Fußball Er muss den Kopf hinhalten

Der deutsche Fußball wird von einer Aktiengesellschaft in der Schweiz regiert. Deren Gesicht und Manager ist Günter Netzer. Der einstige Ball-Ästhet entscheidet nun über Spielergehälter, Zukunft oder Untergang von Vereinen.

Zürich-City, 13 Uhr. Der "wichtigste Mann im deutschen Fußballgeschäft" ("Die Zeit") will essen gehen. Dazu muss er seinen 600er Mercedes loswerden. "Wie immer bei meinem Freund Dani in der Tiefgarage", sagt er und hievt sein Schiff quer auf den Bürgersteig, auf Danis Einfahrt zu. Stoppt, denn da parken schon zwei BMW. Der "mächtige Mann" ("Der Spiegel") steigt aus, ruft: "Dani, ich lass den Wagen hier so stehen!" - "Nein", ruft Dani zurück, "so nicht, du blockierst den Gehsteig und dazu die halbe Straße." Günter Netzer steigt wieder ein und wartet, bis Dani ihn hereinwinkt.

In der Kronenhalle

bekommt er den Tisch neben der Küche. Er trägt einen weißen Rolli und ein schwarzes Jackett. Darüber ein Gesicht, das auffallend glatt ist für 58 Jahre und ziemlich blass für einen, der sagt, er habe "immer auf der Sonnenseite des Lebens gestanden". Gelaufen ist er in ihm jedenfalls so wenig wie möglich, genau genommen nur einmal. Das war bei der EM 1972 in Wembley. Damit überraschte er die Engländer so sehr, dass sie verloren. Für die Deutschen ist Netzer seitdem "der Mann, der aus der Tiefe des Raumes kam", wie damals ein vom Spiel berauschter Feuilletonist schrieb.

Der Fussball

berauscht nur noch selten, schon gar nicht Feuilletonisten. Seit Leo Kirch den Preis für die TV-Übertragungsrechte verwahnsinnigte, beschäftigt der Fußball die Wirtschaftsredakteure. Ihnen verschaffte Günter Netzer vergangenen Herbst, 30 Jahre nach seinem großen Auftritt, eine Art Wirtschafts-Wembley. War der Netzer nicht da irgendwo in der tiefen Schweiz? Führte, wie andere Ex-Fußballer auch, ein einträgliches Leben als Produkt seiner Vergangenheit? Fuhr Ferrari, kommentierte in der ARD Länderspiele und schrieb seine "Sport Bild"-Kolumne? Und brachte dazwischen in die Kirch-Sport-AG "das besondere Entree" ein, "das ich bei Leuten habe, die mir vertrauen"? Und zack, war er plötzlich da und nicht aufzuhalten. "Der Günter hat die WM 2006 gekauft", schrieb "Bild".

"Das war ja

nicht ich", sagt Günter Netzer, "sondern das sind der Herr Louis-Dreyfus (Millionenerbe, Adidas-Aktionär) und der Herr Jacobs (Kaffee-Dynastie)." "Es war nicht mal meine Idee. Das war nämlich so: Als Kirch Pleite ging, sagte ein Kollege von mir in der Kirch-Sport-AG: "Wenn wir nicht in die Hände eines Konservenfabrikanten fallen wollen, müssen wir was tun"." Die Kirchsport-AG verwaltete die TV-Sportrechte mit Gewinn, sie war ein Sahnestückchen aus Kirchs Pleite-AG. "Wir suchten Investoren." Und fanden Louis-Dreyfus und Jacobs. Die gründeten die Infront AG mit Sitz im schweizerischen Zug und kauften den Laden für 300 Millionen Euro - inklusive die Rechte an der deutschen Fußballbundesliga. "Ich habe die beiden sofort gefragt, ob es ihnen was ausmacht, dass in den Nachrichten nur von Netzer die Rede ist", sagt Netzer, der gerade mal 1,25 Prozent der Firma besitzt. "Die hatten nichts dagegen."

