleinen Bewegung der rechten Hand bringt Abbas Shaban den riesigen Airbus A380 in eine sanfte Rechtskurve. Wenige Hundert Meter unter dem 500- Tonnen-Flugzeug zieht die Innenstadt von Dubai vorbei. Im Cockpitfenster taucht auf Augenhöhe der Rohbau des höchsten Hauses der Welt auf. Noch steht ein Baukran auf der Spitze. In diesem Augenblick stoppen die vier Triebwerke, deren sanfte Vibrationen bisher das Cockpit erfüllt haben. Das Rauschen der Luft setzt aus. Es ist ganz still. Das Flugzeug bleibt am Himmel stehen.

Eine gute Gelegenheit, sich in aller Ruhe einen Überblick zu verschaffen über die Stadt am Persischen Golf. Man sieht die künstlichen Inseln vor der Küste, die - etliche Kilometer groß - von hier oben die Form stilisierter Palmen haben. Sie werden gerade bebaut mit Tausenden Villen, riesigen Apartmenthäusern, Straßen und Bahnlinien. Rund um das alte Zentrum der Wüstenstadt entstehen gewaltige Shoppingmalls und Hochhäuser, allen voran der "Burj Dubai". Mit deutlich über 800 Meter Höhe soll er bald alle anderen überragen. Zumindest für kurze Zeit. Ein Gebäude von einem Kilometer Höhe ist bereits in Planung.

Eine Stadt der Wunder, die selbst aus der Distanz noch atemlos macht. Die Vision eines absolutistischen Herrschers, seiner Hoheit Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktoum, des milliardenschweren Antreibers, der Dubai wie eine Firma managt und der seine Fluggesellschaft Emirates Airline als Schlüssel des Erfolges sieht. Die Stadt soll zum wichtigsten Luftdrehkreuz der Welt werden und Emirates zu ihrer größten Fluggesellschaft. Sie soll dem kleinen Emirat alles liefern, was man für ein Wüstenreich braucht: Geld, Menschen und Prestige. Aber kann der kühne Plan funktionieren?

489 Sitze im Luxus-Flugzeug

Hier im Flugsimulator des Emirates Aviation College trainieren Shaban, Chefpilot für den Airbus A380, und sein belgischer Copilot Patrick De Roeck den Anflug auf die bauwütige Stadt, Teil der Vereinigten Arabischen Emirate. Die Programmierer kommen bei den neuen Hochhäusern, die weit in den Luftraum ragen, kaum mit. Dubai ist eine Stadt, bei der die Simulation dem Tempo der Realität hinterherläuft.

Schon bald werden die beiden Piloten mit einem echten A380 diese Dauerbaustelle in der Wüste anfliegen. Am vergangenen Montag übernahm Emirates in Hamburg den ersten in Deutschland ausgelieferten Riesen-Airbus. Insgesamt 58 hat die Fluggesellschaft geordert. Der Erste ist mit 489 Sitzen und allem erdenklichen Luxus ausgestattet - zumindest in der ersten Klasse. Dort gibt es sogar zwei Duschen für die Passagiere. Listenpreis der Order: rund zwölf Milliarden Euro. Emirates will mit den Riesenfliegern das Streckennetz von momentan 101 Zielen in 61 Staaten weiter ausbauen. Auch Frankfurt, München, Hamburg und Düsseldorf zählen schon dazu. Stuttgart und Berlin sollen folgen - sofern die Bundesregierung es zulässt. Heimische Fluggesellschaften betreiben fleißig Lobbyarbeit dagegen, denn sie fürchten die Konkurrenz aus dem Nahen Osten.

Es gibt keinen größeren Kunden für den Airbus A380 als Emirates. Entsprechend wichtig nahm der Flugzeugbauer die Auslieferung: Airbus-Boss Thomas Enders übergab persönlich den Flieger, mehr als 2000 Mitarbeiter des Werks bildeten ein Spalier und ließen La Ola für die Besucher kreisen. Das Unternehmen setzt auf den Erfolg des Premiumkunden, der noch fast 200 weitere Großraumjets beim deutschfranzösischen Flugzeugbauer bestellt hat. Auch bei Boeing ist Emirates einer der größten Kunden. Insgesamt sollen in den nächsten zehn Jahren knapp 300 neue Maschinen an die Fluggesellschaft gehen.

