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Entlassungswelle: Der Kapitalmarkt hat kein Gewissen

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hält sie für unumgänglich: Bei vielen deutschen Konzernen rollt trotz der guten Konjunktur eine neue Entlassungswelle. Der Kapitalmarkt erwartet eine satte Rendite, egal wie es der Wirtschaft geht, urteilen Experten. Die Zahl der Mitarbeiter sei dabei nicht von Belang.

Von Marcus Gatzke

3.617.000. So viele Menschen waren in Deutschland im Februar offiziell bei der Bundesagentur für Arbeit als arbeitslos registriert - so wenige wie schon seit Jahren nicht mehr. Gleichzeitig ist die Zahl der Erwerbstätigen deutlich gestiegen. Im Januar waren es 39,57 Millionen. Der starke Aufschwung der vergangenen Jahren hat am Arbeitsmarkt deutliche Spuren hinterlassen.

Aber die positive Entwicklung ist nur eine Seite der Medaille: Während die Wirtschaft in regelmäßigen Abständen bereits über einen Fachkräftemangel in Deutschland klagt, rollt bei den großen Konzernen eine neue Entlassungswelle. Bei BMW fallen 8100 Stellen weg, Henkel streicht 3000 Arbeitsplätze und auch bei Siemens müssen fast 7000 Beschäftigte das Unternehmen verlassen.

Wolken am Konjunkturhimmel

Verkehrte Welt? Für manche Experten schon: "Die Gier des Kapitalmarktes ist unersättlich und zwingt die Unternehmen zu handeln", sagt Gustav Horn, vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, im Gespräch mit stern.de.

Gemeint ist, dass am bisher blauen Konjunkturhimmel Wolken aufgezogen sind. Die Immobilienkrise in den USA und die Angst, die amerikanische Wirtschaft könnte in der Folge in eine Rezession abrutschen, geht auch an Europa nicht spurlos vorbei. Auch wenn sich Deutschland nicht auf eine ähnlich schlechte Entwicklung vorbereiten muss, wird das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr schwächer ausfallen. Wie schwach, ist unter Experten heftig umstritten.

Der Kapitalmarkt hat kein Gewissen

Um den Renditeerwartungen des Kapitalmarkts auch unter den schlechteren Bedingungen Rechnung zu tragen, müssen die Konzerne eine neue Sparrunde einläuten. "Der Kapitalmarkt und die Investoren nehmen auf den Konjunkturabschwung in den USA nur wenig Rücksicht", erläutert Carsten Klude, Chefvolkswirt beim Privatbankhaus MM Warburg im Gespräch mit stern.de. "Die Investoren schauen nicht auf die Zahl der Mitarbeiter, sondern vor allem auf den Gewinn."

Für Wirtschaftsforscher Horn ist die Entwicklung deshalb auch erschreckend: "Die Konzerne haben in den vergangenen Jahren exorbitante Gewinne erwirtschaftet", sagt er. "Wenn sie ihre Gewinnansprüche etwas mäßigen würden, ließe sich die Entwicklung auch ohne einen Stellenabbau verkraften." Beispiel Henkel: Mit dem weltweiten Abbau von 3000 Arbeitsplätzen sollen pro Jahr 150 Millionen Euro eingespart werden.

2001 und 2004 hatte der Konzern mit ähnlichen Programmen bereits insgesamt 4500 Jobs abgebaut, um die Rendite zu steigern. Dabei läuft das Geschäft nicht gerade schlecht, die Umsatzrendite liegt bei über zehn Prozent, 2007 wurde ein Rekordergebnis erzielt. "Wir müssen unsere Struktur noch schlanker und effektiver machen", begründete Vorstandschef Ulrich Lehner die neuerlichen Sparanstrengungen.

Für Horn ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar. Henkel sei ein Familienunternehmen, das sich nur bedingt dem Kapitalmarkt unterordnen müsse. "Wer über Jahre Lohnmoderation gefordert hat, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, muss jetzt Gewinnmoderation predigen", fordert er. Viele Unternehmen hätten einfach "unbotmäßige Gewinnerwartungen", die gar nicht realisierbar seien.

Nach Ansicht von Horn stehen die entlassenen Mitarbeiter vor einer schwierigen Zukunft: Wer jetzt seine Stelle verliere, werde es schwer haben, eine neue zu finden, ist er überzeugt. Die Ursache liegt ebenfalls wieder in den Rahmenbedingungen. Weniger Wachstum bedeutet weniger Beschäftigungsaufbau und letztlich weniger Nachfrage - eine Art Teufelskreis. Schon im laufenden Aufschwung war der private Konsum eine Bremse für die ansonsten positive Entwicklung der Wirtschaft. Horn rechnet damit, dass sich das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr nicht mehr stark von der Beschäftigungsschwelle entfernen wird. "In diesem Jahr wird die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt deshalb auch zum Erliegen kommen", prognostiziert er.

Politik liegt "in Ketten

Volkswirt Klude sieht kurzfristig keinen Ausweg aus diesem Dilemma. "Eine kurzfristige Senkung der Einkommenssteuern, um dem schwachen privaten Verbrauch auf die Sprünge zu helfen, wird nicht viel bringen", sagt er mit Blick auf die jüngsten Forderungen aus der Politik. "Um einen nachhaltig positiven Effekt zu erzeugen, müssten die Steuern deutlich sinken."

Für einen solchen Schritt fehlt es aber an finanziellen Spielraum. Trotz eines deutlichen Wirtschaftswachstums über mehrere Jahre hinweg, hat es Vater Staat gerade einmal zu einem minimalen Überschuss gebracht. "Dass wir lediglich einen Mini-Überschuss erzielt haben, zeigt, wie überfrachtet unser Steuer- und Sozialsystem ist", sagt Klude. Würden die Steuern jetzt massiv gesenkt, wäre schnell wieder ein Defizit in zweistelliger Milliardenhöhe angehäuft. Deshalb liege die Politik derzeit "in Ketten". Nur eine grundsätzliche und umfassende Reform des Steuer- und Sozialsystems könne die Fesseln sprengen.

Kapital langsamer machen

Wirtschaftsexperte Horn sieht noch einen anderen Punkt, an dem angesetzt werden kann, um der Entwicklung zumindest in Teilen Einhalt zu gebieten. "Wir müssen das Kapital langsamer machen", schlägt er vor. Horn will den Kapitalverkehr stärker als bisher besteuern, um einen schnellen Abzug von Kapital kostspieliger zu machen. So könnte sich seiner Meinung nach auch im Denken der Manager etwas verändern: Das kurzfristige Denken in Quartalen müsste langfristigen Planungen und Entscheidungen weichen.

Um das zu erreichen, muss die Regulierung des Kapitalmarktes umgestellt werden. "Die Vorteile der Globalisierung dürfen nicht nur denjenigen zu Gute kommen, die Kapital haben, sondern allen", sagt Horn.