Das Geschäft

mit dem Ball wird von Netzer und der Infront AG beherrscht. Jeder TV-Sender, der Spiele oder Ausschnitte zeigen will, muss bei der AG vorsprechen. Und dort haben knallharte Kaufleute das Sagen. Den Bundesligaklubs zahlen sie in dieser Saison für die Übertragungsrechte nur noch 290 Millionen Euro. Von Kirch waren noch 360 Millionen Euro versprochen worden. Die Klubs verlieren einen großen Teil ihrer Einnahmen. In der 1. Liga muss jetzt gespart werden: Die Spieler von 1860 München dürfen bei Auswärtsspielen keine Einzelzimmer mehr buchen. Beim VfL Bochum wurde der Spielerkader verkleinert, und beim FC Bayern München gibt es keine Sonderzahlungen mehr.

Netzer sagt: "Es ist für mich ein Horror, wenn man mich in Verbindung mit Macht und Geld bringt. Ich bin kein Machtmensch. Ich bin kein Geldmensch." So eine Aussage wirft natürlich viele Fragen auf: Warum ist er dann Manager und Gesicht der Infront AG? Macht ihm der Milliardenhandel überhaupt keinen Spaß? Wie fühlt man sich, wenn man über Spielergehälter, Zukunft oder Untergang von Vereinen, vielleicht sogar des ganzen Fußballs entscheidet? Und darüber, wer wie viel von ihm zu sehen kriegt? Wie ist sein Verhältnis zur Macht? Kann man den Fußball lieben und gleichzeitig verkaufen? Und was macht er so den ganzen Tag bei seiner AG im schweizerischen Zug? Fädelt er beim Small Talk mit Beckenbauer irgendwas ein? Dealt er bei Geschäftsessen mit Senderchefs? Oder guckt er nur Fußball?

"Ich habe

Besprechungen, Konferenzen", murmelt Netzer. Und um was geht es da? "Um Verträge", sagt Netzer. Er stoppt den Kellner und bestellt sich Fisch und dazu Rotwein. Um was für Verträge? "Außerdem habe ich ein offenes Ohr für die Sorgen meiner Mitarbeiter", sagt Netzer. Und wie geht es mit der Bundesliga weiter? "Dazu kann ich nichts sagen." So wird das nichts. Vielleicht doch besser eine ganz einfache Frage. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Ball? "Ich hatte das schon vergessen", sagt Netzer. "Aber neulich schrieb mir ein Nachbar aus Mönchengladbach: 'Mensch, Günter, weißt du noch, wie du mit deinen fünf Jahren bei euch in der Tür gestanden bist, mit deinem Lederfußball unterm Arm. Da mussten wir dich endlich mitspielen lassen.'" 1949 war das, der schüchterne Netzer, geboren September 1944 im Bombenhagel, stand im verwüsteten Deutschland mit diesem Geschenk seiner Eltern: "Das war pures Gold. Denn die Kinder traten damals Stoffbälle."

Ab da war

"der Fußball meine große Leidenschaft". Der Rest ist Geschichte: Wie der aufmüpfige Spielmacher der berühmten "Fohlenelf" Borussia Mönchengladbach aus der Regionalliga bis zum deutschen Meister schoss. Wembley. Und das legendäre Pokalendspiel gegen den 1. FC Köln, in das Netzer sich selbst eingewechselt hat, um aus seiner ersten Berührung mit dem Ball das Siegtor zu machen. Netzer war bekannt dafür, andere für sich laufen zu lassen, die als "Wasserträger" in der Fußballgeschichte untergingen. Berühmt wurde Netzer, und zwar für seine Ferraris, seine langen Haare und seine noch viel längeren Pässe. "Seine Pässe waren das fußballerische Pendant zur Apo und deren Ausläufern, bis hin zu Willy Brandts 'Mehr Demokratie wagen'", steht in einer seiner Biografien. Er war ein Idol der 68er, aber sie waren ihm egal. Er war so cool, wie heute der ganze MTV-Moderatorenhaufen gern wäre. "Eine Gruppe um Beuys hat mir mal 'ne Professur angetragen. Aber ich wollte nur spielen." Zu Real Madrid wechselte er, gewann zwei Meistertitel. Dann zu den Zürich Grasshoppers, wo er noch ein Jahr Vorruhestand im aktiven Fußball genoss.

