Kleinfelds Abgang Machtvakuum an der Siemens-Spitze


Klaus Kleinfelds angekündigter Rückzug von der Siemens-Spitze hinterlässt bei Siemens ein dramatisches Machtvakuum. Branchenkenner befürchten für die kommenden Monate eine Lähmung des Konzerns.
Von Thomas Fromm, Reinhard Hönighaus und Klaus Max Smolka

"Die Schwäche an der Siemens-Spitze könnte noch zu chaotischen Verhältnissen innerhalb des Konzerns führen", sagte ein Analyst, der nicht namentlich genannt werden wollte.

Dem Konzern drohe nun eine "gefährliche Führungskrise" im Vorstand: "Kleinfeld ist jetzt ein CEO auf Abruf und wird es schwer haben, seinen Kurs in den kommenden Monaten zu halten", heißt es. Dies mache ihn für seine Feinde innerhalb des Konzerns angreifbar. "Der Kapitalmarkt sieht das zurzeit eindeutig negativ", sagt Siemens-Analyst Theo Kitz von Merck Finck. "Alles wird nun davon abhängen, wann ein Nachfolger präsentiert wird und wer das ist."

Wird Reitzle Nachfolger?

Führende Siemens-Aufsichtsräte, angeführt von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und dem neuen Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, hatten auf eine Ablösung Kleinfelds gedrungen und angesichts der Siemens-Schmiergeldaffäre einen Neuanfang an der Konzernspitze verlangt. Nun steht der Aufsichtsrat unter Zugzwang und muss zügig für Ersatz sorgen.

Noch ist unklar, wer statt Kleinfeld den Konzern leiten soll. Der von Aufsichtsratskreisen ins Spiel gebrachte Linde-Chef Wolfgang Reitzle steht nach Auskunft des Unternehmens nicht zur Verfügung. "Reitzle wird weiterhin CEO bei Linde bleiben", sagte ein Linde-Sprecher. "Es gibt weiter viel zu tun. Nach dem erfolgreichen Konzernumbau steht jetzt die Integration von BOC im Mittelpunkt, und die ist lange noch nicht abgeschlossen."

Auch Kleinfelds Vertraute in Gefahr

Reitzles bis Mai 2007 laufender Vertrag war im Mai 2006 um fünf Jahre bis zum 9. Mai 2012 verlängert worden. Bislang ist Reitzle der einzige plausible Name, der im Zusammenhang mit der Kleinfeld-Nachfolge genannt worden ist.

Kleinfelds Abgang ist nach Einschätzung von Branchenexperten der Beginn eines größeren Stühlerückens im Vorstand. Vor allem enge Vertraute des Siemens-Chefs gelten als gefährdet. Dabei fällt immer wieder der Name von Joe Kaeser, der vor einem Jahr Heinz-Joachim Neubürger als Finanzvorstand ablöste und als enger Mitarbeiter und langjähriger Freund des scheidenden Chefs gilt.

Medienberichten vom Januar zufolge sollen Beschuldigte bei ihren Aussagen angeblich zu Protokoll gegeben haben, Kaeser sei über das Schmiergeldsystem informiert gewesen. Siemens wies dies damals als "verleumderische Beschuldigung" zurück. Bislang ist Kaeser nicht von den Ermittlungen betroffen "Ich würde sagen, dass zumindest auch Finanzchef Joe Kaeser mit Klaus Kleinfeld gehen wird", sagte Dresdner-Kleinwort-Analyst James Stettler.

Es wird eng an der Spitze

Damit wird es an der Siemens-Spitze immer enger: Einer der hoffnungsvollsten Siemens-Manager, Zentralvorstand Johannes Feldmayer, war bereits vor Ostern ins Visier der Ermittlungen der Nürnberger Staatsanwaltschaft geraten und saß eine Woche in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Feldmayer soll vor sechs Jahren einen Beratervertrag mit dem Chef der unabhängigen Arbeitnehmerorganisation AUB, Wilhelm Schelsky, gegengezeichnet haben. Der Verdacht der Ermittler: Siemens soll die AUB aktiv unterstützt haben, um ein Gegengewicht zur IG Metall zu schaffen.

Gleichzeitig stehen vier von zehn Vorstandsverträgen 2008 zur Erneuerung an: Neben Feldmayers Vertrag müssen auch die Verträge des Personalvorstands Jürgen Radomski sowie der Spitzenmanager Klaus Wucherer und Uriel Sharef geprüft werden. Sowohl Wucherer als auch Sharef sind bereits über 60 Jahre alt. "Der neue Aufsichtsratschef Gerhard Cromme wird sich möglicherweise über eine ganze Reihe von Personalien Gedanken machen müssen", so ein Analyst.

Die Personaldebatte trifft den Konzern mitten in einer delikaten Umbauphase. Kleinfeld hatte nur zweieinhalb Jahre Zeit für seinen Konzernumbau. Er ist damit in der Siemens-Geschichte der Konzernchef mit der kürzesten Amtszeit.

Gleichzeitig platzt sie mitten in die Wirren des Schmiergeldskandals bei Siemens. Münchner Ermittler gehen den Verdacht nach, dass der Konzern Millionen in schwarze Kassen abzweigte, um damit Auftraggeber im Ausland zu bestechen. Siemens selbst prüft den Verbleib von insgesamt 420 Mio. Euro.

Margenziele herufgeschraubt

Kleinfeld wird am Donnerstag nicht nur glänzende Ergebnisse für den Konzern präsentieren, sondern auch eine neue Strategie und neue ambitionierte Margenziele für die Konzernsparten. So sollen unter anderem die Margenziele für die erfolgreichsten Siemens-Bereiche Medizin- und Automatisierungstechnik nach oben geschraubt werden.

Bereits vor der Aufsichtsratssitzung waren Eckzahlen für das erste Quartal bekannt geworden. Nach Steuern legte der Gewinn um ein Drittel auf 1,26 Mrd. Euro zu. Der Umsatz stieg um ein Zehntel auf 20,6 Mrd. Euro. Kleinfeld versuchte offensichtlich, mit der Bekanntgabe der Zahlen den Aufsichtsrat in letzter Minute noch für sich zu gewinnen.

VDO-Verkauf fraglich

Der Siemens-Chef hatte weiter gehende Pläne. So sollen am Donnerstag bei der Bekanntgabe der Quartalszahlen neue Ertragsziele für den Gesamtkonzern genannt werden - und nicht mehr nur für die einzelnen Sparten. Die Vergleichsgrößen sollten ermöglichen, dass sich Siemens direkt mit Wettbewerbern wie General Electric messen kann. Außerdem forcierte der Konzern unter Kleinfeld den Börsengang oder den Verkauf der Autozuliefertochter VDO.

Diese Weichenstellungen wollte Kleinfeld gegen den Widerstand der Arbeitnehmerseite durchsetzen. Nun könnten sie leicht Makulatur werden. Vor allem der Zeitplan für die VDO-Abspaltung dürfte nun wieder völlig offen sein. Fondsmanager Christoph Niesel von Union Investment, einem der größten Siemens-Investoren, sieht mit Kleinfelds Abgang die gesamte Siemens-Strategie in Gefahr. "Der Ausblick ist ungewiss, und die neuen Margenziele sind nutzlos, da sie eng mit Kleinfelds Person verknüpft sind. Wer soll den VDO-Verkauf vorantreiben, nachdem Kleinfeld vom Aufsichtsrat zurückgepfiffen wurde?"

FTD

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