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Fleischskandal: Eklige Geschäfte

Eine bayerische Firma soll in großen Mengen für Menschen ungenießbare Schlachtabfälle an Lebensmittelhersteller verkauft haben - ein Fleischskandal von unabsehbarem Ausmaß.

Das Freihafengelände im bayerischen Deggendorf ist ein unwirtlicher Ort. Ein paar gesichtslose Hallen, eine Kläranlage, Ruinen, abweisende Zäune. Industrie-Tristesse. Und über allem ein infernalischer Gestank. Manfred Hanke, der hier einen Teppichhandel betreibt, beschreibt ihn als "grausam". Nicht die Kläranlage sei schuld. Hanke berichtet von "herumliegenden verwesenden Fleischresten", von "krabbelnden Maden" und von "Ratten, groß wie Kaninchen". In Deutschland und Europa bahnt sich ein neuer Fleischskandal an - und wer ihm nachspüren will, kann hier Witterung aufnehmen.

Zum Beispiel, indem man einem der schneeweißen Lastwagen ohne Aufschrift folgt, die ab und zu hier durchfahren. Wobei Vorsicht geboten ist: An der deutsch-österreichischen Grenze bei Braunau hat jüngst ein Zöllner den Fahrer eines solchen 20-Tonners mit dem Kennzeichen DEG F 1566 aufgefordert, den Laderaum zu öffnen. Als der sich weigerte, hat es der Zöllner selbst gemacht - und wurde überschüttet von einem gewaltigen Blutschwall.

Im Inneren des Lkw stapelten sich kubikmetergroße Kisten, in denen Geflügelreste schwappten. Köpfe, Füße und so genannte Karkassen. Das sind Gerippe von Hühnern, die nach ihrer maschinellen Schlachtung und Zerlegung übrig bleiben; denn immer öfter verlangt der Verbraucher nicht das ganze Hendl, sondern nur Brust oder Schenkel. Die Schlachtabfälle stammten aus einem österreichischen Betrieb und waren für den Kunden Nr. 1310 ordnungsgemäß deklariert: "Nicht für den menschlichen Verzehr geeignet, Schlachtnebenprodukte Kategorie 3 Material".

Nach der BSE-Krise

wurde die Hygiene im Schlachthof neu definiert. Alles, was nicht in die menschliche Ernährung gelangen darf - amtlich: "tierische Nebenprodukte" -, wird in besonderen Behältern und einem so genannten Konfiskat-Raum gesammelt. Nebenprodukte der Kategorie 1 oder 2 sind dabei von vornherein infektionsverdächtig oder mit Pharmarückständen belastet. Dazu zählen Wirbelsäulen und Nervengewebe von Wiederkäuern, die als BSE-Auslöser gelten. Diese Materialien dürfen nicht mehr zu Tiermehlfutter verarbeitet werden. Meist werden sie verbrannt. Übrig bleiben Nebenprodukte der Kategorie 3: Knochen, Schwarten, Innereien, nicht ansteckend kranke Tiere und anderes, das beim Schlachten und später beim Transport aus der Kühlkette herausgenommen wird. Dieses Material darf prinzipiell als Tierfutter verwendet werden. Aber auch nur für Zootiere oder Hunde und Katzen und nicht für Nutztiere, die oder deren Produkte der Mensch später verzehrt.

Der schneeweiße Lkw - mit Ladung der Kategorie 3 - setzt nach der Grenzpassage seinen Weg üblicherweise fort in den Deggendorfer Freihafen. Dort hält er vor einer großen weißen Halle, die ebenfalls keine Aufschrift trägt. Mit dem Heck rangiert der Fahrer so an die Laderampe, dass ein leichtes Gefälle zum Fahrerhaus hin entsteht. So kann beim Entladen kein Blut herausschwappen. Vor der Halle steht ein blauer Büro-Container. An der Tür ein Zettel mit der Aufschrift "Deggendorfer Frost GmbH".