Eine erstaunliche

Karriere für einen Astheniker, das Gegenteil von einem Athleten. Weil seine Wirbelsäule gekrümmt ist, fand die Bundeswehr Netzer untauglich. Und wie das ist bei Menschen mit nicht ganz geradem Rücken, vermittelt seine Kopfhaltung den Eindruck, der Mann fürchte, dass ihm jederzeit was von oben drauffallen könnte. Fürchtet er auch wirklich. Zum Beispiel, wenn man fragt: Was wird aus der Bundesliga? "Ich kann dazu nichts sagen", sagt Netzer und rutscht auf seinem Stuhl rum. "Wissen Sie, diesen Job hatte ich für meine alten Tage nicht vorgesehen", sagt er. "Ich bin da einfach reingerutscht. Mich hat nie etwas getrieben, kein Ehrgeiz, kein Geld. Es hat sich ergeben, wie eigentlich alles in meinem Leben." So war das zum Beispiel mit seiner Frau fürs Leben. Er lernte Elvira, damals noch Model und wie er Vielfliegerin, im Taxi von Stuttgart nach München kennen. Taxi, weil der Flug Hamburg-München wegen Nebels nach Stuttgart umgeleitet worden war. "Sie gefiel mir." Aber weil Netzer noch nie ein Draufgänger war, ließ er Elvira einfach aussteigen. Erst als die beiden sich ein paar Wochen später auf einem Hamburger Bürgersteig umrannten, schlug Netzers Herz beschleunigt für sie: "Das hat was zu bedeuten, wenn uns das Schicksal gleich zweimal zusammenführt."

Genauso war

es Fügung, dass Netzer HSV-Manager wurde. Eigentlich wollte er nur die Stadionzeitung betreuen. Der HSV sagte: Darfst du, wenn du unser Manager wirst. Wurde er eben Manager. 70-Stunden-Woche, viele durchgemachte Nächte mit zwei anstrengenden Trainern. Beckenbauer aus Amerika geholt. Der HSV wurde dreimal deutscher Meister. Der erste Meistertitel bescherte Netzer den "schlimmsten Moment meines Lebens". Das war 1979. Bei der Siegesfeier brach ein Zaun unter dem Ansturm der Fans. 73 Verletzte, vier lebensgefährlich. "Netzer schuld?", fragte "Bild". "Dieser Job tötet die Lebensfreude", befand er später, nach acht Jahren HSV-Management.

Er ging in die Schweiz und wollte in Ruhe für die Agentur Lüthi Bandenwerbung verkaufen. Lüthi wurde von Kirch gekauft, mitsamt Netzer. Und jetzt "gehört" Netzer die WM 2006 und die Bundesliga, weil die auch noch in seine AG reingerutscht ist. Das Leben als Produkt seiner Vergangenheit ist nicht beschaulich. Abgesehen davon, hat Netzer sie komplett weggeschmissen. "In meiner Wohnung finden Sie keinen Pokal, keine Fotoalben, keine Zeitungsartikel." Fußball spielt Netzer schon lange nicht mehr, sonst auch kein Sport. "Alle Flanken sind geschlagen. Ich habe dieses Leben wunderbar durchlebt. Ich vermisse nichts. Ich halte es nicht für notwendig, in der alten Zeit zu leben."

