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TV-Kritik "Maybrit Illner": Von Wahlkämpfen und Voodoo

Freibier und Schulden statt Merkelscher Sparsamkeit? Gekonnt zugespitzt brachte Maybrit Illner die jüngsten Wahlergebnisse auf den Punkt – und provozierte ihre Gäste zu deutlichen Stellungnahmen.

Von Christoph Forsthoff

"Braune Armee Fraktion": Maybrit Illner bot den Zuschauern in ihrer Talkshow neue Perspektiven auf den Terror von rechts

"Braune Armee Fraktion": Maybrit Illner bot den Zuschauern in ihrer Talkshow neue Perspektiven auf den Terror von rechts

Maybrit Illner war die letzte in dieser thematisch doch sehr einseitigen Talkwoche nach dem großen Wahlsonntag in Frankreich, Griechenland und Schleswig-Holstein – und ließ doch einmal mehr die übrigen Kollegen ziemlich alt aussehen. Nicht weil die Moderatorin ein ganz anderes Thema gewählt oder besonders kesse Bemerkungen gemacht hätte (auch wenn wir über ihre Charakterisierung Francois Hollandes als "großen Bruder von Oskar Lafontaine" schon sehr schmunzeln mussten): Nein, die 47-Jährige vermag einfach den Verlauf einer Diskussion zu steuern – selbst in einer Runde redewütiger Herren.

Illner erlaubte dem SPD-Mann und Präsidenten des Europäischen Parlaments Martin Schulz trotz des Themas "Wer sparen will, wird abgestraft – wählt Europa lieber neue Schulden?" ein kurzes Plädoyer für seine Parteigenossin Hannelore Kraft, und führte das Streitgespräch doch dann ebenso rasch und bestimmt wieder nach Europa zurück. "Viele Grüße an die wahlkämpfende Sozialdemokratie in Nordrhein-Westfalen …"

Vor allem aber weiß Illner die richtigen Fragen zu stellen – und auch nachzuhaken, wenn sich der Antwortende einmal im Ungefähren zu verlieren droht. Und so kam es, dass am gestrigen Abend tatsächlich für Politiker und Wissenschaftler überraschend klare Sätze gesprochen worden. Ja, selbst ein sonst gern im verbalen Nirwana Holpernder wie Edmund Stoiber hinterließ keine Fragezeichen: Wenn Griechenland jetzt den Fiskalpakt entscheidend verändern und gar seine Schulden nicht zurückzahlen wolle, dann gäbe es für die noch ausstehende Ratifizierung des Euro-Rettungsschirmes im Bundestag keine Mehrheit mehr, stellte der ehemalige bayerische Ministerpräsident fest.

Die längst von allen gerrissene Obergrenze

Doch nicht nur das Verhalten der Griechen, auch die Verschuldung der anderen Euro-Nationen sei verheerend, angesichts der ursprünglich einmal im Vertrag von Maastricht vereinbarten und längst von allen gerissenen Obergrenzen von drei Prozent Defizitquote und einer maximalen Staatsverschuldung von 60 Prozent: "Viele sehen darin eine Gefahr für die Wirtschaftsentwicklung in der ganzen Welt."

Eine Gefahr, die naturgemäß politisch gegensätzliche Heiler auf den Plan ruft: Während Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft, kaum noch Spielraum für die Politik sah – "Konjunkturprogramme sind gut, wenn du Geld hast, aber du hast nicht beliebig viele Kugeln und irgendwann sind die verschossen" – und daher einen harten Sparkurs verlangte, plädierte sein Kollege Gustav Horn für das Gegenteil. Der Leiter des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung forderte Investitionen in Wachstum und Arbeitsmarkt: Ein Strategiewechsel sei notwendig, denn das griechische Wahlergebnis sei ein Signal, dass die bisherige Politik dort gescheitert sei.

Dass der Ökonom sich dann allerdings zu einem Vergleich der europäischen Währungsunion mit einer Kinderschaukel verstieg – "solange sie in Balance ist, ist alles in Ordnung", so Horn, aber falle der erste herunter, würden die nächsten folgen – rief dann doch Wolfgang Kubicki auf den Plan: Das sei "Voodoo-Ökonomie" – "wenn Sie die beiden besten Spieler einer Mannschaft verpflichten, schlechter zu spielen, wird das Spiel dadurch nicht besser", wetterte der schleswig-holsteinische Spitzen-Liberale, der vergangenen Sonntag mit einem sensationellen Wahlergebnis für die Wiederauferstehung der FDP gesorgt hatte.

"Er ist als Person besser als ich"

Klar, dass Illner auch diesen landespolitischen Triumph nicht völlig ignorieren konnte, doch auch hier verstand sie es geschickt, den kurzen Abstecher in den Norden ins Thema einzubinden. Die Talkmasterin entlockte dem äußerst selbstbewussten Mann sogar ein Kompliment für seinen NRW-Parteifreund Christian Lindner ("er ist als Person besser als ich") und setzte ansonsten auf die klaren Worte des Politikers.

"Ich finde es komisch, dass man heute diejenigen, die Geld verliehen haben, zu Schuldigen erklärt und nicht diejenigen, die es sich ausgeliehen haben", wies Kubicki auf die Verantwortung der griechischen Politiker für die aktuelle Misere hin. "Das Ergebnis von Verschuldung ist nicht Wohlstand, sondern Perspektivlosigkeit." Nun, wirklich neue Perspektiven für Auswege aus der Eurokrise eröffnete zwar auch dieser Abend nicht – aber das hatte wohl auch keiner ernsthaft erwartet –, doch zumindest gab es endlich mal wieder klare Aussagen und vor allem eine inhaltlich prononcierte Diskussion. Und eben das sollte ja das Ziel einer politischen Talkshow sein.