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Gutscheine statt Geld zurück: "Fühle mich verarscht": Kundin bleibt auf Konzerttickets für 2600 Euro sitzen

Für ausgefallene Konzerte gibt es dank eines neuen Gesetzes statt Geld zunächst nur Gutscheine zurück. Das finden nicht alle Verbraucher akzeptabel. Zumal es um richtig viel Geld gehen kann, wie der Fall einer besonders betroffenen Kundin zeigt.

Tickets

Musikfan Petra Kurzenberger hat Konzerttickets für 2623,35 Euro erworben

Für Konzertgängerin Petra Kurzenberger sollte 2020 ein großes Jahr werden. Im März wollte die 53-jährige Mannheimerin Singer/Songwriter Michael Schulte sowie US-Sänger Richard Marx sehen. Im Sommer standen Konzerte von Céline Dion, Lionel Richie, Sarah Connor und Xavier Naidoo auf dem Plan. Gemeinsam mit ihren Eltern wollte sie zudem den Folk-Rock-Oldies America und den Beach Boys zujubeln. Für den Herbst hatte sie bereits Tickets für die US-Stars Dionne Warwick und Michael Bolton. Letzteren wollte sie gerne an ihrem Geburtstag in der Londoner Royal Albert Hall sehen und hören.

Aus all dem wird wohl in absehbarer Zeit nichts werden. Die meisten der Konzerte sind - wie Tausende weitere in Deutschland und Europa - wegen der Corona-Pandemie abgesagt oder verschoben worden - oft auf unbestimmte Zeit. Großveranstaltungen sind in Deutschland wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Virus bis mindestens Ende August untersagt. Wann Stars überhaupt wieder große Arenen füllen dürfen, steht in den Sternen.

Konzerttickets für 2623,35 Euro

Bei Konzertfans wie Petra Kurzenberger stapeln sich derweil die teuren Eintrittskarten auf dem Tisch. Die Tickets hat sie größtenteils schon vor vielen Monaten erstanden, teils auch als Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke für Familie und Freunde. Allein das Céline-Dion-Konzert in der Mannheimer SAP-Arena kostetet 200 Euro pro Karte, viele der anderen Stars machen es nicht unter 100 Euro. Insgesamt, so hat Kurzenberger zusammengerechnet, hat sie dieses Jahr 2623,35 Euro für Konzerttickets ausgegeben, "also definitiv kein Pappenstiel", wie sie sagt.

Dieses Geld hätte Kurzenberger gerne zurück, so wie es das Gesetz bisher auch vorsah. Doch am Donnerstag hat der Bundestag beschlossen, dass Veranstalter für vor dem 8. März gekaufte Tickets einen Gutschein statt Geld zurückgeben dürfen. Am Freitag hat auch der Bundesrat das Gesetz durchgewunken. Die Politik will so die zahlreichen kleinen Veranstalter vor der Pleite retten, höhlt aber zugleich das Recht der Kunden aus. "Ich bin mit vielem, was die Regierung beschlossen hat, einverstanden, aber damit nicht", sagt Kurzenberger über das Gutschein-Gesetz. "Meine Verbraucherrechte werden hier eingeschränkt und da fühle ich mich schon verarscht."

Mit ihrer Kritik liegt Kurzenberger auf einer Linie mit Verbraucherschützern, die das Gesetz ebenfalls kritisieren. "Verbraucher können und sollen gerne Gutscheine akzeptieren, um besonders hart von der Krise getroffene Anbieter und Künstler zu unterstützen. Das muss aber auf freiwilliger Basis geschehen", heißt es auf der Homepage der Verbraucherzentralen. "Denn auch viele Verbraucher leiden derzeit an den Folgen der Pandemie. Viele Menschen benötigen selber ihr Geld und sie müssen weiterhin frei entscheiden können, wofür sie es ausgeben." Besonders bedenklich finden die Verbraucherschützer zudem, dass das Gesetz rückwirkend gilt, Verbrauchern also nachträglich Rechte genommen werden, die sie zum Zeitpunkt des Ticketkaufs und sogar zum Zeitpunkt der meisten Konzertabsagen noch hatten.

Eventim hält Regelung für zumutbar

Klaus-Peter Schulenberg, der Chef des Ticketgiganten Eventim, über den auch Petra Kurzenberger die meisten ihrer Tickets gekauft hat, hält die Gutscheinlösung dagegen für richtig. "Ich finde, das ist zumutbar", sagte er vor wenigen Tagen im stern-Interview. Und für die Branche sei es überlebenswichtig. Sollten alle Veranstalter die Eintrittspreise zurückzahlen müssen, würden zwei Drittel von ihnen in Konkurs gehen, schätzt Ticketvermittler Schulenberg. "Was nutzt es den Verbrauchern, ein Recht auf sofortige Ticketerstattung zu haben, wenn er im Ergebnis leer ausgeht, weil der Veranstalter insolvent ist?"

Das Gesetz sieht zudem vor, dass nicht eingelöste Gutscheine Anfang 2022 doch noch in Geld umgewandelt werden können. Allerdings nur, wenn es den Veranstalter dann noch gibt. "Sollte ein Veranstalter pleitegehen, bleiben Verbraucher vermutlich auf den Kosten sitzen", stellt die Verbraucherzentrale fest. Das fürchtet auch Petra Kurzenberger, die sich an einen Anwalt gewandt hat, um rechtliche Schritte zu prüfen.

Unter eine Härtefallregelung, die im Gesetz ebenfalls verankert ist, dürfte Kurzenberger nicht fallen. Als IT-Beraterin in der Pharmabranche verdient sie gut. "Aber ich habe auch meine Ausgaben", sagt die zweifache Mutter. Da seien die beiden unterhaltspflichtigen Kinder, die Beiträge zur privaten Krankenversicherung, die Raten für ihre eigene Immobilie sowie die eines ihrer Kinder. "Ich benötige das Geld dringend selbst - daher lehne ich die Gutschein-Lösung definitiv ab."