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Investitionen: Geheimtipp Deutschland

Alle jammern über die Wirtschaftskrise. Dabei ist die Bundesrepublik für viele ausländische Investoren ein attraktiver Standort - die Deutschen haben es nur noch nicht gemerkt.

Der Wirtschaftsstandort Deutschland steckt mitten in einer Imagekrise: Das Land gilt wegen seiner Wachstumsschwäche als "kranker Mann Europas" - doch inzwischen mausert sich Deutschland zum Geheimtipp für ausländische Investoren. Bei Unternehmen in den USA oder Fernost ist "Germany" hoch angesehen. "Deutschland ist besser als sein Ruf", sagt Peter Englisch von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. "Der Standort ist attraktiv, und sein Image hat sich deutlich verbessert." Investoren witterten hierzulande wieder eine Chance.

In einer Ernst & Young-Umfrage unter 500 internationalen Unternehmen landete Deutschland als Investitionsstandort 2004 auf Platz drei hinter China und den USA. "Wenn ein Marsmensch auf der Erde landen und vor die Wahl gestellt würde, ob er in Amerika oder in Deutschland investiert, könnte er sich durchaus für Letzteres entscheiden", schrieb das US-Wirtschaftsmagazin "Economist" kürzlich. Die deutschen Lohnstückkosten seien seit 1999 um zehn Prozent gefallen, weil die Löhne kaum noch stiegen. Die Produktivität sei schneller als im EU-Durchschnitt gewachsen, die Regierung habe harte Schnitte am Arbeitsmarkt durchgesetzt. Die Lage in den USA sei dagegen wegen der hohen Defizite und geringer Sparquote wackelig.

"Man versinkt in Depression"

"Deutschland hat in den letzten Jahren einen Sprung nach vorne gemacht", sagt auch Chefvolkswirt Jürgen Michels von der amerikanischen Citigroup. Grund seien die Reformen im Gesundheitssektor, bei den Renten und auf dem Arbeitsmarkt. "Deutschland hat inzwischen eine ganze Reihe von Vorteilen - aber die werden im Land selbst unter den Teppich gekehrt. Man versinkt in Depression", lautet seine Kritik. Michels schlägt eine Werbekampagne für das Land vor, um Investoren zu locken. "Gerade in Großbritannien glaubt man fest, dass Deutschland es auch gesamtwirtschaftlich packen wird."

Die Vorteile Deutschlands gegenüber anderen europäischen Wettbewerbern hat die amerikanische Handelskammer in einer Umfrage unter 150 in Deutschland tätigen US-Unternehmen ermittelt. Das Ergebnis: Bei Marketing, Vertrieb, Forschung und Entwicklung habe Deutschland ganz klar die Nase vorn. "Investoren können hier gutes Geld verdienen, weil sie auf hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte und einen großen Konsumentenmarkt treffen", sagt Geschäftsführer Dierk Müller.

Zentrale Lage als Standortvorteil

Ausländische Firmen kommen gern zum Forschen nach Deutschland. Der weltgrößte Technologiekonzern General Electric (GE) hat im Sommer 2004 ein neues Forschungszentrum in Garching bei München eröffnet. "Es ist wichtig für uns, dort vertreten zu sein, wo wir große Kunden haben", sagte GE-Chef Jeff Immelt. Die US-Technologiefirma Motorola hat ihre weltweite Produktverantwortung für Digitalfunk von Großbritannien nach Berlin verlagert. "Deutschland ist mit 82 Millionen Menschen ein Riesenmarkt", sagt der Geschäftsführer der Motorola GmbH, Norbert Quinkert. "Hier sitzen wir in der Mitte und können nach allen Seiten Handel treiben, die Infrastruktur ist sehr gut."

Viele Faktoren in Deutschland schrecken Investoren aber immer noch ab, schreibt die Ratingagentur Standard & Poor's. Als Minus gelten rigide Arbeitszeiten, das hohe Lohnniveau, das komplizierte Steuersystem und die mangelnde Flexibilität des deutschen Arbeitsmarktes, der im Vergleich zu US-Verhältnissen Einstellungen und Kündigungen erschwert. Dennoch gibt die Agentur Deutschland nach wie vor die beste Ländernote AAA - ebenso wie den westeuropäischen Länder und den USA.

"Als Produktionsstandort verliert Deutschland aber gegenüber den osteuropäischen Nachbarn rapide an Boden", lautet ein Fazit der amerikanischen Handelskammer. Allein 2005 plane jedes vierte in Deutschland aktive US-Unternehmen, einzelne Geschäftstätigkeiten nach Osteuropa zu verlagern. Insgesamt gehe Deutschland aber in die richtige Richtung. Der Blick von außen zeige viel Positives - die Deutschen müssten es nur noch merken.

Marion Trimborn/DPA / DPA