Jobabbau in Deutschland AEG und Conti sind keine Einzelfälle


Das AEG-Werk in Nürnberg wird geschlossen, der Autozulieferer Continental kündigt einen Stellenabbau in Hannover an, die Telekom will sich von zehntausenden Mitarbeitern trennen - und eine Trendwende ist nicht absehbar.

Die Schließung des AEG-Werks in Nürnberg ist bei weitem kein Einzelfall: Die deutschen Industriefirmen verlagern aus Kostengründen massiv Arbeitsplätze ins Ausland. Dieser Trend wird sich nach Einschätzung von Experten auch im neuen Jahr nahtlos fortsetzen. "Wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen und die Konjunktur läuft, kann man es etwas abmildern", sagt ifo-Chefvolkswirt Gernot Nerb. "Stoppen kann man diesen Prozess sicher nicht." Dabei sind es längst nicht mehr nur Unternehmen in der Krise, die Jobs im Inland streichen und ins Ausland verlagern. Unter dem Druck der Kapitalmärkte gehen vermehrt auch hochprofitable Unternehmen diesen Weg.

Besonders kontrovers diskutiert wurde der Fall Continental. Der Autozulieferer kündigte trotz Rekordgewinnen und Lohnzugeständnissen der Beschäftigten an, die Pkw-Reifenproduktion im Stammwerk Hannover zu stoppen. Eine besondere patriotische Verpflichtung gegenüber dem Standort Deutschland sehe er nicht, sagte Conti-Chef Manfred Wennemer in einem Interview. Er akzeptiere nicht, dass "wir Arbeitnehmer in einem Teil der Welt gegenüber denen in einem anderen Teil bevorzugen sollen". Lohnkosten machten im Reifengeschäft 30 Prozent aus. "Da ist es schwierig, sich gegen hocheffiziente, moderne Werke in Niedrigkostenstandorten auf Dauer zu behaupten."

In der Produktion spielt die Verlagerung ins Ausland eine wichtige Rolle

Auch viele andere Industriekonzerne in Deutschland kündigten im zu Ende gehenden Jahr trotz stolzer Gewinne den Abbau von Arbeitsplätzen an. Die Deutsche Telekom will sich gleich von 32.000 Mitarbeitern trennen, Henkel will trotz eines Rekordjahres 2004 weltweit rund 3000 Stellen streichen. Der norwegische Konzern Norsk Hydro will die Aluminium-Werke in Hamburg und Stade schließen.

Gerade in der Produktion spielt dabei die Verlagerung ins Ausland eine wichtige Rolle. So will Elektrolux die AEG-Produktion schrittweise nach Italien und Polen verlagern. Der Bauelemente- Hersteller Epcos kündigte kürzlich an, weitere Jobs nach Singapur und China zu verlegen, der Chipkartenkonzern Giesecke & Devrient verlagert Teile der Produktion vom Tegernsee in die Slowakei. Selbst der Tourismuskonzern TUI siedelt 150 Computer-Arbeitsplätze nach Indien um. In Osteuropa und Asien machen die Lohnkosten oft nur einen Bruchteil der deutschen aus, zudem ist in den Niedriglohnländern inzwischen auch hoch qualifiziertes Personal zu finden.

Nach Einschätzung von Peter Baumgartner, Geschäftsführer der Beratungsfirma Mercer Management Consulting, wird die reine Verlagerung von Arbeitsplätze ins Ausland den Firmen aber auf Dauer nicht helfen. "Wenn etwa zunehmend neue Low-cost-Wettbewerber aus China auch auf hiesige Märkte drängen, greift eine Fokussierung auf Kosteneffizienz zu kurz, um eine überlegene Wettbewerbsposition zu behaupten." Themen wie Wachstum, Innovation und neue Märkte dürften nicht vernachlässigt werden.

"Die Unternehmen tun, was sie tun müssen"

HypoVereinsbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet aber damit, dass sich der Trend zur Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland 2006 fortsetzen wird. "Die Unternehmen tun, was sie tun müssen." Verantwortlich ist dafür nach seiner Einschätzung vor allem ein fortgesetzter Reformstau. "Die große Koalition scheut vor Reformen am Arbeitsmarkt zurück." Es gebe keine Anreize für die Unternehmen, Arbeitsplätze für gering Qualifizierte anzubieten. Der Anreiz, Beschäftigung ins Ausland zu verlagern, sei daher groß. Folge sei die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland, was die Kaufkraft schwäche und die Konjunktur lähme.