Weil er es

nicht aushält? Weil in den alten Zeiten Fußball ein Spiel war, dem er sich hingab. Das Fohlen verlor lieber 5 : 6 als nur 1: 0 zu gewinnen. "Wir wurden geliebt für unseren Fußball", sagt Netzer. Die Bayern waren erfolgreicher mit ihrem Beckenbauer, der sagt: "Wennst gewinnen willst, darfst net angreifen." Für 160 Mark im Monat begann Netzer bei den Borussen zu kicken. Er wohnte zu Hause. Um sein Spielergehalt Ferrari-tauglich zu machen, erfand er die Autogrammstunde für 5.000 Mark, und außerdem machte er eine Discothek auf. Erst nach Netzers Karriere wurde aus dem Spiel das große Geschäft mit den Fernsehübertragungsrechten. 1965 zahlten ARD und ZDF noch 650.000 Mark für die Bundesliga, 20 Jahre später reichten zwölf Millionen Mark. Leo Kirch zerschnitt die Leidenschaft in Häppchen und servierte sie in den Werbepausen bei "ran" auf Sat 1. "Heute hat ein mittelmäßiger Spieler nach zwei Jahren ausgesorgt", sagt Netzer, "und die Bundesligavereine verfrühstücken das Geld für die nächsten Jahre." Jetzt ist Netzer ihr Brötchengeber.

Müssen die

Vereine in Zukunft fasten? Und kriegen die Gebührenzahler für ihre Gebühren wieder mehr Fußball zu sehen? "Ich kann dazu nichts sagen", sagt Netzer. "Die Bundesliga ist auf jeden Fall ein Produkt, an dem wir noch viel Freude haben werden." Sonst ist er nicht so verschwiegen. Parallel zur Entwicklung des Fußballs, an der er nicht ganz unbeteiligt ist, entwickelte sich Netzer nämlich in der ARD zum "Reich-Ranicki der deutschen Fußball-Kritiker" ("Die Zeit"), dem nicht nur Andi Möller viele nasse Taschentücher verdankt. Netzer sieht "keine Leidenschaft". Er vermisst Spielerpersönlichkeiten. Wenn die Deutschen nicht gut spielen, dann sagt er: "Die waren nicht gut."

"Die Wahrheit

liegt auf dem Fußballfeld", sagt Netzer, und er transportiert sie ins Fernsehstudio, indem er ist wie die Wahrheit: nüchtern. Manchmal so langweilig wie der Fußball. Ein Mann ohne Leidenschaften. Das ist, neben seiner Schuhgröße, die von 47 auf 451/2 geschrumpft ist, seine größte Wandlung. "Er ist immer echt", sagt sein Co-Kommentator Delling. "Ich schaue mir nie Aufnahmen an. Ich kann mich nicht sehen. Ich finde mich nicht gut", sagt Netzer. Rund 50.000 Euro bekommt er pro Auftritt. Wie kann man ein "cooler Geschäftsmann" ("Berliner Zeitung") sein, der den Fußball für Milliarden verkauft und gleichzeitig sagt, dass er viel zu teuer ist? Er trenne das, sagt Netzer und verlangt die Rechnung. Noch schnell eine Frage: Sind Sie glücklich?

"Ich weiß nicht,

wie das klingt", sagt er, "aber am glücklichsten bin ich darüber, dass ich eine Familie habe, die so gut funktioniert, dass ich da überhaupt keine Sorgen habe. Das ist meine größte Leistung, denn dafür muss man was tun." Netzers Beitrag bestand unter anderem darin, möglichst nie länger als zwei Tage am Stück außer Haus zu sein, den Freitag strich er als Arbeitstag, um mehr von seiner Tochter Alana mitzubekommen. Im Moment ist Netzer zufrieden, wenn er "halbwegs in ihrer Nähe geduldet wird". Alana ist jetzt 15 und machte bei der letzten WM den Schulfernseher aus, sobald ihr Alter darin seinen Auftritt hatte, weil: "peinlich". Netzer findet das "okay". Er versuche, "ihr wahnsinnig viel Liebe mitzugeben. Das ist bei mir auch gut ausgegangen".

Am liebsten, sagt Netzer auf dem Weg zu seinem Auto, gucke er Fußball auf Premiere.

Mitarbeit: Jan-Hendrik Fitzl, Sebastian Bartosch

Beate Flemming

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