Die Deggendorfer Frost ist kein Lebensmittelbetrieb. Sie hat nur eine Zulassung nach dem Tierkörperbeseitungsgesetz als "Zwischenbehandlungsbetrieb für Material der Kategorie 3". Seit der Kategorieneinteilung durch die EU im Oktober 2002 (Verordnung 1774) sind zahlreiche Betriebe dieser Art gegründet worden - sehr zur Freude der Schlachthöfe, die vorher wegen des Tiermehlverbots ein gewaltiges Entsorgungsproblem hatten. Mittlerweile raufen sich hierzulande 138 K3-Betriebe um die Schlachtabfälle, 54 davon allein in Bayern. Angeblich sind russische Pelzfarmen mit Hunderttausenden von Nerzen die Hauptabnehmer der deutschen und europäischen Tierfuttersammler; kontrolliert wird der neue Geschäftszweig offenbar kaum.

Die Deggendorfer Frost jedoch und ihren Geschäftsführer Rolf Keck, 39, haben Ermittler seit Monaten im Visier. Nicht weil sie glauben, dass Kecks gesammelte Schlachtabfälle illegal an Kühe und Schweine verfüttert werden. Viel schlimmer: "Es gibt Beobachtungen, die den Schluss zulassen, dass genussuntaugliche Waren umdeklariert wurden zu Waren für den menschlichen Verzehr", so Johann Kreuzpointner von der Staatsanwaltschaft Memmingen, die gegen Rolf Keck ein Strafverfahren (Aktenzeichen 116 Js 11738/05) eingeleitet hat.

Mit anderen Worten: Abfälle, die das liebe Vieh wegen BSE nicht mehr fressen darf, landeten offenbar auf unseren Tellern. In Gestalt von Wurst und Götterspeise oder anderen Lebensmitteln - die Liste der möglichen Produkte ist groß; von den Geflügelkarkassen wird maschinell das letzte Fitzelchen Gewebe abgelöst und das weit verbreitete Separatorenfleisch gepresst; und aus Schwarten wird die Allround-Zugabe Gelatine gewonnen.

Ins Rollen kam das Verfahren

an der schweizerischen Grenze. Zollbeamten war aufgefallen, dass aus der Schweiz immer mehr "ungenießbare Waren tierischen Ursprungs" nach Deutschland importiert wurden. Nach dem BSE-Krisenjahr 2000 hatte sich die Tonnage zeitweise verzehnfacht, unter anderem jede Menge Geflügelkarkassen und Schweineschwarten. "Wir haben uns gefragt: Wozu braucht man das Zeug?", sagt Günther Herrmann, Chef der Zollfahndung Lindau.

Als Herrmann hörte, dass einer der Importeure die Deggendorfer Frost war, "haben meine Alarmglocken geklingelt". Denn Rolf Keck ist für Zoll und Justiz kein Unbekannter. Im Oktober 2003 wurde er wegen Fleischbetrügereien zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und 36 000 Euro Geldstrafe verurteilt. Laut rechtskräftigem Urteil des Landgerichts Augsburg hat er in den 90er Jahren versucht, durch Urkundenfälschung und Steuerhinterziehung bei Fleischim- und -export Zusatzgeschäfte zu machen, und dabei auch zwei Zollbeamte bestochen. Einer der vom Dienst suspendierten Beamten ist mittlerweile bei Keck angestellt.

Auch in der Fleischbranche hat Keck die richtigen Freunde. Christian Scharbatke, einer der Anwälte, die ihn damals verteidigten, war zugleich selbst Fleischhändler und saß im Vorstand des Bundesfachverbandes Fleisch. Inzwischen sitzt er wegen des Verdachts des Subventionsbetrugs und der Steuerhinterziehung in Millionenhöhe im Bielefelder Untersuchungsgefängnis. Vor seiner Verhaftung im September war er bei Keck untergetaucht.

Feinde aber hat sich Keck auch gemacht. Vergangenes Jahr ließ ihn Klaus Pieper, mit Excellence Trading groß im Ostgeschäft, per Mail wissen: "Rolf, ich fühle mich von Dir derart beschissen." Keck habe ihm "für Russland altes, aber steinaltes Schweinefleisch verladen". Pieper schließt mit der Drohung: "Bei Deiner nächsten Gerichtsverhandlung sage ich die Wahrheit, das verspreche ich Dir."