Dubai

Die Kapazität am überfüllten Heimatflughafen wird sich schon bald mit einem neuen Terminal verdoppeln. Ein zweiter Flughafen, dreimal so groß, mit sechs Startbahnen und Platz für 120 Millionen Passagiere, entsteht zusätzlich in der Wüste. Das Projekt hieß unbescheiden "World Central", bis es kürzlich zu Ehren des Emirs in "Al Maktoum International" umgetauft wurde.

Dubai ist eine riesige Wette darauf, dass man eine Weltstadt so einfach aus dem Wüstensand stampfen kann. Dass man mit Geld, Stahl, Glas und Beton dauerhaft etwas schaffen kann, das attraktiv genug ist, um als Lebensmittelpunkt für die globale Elite zu dienen. Dass diese Elite es toleriert, wenn Heerscharen Billigarbeiter aus Indien, Pakistan oder Bangladesch rund um die Uhr zu Hungerlöhnen schuften, bei bis zu 50 Grad weitab der Stadt in der Wüste in Massenunterkünften hausen und - sobald nicht mehr benötigt - einfach ausgewiesen werden. Dass es keine Demokratie gibt, keine Teilhabe der Bevölkerung an der Macht, nicht einmal Gewerkschaften oder gar ein Streikrecht. Und dass Dubai ein gefährlicher Ort ist, egal, wie niedrig dank straffer islamischer Rechtsauffassung die Kriminalitätsrate ist: Knapp vor der Küste kreuzen regelmäßig amerikanische Flugzeugträger und U-Boote mit Atomwaffen an Bord. Gerade 100 Kilometer weiter beginnen iranische Hoheitsgewässer mit der Straße von Hormuz, durch die rund 40 Prozent des weltweiten Öls transportiert werden. 1988 wurde während des Ersten Golfkriegs ganz in der Nähe ein iranischer Airbus mit 290 Passagieren auf dem Weg nach Dubai von einem USKriegsschiff abgeschossen. Die Besatzung hatte ihn mit einem angreifenden Kampfjet verwechselt.

"Emirates und Dubai muss man gemeinsam betrachten"

"Über eine Krise in der Region mache ich mir keine Gedanken", sagt Scheich Ahmed bin Said Al Maktoum, 49, der Chef von Emirates. "Natürlich würde uns das betreffen, aber es wäre nicht für immer. Seit es Emirates gibt, haben wir drei Golfkriege überstanden. Es hat uns nicht aufgehalten. Wir müssen mit dem Risiko leben, weil wir die Geschehnisse nicht beeinflussen können." Arabischer Optimismus. Aber wirkt der auch bei den Edel-Gastarbeitern aus der ganzen Welt, auf die Dubai mit seinen nur etwa 250.000 Einheimischen (bei insgesamt geschätzten 1,3 Millionen Einwohnern) unbedingt angewiesen ist?

"Emirates und Dubai muss man gemeinsam betrachten", sagt der Scheich. Er ist gut ausgebildet, charmant und intelligent, aber zu seiner Führungsaufgabe ist er vor allem gekommen, weil sein Neffe Scheich Mohammed ist, der Regent von Dubai. "Ich hatte keine persönliche Verbindung zum Fliegen", sagt Scheich Ahmed. "Ich wurde ernannt. Der Emir wollte eine Fluggesellschaft haben. Er wollte Touristen anlocken."

Sein Büro hat Scheich Ahmed im alten Teil des Flughafens, direkt über der Ankunftshalle. Es hat keine Fenster nach draußen, sondern auf die Schalter mit den Passkontrollen, an denen meist lange Touristenschlangen stehen: 6,5 Millionen Besucher zählte das Emirat Dubai im vergangenen Jahr. 2010 sollen es 15 Millionen sein - eineinhalb mal so viel wie in Berlin. Zehn Millionen Dollar gab der Emir vor mehr als 20 Jahren als Anschubfinanzierung. Seitdem kassiert der Staat die Dividenden. Emirates ist so schnell gewachsen wie wohl keine andere Fluggesellschaft jemals zuvor: 30.000 Mitarbeiter beförderten 2007 über 21 Millionen Fluggäste, und das ausschließlich auf Langstrecken. 2012 sollen es schon 26 Millionen sein.

