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Textilarbeiter in Bangladesch und Co.: Wie H&M nachhaltig werden will

Die Textilindustrie kassiert für ihre Billigproduktion viel Kritik. Auch H&M produziert unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen. Jetzt will der Konzern raus aus der Schmuddelecke - ein Mammutprojekt.

Von Sarah Stendel

Eine Näherin in Bangladesch. Auch dort lässt H&M Ware produzieren.

Eine Näherin in Bangladesch. Auch dort lässt H&M Ware produzieren.

Längst hat sich die Nacht über die Millionenmetrople Dhaka, die Hauptstadt Bangladeschs, gelegt. Ruhig ist es dennoch nicht. Vor dem Fabrikgebäude, einem schmuddeligen Kasten mit mehreren Stockwerken, wuseln Arbeiter umher, zeigt ein ZDF-Beitrag – sie dürfen endlich Feierabend machen. Die Menschen haben zehn, zwölf Stunden oder sogar noch mehr geschuftet, damit Europäer so schnell wie möglich die neusten Modetrends tragen können. Denn die Näherinnen schneidern für einen Zulieferer der schwedischen Modekette H&M.

Als vor gut 18 Monaten die Fabrikhalle Rana Plaza in Bangladesch einstürzte, war das Entsetzen weltweit groß. Dort hatte H&M zwar nicht produzieren lassen, die Kunden fast aller gängigen Modemarken wurden aber plötzlich mit dem Preis konfrontiert, den man für günstige Klamotten bereit sein muss zu zahlen: Mehr als 1000 Menschen starben unter Trümmern und im Feuer, das anschließend wütete. Nach dem Entsetzen folgte die Empörung, Kunden forderten bessere Arbeitsbedingungen, Schutz der Mitarbeiter, höhere Löhne, weniger Umweltausbeutung. Am besten alles zugleich. "Diese Tragödie war so schrecklich, dass sie die ganze Branche aufgeweckt hat“, sagt Helena Helmersson, die weltweite Nachhaltigkeitssprecherin von H&M, im Gespräch mit dem stern.

Und tatsächlich: Nachdem viele Jahre stillschweigend Kunden und Konzerne die menschenunwürdigen Bedingungen in den Fabriken in Billiglohnländern akzeptierten haben, kam Bewegung in die Branche. "So etwas darf nie wieder passieren. Es ist gleich, wer dort produziert hat und wer nicht - wir wollen für die gesamte Branche die Sicherheitsmaßstäbe anheben", sagt Helmersson.

Der Einstutz des Rana Plaza hat ein Umdenken eingeleitet - bei Kunden und Konzernen. Auch die schwedische Modekette H&M will nachhaltiger produzieren lassen. Und fairere Löhne zahlen.

Der Einstutz des Rana Plaza hat ein Umdenken eingeleitet - bei Kunden und Konzernen. Auch die schwedische Modekette H&M will nachhaltiger produzieren lassen. Und fairere Löhne zahlen.

H&M will Vorbild werden

H&M will Verantwortung übernehmen - vielleicht auch wegem dem öffentlichen Druck nach dem Fabrikunfall. Doch die Schweden sind eine Marktmacht. H&M ist der zweitgrößte Auftraggeber der Bekleidungsindustrie in Bangladesch. Allein im vergangenen Jahr erzielte der Konzern weltweit einen Gewinn von 1,92 Milliarden Euro. Die Strategie ihrer Kampagne: Wenn wir höhere Löhne durchdrücken, ziehen andere Hersteller nach. Eine nicht ganz unrealistische Idee, denn H&M hat Gewicht in der Branche.

Also startete H&M vor rund einem Jahr das "Fair living wage", ein Projekt, dass bessere Löhne für Arbeiter ermöglichen will. In drei Test-Fabriken, eine in Kambodscha, zwei in Bangladesch, hat H&M im vergangenen Jahr die neue Strategie ausprobiert. Bis 2018 soll es in allen Fabriken so gelebt werden. Es geht darum, Arbeitnehmerrechte zu stärken, Mitarbeitergespräche zu verbessern, neue Gehaltsstrukturen einzuführen und auch, mit den zuständigen Regierungen und Organisationen vor Ort zu verhandeln. Erste Ergebnisse aus der Fabrik in Kambodscha seien vielversprechend, so Helmersson. Der Mindestlohn sei dort im vergangenen Jahr von 80 auf 128 US-Dollar im Monat gestiegen.

Kritik von der Gewerkschaft

"Die Textilarbeiter dort verdienen jetzt mehr als Lehrer oder Polizisten. Die Dinge haben sich positiv entwickelt, obwohl die allgemeinen Löhne auf niedrigem Niveau sind." Ihre Rolle sei es, sicherzustellen, dass Gehaltsverhandlungen stattfinden. "Weder jemand aus Schweden noch aus irgendeiner Organisation sollte entscheiden, was die Arbeiter verdienen. Das sollten Manager und Arbeitnehmer selbst verhandeln. Wir glauben stark an die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und arbeiten eng mit der internationalen Arbeitsorganisation zusammen."

Eine Gewerkschafterin, die vom ZDF interviewt wurde, bemängelt hingegen das Engagement von H&M. Sie wünsche sich mehr Verantwortung, die die Schweden eigentlich übernehmen müssten. Ein weiteres Problem: Nur 15 Prozent der H&M-Zulieferer in Bangladesch haben Arbeitnehmervertretungen. Bis 2018 sollen es 100 Prozent sein, plant der Konzern.

NGO‘s sehen die Kampagne kritisch. Zwar bemühe sich H&M um eine Verbesserung der Löhne und kläre über Arbeitnehmerrecht auf. Doch H&M würde den Mindestlohn eben nicht festsetzen und sei zu schwammig. Ein weiterer Kritikpunkt: Die Schweden arbeiten nun auch mit Zulieferern in Äthiopien zusammen, einem Land, das nicht unbedingt für die Einhaltung der Menschenrechte bekannt ist. Und in Äthiopien sind die Arbeitskräfte noch billiger. Durchschnittlich verdienen die Menschen dort im Monat 25 US-Dollar.

Die Faire-Löhne-Roadmap ist nicht die erste nachhaltige Idee von H&M. Bereits 2012 kündigte das Unternehmen an, alte Klamotten weider zurückzunehmen. Schon damals wurden "Greenwashing"-Vorwürfe laut, also ein grünes Reinwaschen des Firmennamens.

Kleine Schritte vorwärts

Bislang konnte das Nachhaltigkeitspaket von H&M nur in kleinen Schritten vorankommen: Die Lage bleibt in vielen Ländern schwierig. In der Test-Fabrik in Kambodscha konnte zwar die Überstundenzahl im vergangenen Jahr von 14 auf 8 in der Woche reduziert werden - legal wären dort sogar 12. Doch die Arbeiter schuften sechs Tage in der Woche mindestens acht Stunden am Tag und kommen immer noch auf eine 56-Stunden-Woche. Ihr Stundenlohn liegt bei 43 US-Cent.