Vermutlich hat er bald Gelegenheit dazu. Die Ermittlungsgruppe "Kategorie 3" bei der Zollfahndung Lindau arbeitet heftig daran. Mehrmals legten sich die Beamten im Frühjahr und Sommer am Grenzübergang Weil auf die Lauer, um Kecks Transporte zu verfolgen. Diesmal waren die Lkws nicht weiß, sondern trugen die Aufschrift verschiedener Speditionen. Im Auftrag von Keck hatten sie Ware des Schweizer Schlachthofentsorgers Marti Protein AG geladen, gekennzeichnet als "Zum menschlichen Verzehr ungeeignet, zur Verarbeitung im Werk Deggendorfer Frost". Sie fuhren aber nicht nach Deggendorf. Entweder steuerten sie über Zwischenstationen deutsche und französische Lebensmittelbetriebe an. Oder sie machten gleich auf dem deutschen Parkplatz der Weiler Zollstation kehrt und fuhren mit neuen Papieren zurück durch die Schweiz zu einem italienischen Hersteller von Lebensmittelgelatine.

Dabei half nach Vermutung der Staatsanwaltschaft offenbar jeweils die Mutterfirma des Rolf Keck, die lebensmittelrechtlich zugelassene "Kollmer Fleisch und Kühlhaus GmbH" aus Illertissen. Dem stern liegt eines der Papiere für Italien vor, in dem die Kollmer GmbH den eben noch genussuntauglichen Schweineschwarten bescheinigt, dass sie "von Tieren stammen, deren Schlachtkörper für genusstauglich befunden wurden".

Im August hatten die Fahnder genug gesehen. Bei Keck in Deggendorf, bei Kollmer Fleisch in Illertissen und zwei weiteren deutschen Firmen wurde Beweismaterial sichergestellt. Österreich, die Schweiz und auch Italien leisteten Amtshilfe. Nur die Franzosen mauerten.

Nach einer vorsichtigen vorläufigen Bilanz gilt bei den Behörden als sicher: Zwischen 400 und 600 Tonnen Schweineschwarten und rund 1400 Tonnen Geflügelkarkassen wurden in den vergangenen 24 Monaten aus dem Tierfutterbereich in den Lebensmittelsektor verschoben. Das geht auch aus Buchhaltungsmaterial hervor, das dem stern zugespielt wurde.

Das Netz ist europaweit gespannt. Lieferanten des K3-Materials waren zwei österreichische, zwei deutsche und eine Schweizer Firma. Kunden auf der Lebensmittelseite waren in Deutschland drei Verarbeiter von Geflügelfleisch und ein großer Gelatinehersteller. Im Ausland kauften Wurstfabrikanten aus Litauen, Polen und Ungarn sowie ein französischer und ein italienischer Gelatinehersteller bei Keck ein, teilweise über einen deutschen und einen niederländischen Zwischenhändler.

Zwar gab es öfter Klagen über die Qualität der Ware ("zwischen den Hähnchenkarkassen haben wir fremde Sachen gefunden, wie Handschuhe oder Steine", "stark ranzig", "verdorben", "schmutzige Boxen", "eingesetzter Fäulnisprozess"). Dennoch bestreiten die Kunden, geahnt zu haben, dass sie nur tierfuttertaugliches Material bezogen.

Nur zwei deutsche Hersteller haben nach einigen Reklamationen schließlich von sich aus Keck "vom Hof geschickt". Dass die Deggendorfer Frost nur eine K3-Zulassung hatte und gar nicht mit Lebensmitteln handeln durfte, will keiner gewusst haben. Tatsächlich zierte die Frost ihren Briefkopf häufig mit einer falschen lebensmittelrechtlichen Zulassungsnummer (BY-208-EK), zusätzlich täuschten die Genusstauglichkeitsbescheinigungen der Kollmer GmbH. Insider gehen allerdings davon aus, dass derartige Geschäfte üblich sind und meistens alle Beteiligten Bescheid wissen.

