Energiepolitik Die Charmeoffensive der Energiekonzerne


Zwischen Kohle und Atom sprießt auch etwas Grünes: Die großen deutschen Energieversorger versuchen, ihr schlechtes Image loszuwerden. Mithilfe großer Werbekampagnen wird um das Vertrauen der Verbraucher geworben - noch jedoch mit mehr Schein als Sein.

Er steht lässig an der Treppe, beide Hände sind in den Hosentaschen vergraben, ein Bein leicht angewinkelt. Der dunkelgraue Anzug sieht etwas verknittert aus. Das Foto erweckt den Eindruck, als ob ein älterer Herr den ersten Freund seiner einzigen Tochter begutachtet - kritisch, aber doch nicht ohne Wohlwollen, väterlich eben.

In Wahrheit geht es um etwas viel Größeres: das Image und die Zukunft der deutschen Energiekonzerne. Jürgen Großmann, seit wenigen Monaten Vorstandsvorsitzender von RWE, müht sich redlich, den angeschlagenen Ruf der Branche aufzupolieren. Passend zur Klimakonferenz in Bali schaltete er eine Anzeige - oder genauer: eine riesige vierseitige Beilage. Sie erschien in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und in der "Bild am Sonntag".

Programm für Arbeit

Auf der Frontseite ist Großmann in Großaufnahme zu sehen. "Antworten" will er geben und schlägt erneut einen "Energiepakt für Deutschland" vor. Das Unternehmen und mit ihm der Vorstandsvorsitzende gibt sich auf den folgenden Seiten betont zurückhaltend: "Wir Energieversorger haben einen verantwortungsvollen Auftrag", heißt es in dem Anzeigentext. Die hohen Strompreise werden lediglich am Rande erwähnt - der Atomausstieg ebenso.

Stattdessen wird Positives herausgestellt: Die Investitionen in neue Kraftwerke seien ein "Programm für Arbeit" und das Unternehmen gehe mit 2900 Auszubildenden den Facharbeitermangel an. Der Klimaschutz wird groß geschrieben, Energieeffizienz als wichtig herausgestellt. Bis 2020 will RWE 20 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugen - bislang sind es lediglich fünf Prozent. Um das zu erreichen, ist geplant, jährlich eine Milliarde Euro zu investieren.

Seit Monaten werden die Energiekonzerne von Verbraucherschützern und Politikern angesichts der hohen Strompreise der Abzocke bezichtigt. Zugleich rücken den vier großen Unternehmen - Eon, RWE, Vattenfall und EnBW - die Kartellbehörden auf den Leib. Brüssel sowie das Bundeskartellamt haben sich zum Ziel gesetzt, das deutsche Stromoligopol endgültig aufzubrechen. Und zu guter Letzt muss der Atomausstieg gemeistert und der Klimawandel bekämpft werden.

"Das wird nicht funktionieren"

Die Konzerne wehren sich, indem sie ihre Kritiker umarmen und sich in bunten Anzeigen verständnisvoll zeigen. "Die Konzerne meinen, mit einem Haufen Geld ihr Image schnell und geräuschlos aufpolieren zu können", sagte Thorsten Hofmann, Geschäftsführer der PR-Agentur PRGS, die sich auf Krisen-Kommunikation spezialisiert hat. Er ist der Überzeugung: "Das wird nicht funktionieren." Die Verbraucher müssten stattdessen langsam an das neue Image herangeführt, sagt er. "Was in den Anzeigen widergespiegelt wird, hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun."

Die RWE ist nicht der einzige Konzern, der sich einen grünen Anstrich gibt: Ein Mann - Typ perfekter Schwiegersohn - läuft mit hochgekrempelter Hose den Strand entlang und erklärt, wie Strom aus dem Meer kommt: "Man hört es nicht. Man sieht es nicht." Eon wirbt so für ein Gezeitenkraftwerk, das Ebbe und Flut für die Stromerzeugung nutzt. Das Projekt ist jedoch noch weit von seiner Vollendung entfernt: Es stecke noch "in den Kinderschuhen" und spiele im gesamten Konzern nur eine untergeordnete Rolle, sagt Energie-Experte Matthias Heck vom Privatbankhaus Sal. Oppenheim. "Aus Imagegründen ist es aber sehr interessant."