Erfolgsfaktor von Emirates: Steuerfreiheit

Scheich Ahmed hat sich schon vor Jahren erfahrene Airline-Manager aus Europa geholt, die den Laden für die königliche Familie schmeißen. Das goldene Logo von Emirates ist dabei Programm: 13,4 Prozent Rendite und rund 900 Millionen Euro Gewinn stehen für das Jahr 2007 in den Büchern. In der vom hohen Ölpreis gebeutelten Welt des Luftverkehrs ist die Airline damit eine Ausnahmeerscheinung. Aber das ist auch nötig, denn Dubai hat von den unermesslichen Ölvorkommen des Nachbar-Emirats Abu Dhabi kaum etwas abbekommen. Nur noch zehn Prozent der Staatseinnahmen stammen aus dem Geschäft mit dem schwarzen Gold. Und da Steuern traditionell nicht erhoben werden, muss Alleinherrscher Mohammed (im Volksmund "Mo") sein Geld selbst verdienen. Emirates ist dabei sein wichtigstes Investment. Und eines der vielversprechendsten: Bleibt die Region ruhig, könnte Dubai wirklich zur Welt-Zentrale des Luftverkehrs werden.

Einer der Erfolgsfaktoren von Emirates ist die Steuerfreiheit. Denn um qualifizierte Mitarbeiter zu bewegen, sich fernab der Heimat bei bis zu 50 Grad im Sommer und Sandstürmen im Winter niederzulassen, muss die Entschädigung stimmen. Besonders Deutsche lassen sich gern damit locken, das Gehalt in Dubai "brutto für netto" einstreichen zu können.

Savio Schmitz ist einer von ihnen. Pünktlich ist ein silberner Audi vor dem Haus des 38-jährigen Piloten vorgefahren. Geduldig wartet der Fahrer in der idyllischen Straße mit den sandfarbenen Villen und dem satten Grün, bis Schmitz sich von seiner Frau Calle und Sohn Ron, 9, verabschiedet hat. Dann fährt er ihn hinaus in die Wüste. Schmitz und seine Familie wohnen im "Stadtteil" Silicon Oasis, Straße C. Stadtteil in Anführungsstrichen, weil er einsam zwischen Dünen liegt. Nur die ersten 560 identischen Villen der Oase sind fertiggestellt. Als Nächstes folgt ein spiegelverkehrtes Abbild davon. Die neuen Straßen schlängeln sich bereits durch den Sand. Auch hier werden ausschließlich Emirates-Mitarbeiter wohnen.

Der Fahrer bringt Schmitz zum Flughafen. Er fliegt heute einen Airbus Richtung Hamburg. Seine Firma sorgt dafür, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Gefragte Fachkräfte wie Savio Schmitz haben in Dubai beste Bedingungen: Neben dem steuerfreien Gehalt stellt die Firma das Haus, zahlt Strom, Wasser sowie Krankenversicherung und füllt einen Pensionsfonds. "Ich wüsste nicht, wo ich ein vergleichbares Gehaltspaket bekäme", sagt Schmitz. "Wir können rund 40 Prozent des Einkommens sparen."

Ca. 50 Deutsche fliegen für Emirates

Die guten Bedingungen haben sich in der Branche herumgesprochen: "Mittlerweile sind neun frühere LTU-Kollegen hier. Insgesamt fliegen etwa 50 Deutsche für Emirates", sagt Schmitz. "Immer wenn zu Hause eine Airline Probleme hat, kommen die Mitarbeiter hierher." Angezogen werden sie auch von den Aufstiegschancen, die relativ junge Mitarbeiter bei Emirates haben. Schließlich ist der Bedarf an Piloten und anderem Personal in den nächsten Jahren wegen des rasanten Wachstums gewaltig. 7000 Mitarbeiter hat Emirates allein im vergangenen Jahr angeheuert. Savio Schmitz ist bereits Ausbilder und soll spätestens 2010 einen A380 übernehmen. "Früher habe ich immer auf moderne Flugzeuge gehofft. Hier gibt es sie", sagt er.

Seine Frau Calle, geboren in Paderborn, kümmert sich nur noch um Haushalt und Kind: "Ich fühle mich hier richtig heimisch und möchte gar nicht mehr weg. Unser Sohn hat in wenigen Monaten Englisch gelernt und spricht jetzt auch schon etwas Arabisch." Ron geht zur internationalen Schule, sie verbringt ihre Tage im "Community Center" der Siedlung, einem Komplex aus Restaurant, Läden (für Alkohol braucht man eine Lizenz) und Swimmingpool, oder beim Einkaufen. Wenige Kilometer entfernt liegen einige der größten Shoppingmalls. Nur im arabischen Hochsommer zieht es sie mit dem Sohn zurück nach Europa - der mörderischen Hitze wegen. "Aber nach vier Wochen bekomme ich Heimweh nach Dubai", sagt sie. "So einen Lebensstil hätten wir in Deutschland nicht."