In welchen Handelsmarken sich die Abfälle im Supermarkt wiederfinden, lässt sich noch nicht sagen. Es ist fraglich, ob sich der Weg zum Verbraucher jemals genau nachzeichnen lassen wird. Fest steht nur, dass sie praktisch überall auftauchen können. Geflügel-Separatorenfleisch findet sich in Hühnerbrühe, in Press-Putenschnitzeln, auf der Pizza, in Tortellini und Ravioli, in Geflügel-Nuggets und Wurst. Gelatine, ein wahrer Alleskönner, ist noch weiter verbreitet: im Joghurt, im Tortenguss, in Gummibärchen, in Margarine, im Mohrenkopf, in der Götterspeise, in Wurst jeder Art, in Getränken und sogar in der Hülle von Vitamintabletten.

Bisher weisen die Deggendorfer Frost und Rolf Keck alle gegen sie erhobenen Vorwürfe zurück. Den stern ließ man auf Anfrage schriftlich wissen: "Genussuntaugliche Schlachtnebenprodukte wurden nicht in den Lebensmittelsektor verschoben." Doch Zollfahnder Günther Herrmann geht angesichts seiner Recherchen davon aus, "dass wir bisher nur die Spitze des Eisbergs gesehen haben. Die Sache wird sich mit Sicherheit ausweiten".

Geschockt hat die Fahnder auch, wie einfach schwarzen Schafen der Betrug wegen mangelnder Aufsicht gemacht wird. Offenbar schrecken die oft miserablen hygienischen Verhältnisse in Sammelbetrieben von K3-Material die Kontrolleure ab. Ausschnitte aus den internen Hygieneprotokollen der Deggendorfer Frost: "Fluchttreppe blutverschmiert", "Kippgerät verschmutzt, Boden darunter voller Blut", "Eingangshalle: es liegen Fleischteile und blutige Lappen rum". Kripobeamte, die dort Akten beschlagnahmten (Keck soll die Insolvenz einer anderen Firma verschleppt haben), klagen: "Es wurden Geschäftsunterlagen behaftet mit verwestem Fleisch aufgefunden, die einen so brechreizerregenden Geruch ausströmten, dass sie nicht eingesehen werden konnten."

"Bisher hat man sich mit Kontrollen auf den hochwertigen Fleischbereich konzentriert", sagt Zollfahnder Herrmann. "Denn keiner hat geahnt, wie viel Geld mit Abfall zu machen ist." In der Tat ist das Geschäft einträglich. Nach dem stern vorliegenden Rechnungen kosten genussuntaugliche Schweineschwarten im Einkauf rund 15 Cent pro Kilo und bringen im Verkauf an die Hersteller von Lebensmittelgelatine zwischen 35 und 40 Cent. Das ergibt je Lkw-Fracht abzüglich der Transportkosten einen Rohgewinn zwischen 2500 und 6000 Euro. Bei Geflügelkarkassen ist das Verhältnis ähnlich. Sie werden von den Schlachtbetrieben entweder gratis oder für minimale Centbeträge abgegeben. Im Verkauf an echte Tierfutterbetriebe bringen sie rund zehn Cent pro Kilo. Im Verkauf an Lebensmittelbetriebe mindestens das Dreifache.

Am 21. September wurde vom Zollkriminalamt in Köln die europäische Betrugskontrollbehörde Olaf eingeschaltet. Schriftlich teilten die Deutschen der EU-Behörde ihre Ermittlungen mit und folgerten, dass "offenbar seit Jahren große Mengen ungenießbarer Kategorie-3-Ware für die menschliche Ernährung in Verkehr gebracht werden". Man habe Hinweise, dass das auch in Großbritannien in großem Stil geschehe. Olaf hat die übrigen EU-Staaten um Erfahrungsberichte gebeten. Der Albtraum eines hochrangigen Fahnders: Die asiatische Geflügelpest könnte mittels importierter "Tierfutter"-Karkassen eingeschleppt werden.

Georg Wedemeyer / print