Mittelfristig will Eon 20 Prozent seines Stroms umweltfreundlich erzeugen. Zum Vergleich: Die Bundesregierung plant, den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung von derzeit gut zwölf Prozent bis 2020 auf 25 bis 30 Prozent zu steigern.

Andere sind schon weiter

Die großen Stromkonzerne sind spät dran, wenn es um das Thema erneuerbare Energie geht: "Es gibt eine Reihe von europäischen Versorgern, die früher aktiv geworden sind - zum Beispiel die spanische Iberdrola", sagt Analyst Heck. "Diesen Vorsprung aufzuholen, ist eine sehr große Herausforderung. Ich glaube nicht, dass dies mittelfristig gelingen wird."

Es wäre jedoch falsch, den Energiekonzernen die alleinige Schuld für die Entwicklung zu geben. Sie stecken in der Zwickmühle, denn die Politik weiß selber nicht, wohin die Reise genau gehen soll: "Es gibt keine klare Entscheidung, wie der Energiemix der Zukunft aussehen soll", erläutert Energie-Analyst Reiner Haier von der Landesbank Baden-Württemberg. "Es fehlt an Planungssicherheit für die Unternehmen."

Ein Beispiel: Die durch den Atomausstieg wegfallenden Stromkapazitäten sollen nach dem Willen der Bundesregierung zu einem größeren Teil über den Bau von neuen Kohlekraftwerken (KKW) ausgeglichen werden, was in der Bevölkerung auf massiven Widerstand stößt. In Hessen gehen Ärzte auf die Straße und warnen vor einer gesundheitlichen Gefährdung - im Saarland revoltiert eine ganze Gemeinde gegen den Bau eines KKW.

"Viele Bürger wollen nicht neben einem Kohlekraftwerk oder Windrad wohnen", sagt Analyst Haier. "Diesen Spagat müssen der Staat und die Unternehmen meistern." Der Experte ist zudem überzeugt, dass der notwendige Kapazitätsaufbau für erneuerbare Energien und Kohlekraftwerke bei gleichzeitigem Wegfall der Kernenergie "zeitlich mehr als ambitioniert" ist.

Neues Spitzentreffen geplant

Erste Anzeichen, dass sich zumindest das Verhältnis zur Politik wieder verbessert, sind aber sichtbar. Der vor wenigen Wochen erstmals vorgeschlagene "Energiepakt für Deutschland" stößt in der Politik auf Wohlwollen - auch wenn er noch inhaltsleer ist: "Die Energiekonzerne haben einen großen Nachholbedarf und müssen einen erheblichen Imageschaden wettmachen", sagte der energiepolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Rainer Hempelmann.

"Wir erwarten einen gemeinsamen Vorschlag der gesamten Branche - dass, was angedeutet wurde, muss konkretisiert werden." Hempelmann geht es um mehr Energieeffizienz, besseren Wettbewerb und den Klimaschutz. "Die Bereitschaft der Politik zum Dialog ist da", sagte der SPD-Politiker. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat Eon-Chef Bernotat schon damit beauftragt, einen "sachgerechten Dialog" über die energiepolitischen Herausforderungen zu organisieren. Im Januar oder Februar solle es erneut einen runden Tisch mit Versorgern und Verbraucherverbänden geben. Bislang hießen solche Treffen Energiegipfel und verliefen ohne greifbare Erfolge.

Sie verfolge "mit einer gewissen Sorge, welche Formen der Energieversorgung derzeit auf den Prüfstand kommen", warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unlängst. Die Kanzlerin will Antworten hören und muss sie auch selbst geben. Analyst Haier hat zumindest schon eine: "Die Konzerne müssen auf eine weitgehend CO2-freie Energieerzeugung umstellen", sagt er. "Ein Imagewandel ist notwendig."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker