Finanzkrise Deutsche Bank erwartet Rezession


Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank hat ein düsteres Szenario der zukünftigen Wirtschaftslage in Europa gemalt: Angesichts der Finanzkrise in den USA sei auch in Europa "eine Rezession nicht mehr zu vermeiden", sagte Norbert Walter. In den USA nimmt der Senat heute einen neuen Anlauf bei der Abstimmung über das Rettungspaket für den Finanzsektor.

Die Bundesbürger müssen sich auf einen Wirtschaftsabschwung einstellen. Diese Ansicht vertritt Norber Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. "Eine Rezession ist für die alte Welt, also USA, Europa, Japan, nicht mehr zu vermeiden", Walter den "Stuttgarter Nachrichten". Zu viel sei schief gelaufen. Im Hinblick auf das Scheitern des milliardenschweren US-Rettungsplans erwartet der Ökonom, dass es zu einer großen Lösung kommt. "Und zwar noch in dieser Woche." Walter befürwortete die Milliardenbürgschaft für die angeschlagene Hypo Real Estate (HRE). "Das Krisenmanagement in Deutschland ist im internationalen Vergleich durchaus professionell", sagte Walter.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sieht dagegen vorläufig keinerlei Grund für Rezessionsängste. "Wir sollten jetzt nicht die Krise ausrufen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes Martin Wansleben am Mittwoch im ARD-Morgenmagazin. "Ich würde nicht so vorschnell von einer Rezession reden", ergänzte er. In diesem Jahr werde es noch ein deutsches Wirtschaftswachstum von rund zwei Prozent geben, vielleicht etwas weniger, vielleicht sogar etwas mehr. Allerdings kühle sich die Konjunktur ab. "Die Auftragseingänge gehen in der Tat runter", erläuterte er.

Keine Immunität in Europa

Unterdessen hat Dominique Strauss-Kahn, Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Europa aufgefordert, sich mit einem gemeinsamen Plan auf eine Ausweitung der Bankenkrise vorzubereiten. Die europäischen Staaten seien nicht immun gegen die Finanzmarktkrise in den USA, sagte der ehemalige französische Wirtschaftsminister in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters. "Also müssen sie sich organisieren. Das ist dringend nötig auf der europäischen Ebene."

In den USA gehen die Bemühungen um das Rettungspaket zur Stabilisierung des taumeldenden Finanzsektors in eine neue Runde. Schon heute will der Senat über ein modifiziertes Paket abstimmen. Laut Fernsehberichten enthält es demnach zusätzlich zu den bisherigen Regelungen eine Erhöhung der staatlichen Privatkonten-Absicherung. Das Weiße Haus begrüßte den Schritt.

Wichtigste Änderung in dem 700 Milliarden Dollar schweren Rettungsplan ist eine höhere Garantiesumme für Bankguthaben. Diese soll nach Angaben von Republikanern und Demokraten auf bis zu 250.000 Dollar steigen. Damit wurde in den Plan eine Forderung Obamas aufgenommen, der sich auch McCain angeschlossen hatte. Auch der staatliche Einlagensicherungsfonds der US-Banken (FDIC) hatte sich für eine vorübergehende Erhöhung ausgesprochen. "Es gibt eine zunehmende Vertrauenskrise, die unnötige Ängste auf dem Markt schürt", erklärte FDIC-Chefin Sheila Bair. Wenn die Garantiesumme erhöht wird, hätten Privat- und Geschäftskunden im Falle einer Pleite ihrer Bank mehr Sicherheit für ihre Guthaben. Derzeit ist die Garantiesumme auf 100.000 Dollar begrenzt.

Obama und McCain einig

Die Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain haben das Parlament zu einer schnellen Zustimmung aufgerufen. "Nichts zu tun ist keine Alternative", mahnte der Republikaner McCain, aus dessen Partei bei der überraschenden Ablehnung im Repräsentantenhaus die meisten Gegenstimmen gekommen waren. "Das ist nicht die Zeit, sich als Politiker Sorgen um die nächste Wahl zu machen", erklärte Obama. "Es ist für uns alle Zeit, uns Sorgen um die Zukunft des Landes zu machen, das wir lieben. Es ist Zeit zu handeln."

Beide Kandidaten wollen dem Sender Fox News zufolge zur Abstimmung nach Washington zurückkehren. Demnach ist sie für die Zeit nach Sonnenuntergang geplant, um jüdischen Senatsmitgliedern nach dem Neujahrsfest eine Teilnahme zu ermöglichen. Etwaige Schritte im Abgeordnetenhaus werden frühestens für Donnerstag erwartet.

Jüngsten Umfragen zufolge unterstützen nur 45 Prozent der Amerikaner den Plan, 38 Prozent sind dagegen. Angesichts der weit verbreiteten Enttäuschung über die Politik von US-Präsident George W. Bush fürchten viele Republikaner bei den Wahlen im November ohnehin um ihren Parlamentssitz.

Börsen machen Boden gut

Das vorläufige Scheitern des Pakets hatte eine Rekord-Talfahrt der US-Finanzmärkte ausgelöst, am Dienstag erholten sie sich aber wieder leicht. Der Dow Jones Index kletterte zu Börsenschluss um 490,95 Punkte auf 10.856,4 Zähler. Am Vortag hatte er mehr als 770 Punkte eingebüßt und damit nach Punkten den höchsten Tagesverlust in seiner Geschichte verbucht.

Die Aktienbörse in Tokio machte am Mittwoch ebenfalls wieder Boden gut. In Folge der positiven Vorgabe der Wall Street notierte der 225 führende Werte umfassende Nikkei zur Handelsmitte ein Plus von 139,74 Punkten oder 1,24 Prozent beim Stand von 11 399,60 Punkten. Auch in Australien und in Hongkong verzeichneten die Börsen ein Plus.

DPA/AFP/Reuters DPA Reuters

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