Dubai ist der Stadt gewordene Traum vom sozialen Aufstieg, zumindest für einige. Motto: Wer zupackt, kann es schaffen. "In Dubai muss man Gas geben. Hier wird mehr gearbeitet als in Deutschland", sagt Savio Schmitz. Doch um den Traum zu leben, braucht man einen Job. Ohne den verliert man schnell die Aufenthaltserlaubnis. Und auch die Steuerfreiheit ist nicht viel wert, wenn kein Konzern den Lebensunterhalt finanziert. Die Immobilienpreise boomen, Energie und besonders Wasser sind teuer.

Personal aus der ganzen Welt

Die Lohnkosten bei Emirates von durchschnittlich rund 40.000 Euro pro Mitarbeiter und Jahr lägen kaum unter denen der Lufthansa - wenn die nicht geschätzte 1,2 Milliarden Euro Lohnsteuer pro Jahr für ihre etwa 100.000 Mitarbeiter abführen würde. Das verschafft Emirates einen wesentlichen Kostenvorteil. Und auf den Lufthansa-Gewinn von 1,4 Milliarden Euro fielen 2007 außerdem 356 Millionen Euro Unternehmensteuern an. All das muss Emirates nicht zahlen. Schließlich gehört der ganze Laden dem "Government of Dubai", das ja auch die Steuern bekäme.

Nicht nur die Piloten kommen bei Emirates aus der ganzen Welt: Flugbegleiter, Techniker und Küchenpersonal aus 145 Nationen arbeiten für den Konzern. Lediglich eine Handvoll Emiratis haben wie A380-Chefpilot Shaban angeheuert. Eine junge Einheimische arbeitet sogar als Technikerin in der gewaltigen Flugzeugwerft, in der auch die A380 künftig von eigenen Fachleuten gewartet werden.

Kristin Hoppe, 29, aus Hirschberg in Thüringen arbeitet seit sechs Jahren als Flugbegleiterin für Emirates und ist noch immer begeistert: "Hier haben wir so viele Chancen." Sie ist mit ihrem Mann in die Emirate gezogen, der inzwischen als Handwerker auf einer der unzähligen Baustellen arbeitet. "Das Wetter hat ihn überzeugt." Seit Kurzem wohnen sie zusammen in einer kleinen Wohnung im Nachbar-Emirat Sharjah, wo die Preise noch erträglich sind. Dauerhaft am Golf bleiben möchten die beiden aber nicht. "Heimat bleibt Heimat", sagt sie.

Kollegin Hilke Siegert, 28 und in Hamburg geboren, nutzt noch die kostenlose Firmenunterkunft. Für Stewardessen ist sie allerdings deutlich weniger luxuriös als für Piloten: ein kleines Apartment, nicht weit vom Flughafen, das sie sich mit einer Kollegin teilt. "Das Nachtleben in Dubai ist gut, und das Gehalt ist wie ein Taschengeld, das man netto ausgeben kann. Alles andere wird gestellt", sagt sie. "Wenn man jung ist und viel reisen will, ist das ideal hier: In drei Stunden ist man in Indien."

Auch das ist ein Grund für den Erfolg der Airline: Emirates sammelt seine Passagiere überall in Europa ein und transportiert sie rund 4000 Kilometer nach Dubai. Dort steigen sie um und fliegen die nur unwesentlich weiteren Strecken nach Singapur, Bangkok oder Hongkong. Europäische Airlines, die von Frankfurt, London oder Paris direkt nach Asien fliegen, müssen viele Tonnen Treibstoff mehr an Bord haben, was den Spritverbrauch erhöht. Ein Kostenvorteil für Emirates.

Das haben inzwischen aber auch andere Staaten der Region erkannt und rüsten ihre nationalen Fluggesellschaften ähnlich auf: In Katar (Qatar Airways), Abu Dhabi (Etihad) oder Bahrain (Gulf Air) wachsen bereits Konkurrenten heran. "Es ist doch normal, dass jeder unseren Erfolg kopiert", findet Scheich Ahmed. "Wir denken nicht darüber nach, was die anderen machen. Viele Leute warten nur darauf, dass unsere Projekte schiefgehen. Sie wollen uns scheitern sehen. Aus Neid, weil sie selbst so etwas nicht hinbekämen."

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