Nach Ansicht von Experten sind Produktionsverlagerungen kaum zu vermeiden und werden die Stellung von deutschen Unternehmen im internationalen Wettbewerb langfristig eher stärken. Die Verlagerung ins Ausland werde nicht aufzuhalten sein, so Wirtschaftsexperten. Dies führe zunächst zwar zum Abbau von Arbeitsplätzen in Deutschland. Die Firmen stünden anschließend durch ihr Auslandsengagement aber oft besser da als zuvor und könnten sogar zusätzliche Stellen im Inland schaffen.

Gut jede dritte Firma habe seit Beginn ihrer Auslandsaktivitäten neue Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen, nur gut jede fünfte habe Jobs gestrichen. "Deutschland profitiert stark von der zunehmenden Globalisierung", so DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun.

"Wir leben in einem Zeitalter globaler Märkte"

Nach Ansicht des Leiters des Hamburger HWWA-Instituts, Thomas Straubhaar, muss Deutschland im Wettbewerb mit Niedriglohnstandorten einfache und lohnintensive Tätigkeiten ins Ausland abgeben und sich stärker auf Zukunftsfelder wie Gen- und Biotechnologie verlagern. Sonst könne der Beschäftigungsabbau in traditionellen Bereichen nicht aufgefangen werden. "Es ist besser, der Welle voranzuschwimmen, als von der Welle überrollt zu werden", rät Straubhaar.

Der immer wieder zu hörende Vorwurf, Verlagerung von Arbeitsplätzen sei unpatriotisch, bezeichnet Straubhaar als unzeitgemäß. "Wir leben in einem Zeitalter globaler Märkte. Wer hier mit nationalen Argumenten versucht, Entwicklungen zu hemmen oder sogar als unpatriotisch abzuqualifizieren, begeht einen Fehler."

Nach Angaben von Gesamtmetall erwägt fast jeder dritte Betrieb der Metall- und Elektroindustrie (M+E), Teile der Produktion ins Ausland zu verlagern. Dies werde zu stark als Gefahr gewertet. "Das ist aber nur eine Seite der Medaille, denn die Verlagerungen ermöglichen den Unternehmen auch eine Mischkalkulation, die in der Summe die meisten der 3,5 Millionen M+E-Arbeitsplätze in Deutschland sicherer macht", sagte Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser.

"So einfach ist die Rechnung also nicht"

Das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe weist zudem auf einen Gegentrend hin. So hätten zwischen 1999 und 2001 zwar 21 Prozent der verarbeitenden Gewerbebetriebe Produktionsteile ins Ausland verlagert. Im langjährigen Vergleich sei dieser Anteil aber kleiner geworden, während der Anteil der Rückkehrer mit sieben Prozent stabil sei. "So einfach ist die Rechnung also nicht", sagt Institutssprecher Steffen Kinkel. Als Grund für einen Stellenaufbau im Inland führt er positive Rückkopplungseffekte an. Die könnten dadurch entstehen, dass ein Unternehmen im Ausland neue Märkte erschließe und sich die Auftragslage dadurch im Inland verbessere. Es gebe auch Fälle, in denen sich Erwartungen an Kostensenkungen nicht erfüllt hätten und Firmen die Produktion deshalb zurück verlagerten.

Auch in der Informationstechnikbranche gibt es Verlagerungen von Arbeitsplätzen ins Ausland. Dabei gehe es in erster Linie um standardisierte und lohnintensive Tätigkeiten, bei denen es nicht darauf ankomme, in welchem Land sie ausgeführt würden, sagt ein Sprecher des Branchenverbandes Bitkom. Den in der Branche registrierten Arbeitsplatzabbau führt Bitkom eher auf die schwache Konjunktur als auf Verlagerungen zurück. Neue Arbeitsplätze seien in den vergangenen Jahren zum Beispiel im Internet und im Mobilfunk entstanden.

DPA/Reuters DPA Reuters

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