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Eon Ruhrgas: Lustreise oder Lernfahrt

Als Reiseveranstalter war die Essener Eon Ruhrgas bislang nicht bekannt. Jetzt aber macht der größte deutsche Gasversorger Schlagzeilen wegen Ausflügen nach Brügge und Barcelona, St. Petersburg und Norwegen.

Gegen Eon Ruhrgas laufen Ermittlungen wegen des Verdachts, mehr als 150 Stadträten und Lokalpolitikern Vergnügungsreisen finanziert zu haben. Ob sich die Kommunalpolitiker im Gegenzug für Lieferverträge mit Eon einsetzten, ist noch unklar. In den Genuss der Reisen sollen rund 150 nordrhein-westfälische Kommunalpolitiker gekommen sein, die in Aufsichtsräten von 30 Stadtwerken und anderen Versorgern sitzen. Doch die Kölner Staatsanwaltschaft erklärte, es gebe Hinweise, dass auch Politiker aus Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland an touristischen Reisen auf Kosten des Energieversorgers teilgenommen hätten. Die Frage ist nun: Waren es Lustreisen oder Lernfahrten? Erweiterten die Volksvertreter ihren fachlichen Horizont oder genossen sie - zum Teil mit Ehepartnern - touristische Leckerbissen?

"Gasfachliche Fortbildungen" in Barcelona

Die Kölner Staatsanwaltschaft geht der Frage nach, ob die lokalen Entscheider günstig gestimmt werden sollten für den Fall, dass Vertragsverhandlungen über Gaslieferverträge anstünden. "Gasfachliche Fortbildungen" jedenfalls kommen den Korruptions-Experten spanisch vor, wenn sie zum Beispiel in Barcelona stattfinden, und erst recht, wenn die Ehegatten der Politiker gleich miteingeladen werden. Dann entsteht bei den Ermittlern der Verdacht, hier könnte ein Unternehmen systematisch "Schmiermittel" eingesetzt haben.

Die Beschuldigten weisen das weit von sich. Eon geht dabei allerdings nur auf Reisen zu norwegischen Bohrplattformen ein. "Dabei handelte es sich um reine Informationsreisen mit straffem Programm", sagt Unternehmenssprecher Helmut Roloff. Fahrten nach Spanien, Russland oder Belgien kommentiert er mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht. Auch über ein Abendessen in einem Nobelrestaurant nahe Köln ist von Eon-Seite zunächst nichts zu erfahren. In der Region wird hingegen schon gespottet, Starköche kochten schließlich oft mit Gas, damit sei der Bezug gegeben.

Stadtwerke Burscheid wehren sich

Gar nicht lachen über die Vorwürfe kann Siegfried Thielsch, Geschäftsführer der Stadtwerke Burscheid. Aufsichtsräte seines Unternehmens hatten an einer Exkursion zu einer Bohrplattform teilgenommen. "Bei der Reise nach Norwegen ging es zu 100 Prozent um Information, ein touristisches Programm gab es nicht, und es waren keine Ehegatten dabei." Außerdem liege die Entscheidung über Verträge alleine bei ihm, von Vorteilsannahme könne also keine Rede sein.

Die Reise der Burscheider hatte die Affäre ins Rollen gebracht. Ein Bürger wunderte sich und schickte einen Zeitungsartikel über den Flug anonym an die Staatsanwaltschaft. Die fand das so interessant, dass sie Eon durchsuchen ließ und auf die anderen Reisen stieß, die jeweils bis zu 120.000 Euro kosteten. Thielsch ist sauer, dass seine Stadtwerke nun in einem Atemzug mit Ausflügen ins schöne Spanien genannt werden: "Man wird fertig gemacht und kann sich nicht wehren."

Klare Regeln würden helfen

Zu Unrecht in den Schlagzeilen fühlt sich auch der Euskirchener Bürgermeister Uwe Friedl (CDU). Als Aufsichtsratsvorsitzender der Regionalgas Euskirchen hatte er 2001 an einer Reise nach St. Petersburg teilgenommen. Strafrechtlich sei sie nicht zu beanstanden, sagt er, denn die Teilnehmer hätten viele wichtige Informationen über die Förderung von Gas bekommen. "Da habe ich ein reines Gewissen." Friedl kam aber zu dem Schluss, dass sich solche Informationen auch anders vermitteln ließen: "Deshalb habe ich damals entschieden, dass es weitere Reisen dieser Art nicht geben wird."

Klare Verhältnisse, die sich auch andere wünschen: 2004 geriet RWE in die Schlagzeilen, wegen umstrittener Zahlungen an die CDU-Politiker Laurenz Meyer und Hermann-Josef Arentz. Inzwischen hat der Energiekonzern sich Verhaltensregeln auferlegt. "Unternehmen sollen gegen jede Form der Korruption vorgehen, einschließlich der Erpressung und Bestechung", heißt es in dem Codex.

Jürgen Hein/DPA / DPA