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Léo Apotheker: Hewlett-Packard feuert deutschen Chef

Kein Glück für Léo Apotheker beim weltgrößten PC-Hersteller: Der ehemalige SAP-Topmanager muss nach nur elf Monaten seinen Posten räumen - und bei HP herrscht Chaos im Vorstand. Wieder einmal.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Seine Berufung kam überraschend, seine Abberufung dagegen fast schon wie erwartet: Am Donnerstag trennte sich der PC-Hersteller Hewlett-Packard von seinem Vorstandsvorsitzenden Léo Apotheker. Der gebürtige Aachener, früher Chef des deutschen Softwarehauses SAP, gab bei dem kalifornischen Computerpionier nur elf Monate die Richtung vor - und weil es in der kurzen Zeit an Pleiten, Pech und Pannen nicht mangelte, liefen Anleger in Scharen davon: Seit Apothekers Antritt im November 2010 verlor die HP-Aktie fast die Hälfte ihres Werts. Nun zog der Aufsichtsrat die Reißleine und sagte dem 58-Jährigen "Good-bye". Seine Nachfolgerin wird die ehemalige eBay-Chefin Meg Whitman. Apotheker hatte sie selbst im Januar in den HP-Aufsichtsrat geholt.

Als Software-Experte war Apotheker von Anfang an eine ungewöhnliche Wahl für das 1939 gegründete Traditionsunternehmen, das mit Taschenrechnern, Druckern und PCs zur Weltmarke wurde und bis heute zwei Drittel seines Jahresumsatzes mit Hardware verdient. Nach dem Vorbild des Rivalen IBM wollte Apotheker die Firma nun stärker in Richtung Dienstleistungen steuern, da die Gewinnmargen im Geschäft mit PCs und Großrechnern seit Jahren fallen. Doch statt zu applaudieren, verlor die Wall Street rapide das Vertrauen in den reformfreudigen Neuling aus Europa. Dreimal in seiner kurzen Amtszeit musste Apotheker vor Investoren treten und Umsatzerwartungen nach unten korrigieren. Das habe zu "weit verbreitetem Frust" unter Anlegern geführt, erklärte Finanzanalyst Amit Daryanani der Agentur Bloomberg, die bereits am Mittwoch über Apothekers bevorstehende Entlassung berichtete.

Ausschlaggebend für die Trennung war nun offenbar die Art, in der Apotheker seinen geplanten HP-Radikalumbau im August der Öffentlichkeit präsentierte: Während er einerseits zehn Milliarden Dollar (etwa 7,5 Milliarden Euro) auf den Tisch legte, um die eher unbekannte britische Softwarefirma Autonomy zu schlucken, überraschte er Anleger auf der anderen Seite mit der Nachricht, das immer noch erfolgreiche PC-Geschäft abstoßen zu wollen. Die Sparte brachte HP im vorigen Jahr über 40 Milliarden Dollar ein - ein Drittel des Jahresumsatzes. Was genau mit der PC-Abteilung passieren sollte, blieb unklar: Verkaufen sei ebenso möglich wie das Weiterführen als eigenständige Tochterfirma, gab HP im August bekannt.

Todesstoß fürs Tablet

Obendrein schockte Apotheker die Anleger damit, dass er dem gerade erst eingeführten "Touchpad"-Tablet den Todesstoß versetzte, obwohl Analysten in solchen Mobilgeräten die Zukunft sehen: Im nächsten Jahr könnten mehr als 110 Millionen Tablet-Rechner verkauft werden, doppelt so viele wie in diesem, schätzt der Marktforscher Gartner. Als das Touchpad zu Discount-Preisen im Schlussverkauf reißend Absatz fand, legte HP zur allgemeinen Verblüffung noch einmal nach und verkündete, das halb begrabene Tablet kurzzeitig wiederzubeleben - mit einer Nachproduktion ausschließlich für den Ausverkauf.

"HP erklärt nicht vernünftig, was passieren soll und warum es passieren soll. Das ist das Verwirrende", sagt Tim Bajarin, Gründer der Unternehmensberatung Creative Strategies. Die unklare Zukunft des PC-Geschäfts etwa habe "Mitarbeiter in der Luft hängen lassen, und es hat die Kunden verunsichert".

HP-Aktie schießt in die Höhe – und fällt dann wieder

Für Hewlett-Packard bedeutet die Ablösung Apothekers lediglich das jüngste Kapitel in einer jahrelangen Saga von Irrungen und Wirrungen rund um die Vorstandsetage. Auf die Entlassung der einstigen Vorzeige-Firmenchefin Carly Fiorina im Frühjahr 2005 folgte ein Abhörskandal, bei dem der Aufsichtsrat ins Zwielicht geriet und neu besetzt werden musste. Anschließend kehrte unter Fiorinas Nachfolger Mark Hurd vorübergehend Ruhe ein, bis auch er vor einem Jahr in Ungnade fiel - der Verwaltungsrat warf Hurd vor, eine Mitarbeiterin sexuell bedrängt und 20.000 Dollar Spesen unsauber abgerechnet zu haben.

"Keine Frage, der Ruf von HP hat sehr gelitten", sagt Tim Bajarin. Jenseits der Tumulte an der Firmenspitze sei das Geschäft aber weiterhin sehr solide. Entsprechend positiv reagierte die Wall Street: Schon am Mittwochnachmittag, als Apothekers mögliche Ablösung nur ein Gerücht war, schoss die HP-Aktie vorübergehend um fast zwölf Prozent in die Höhe. Die Wahl von Meg Whitman allerdings schien Investoren eher zu ernüchtern; nach der offiziellen Bekanntmachung des Wachwechsels rutschte die HP-Aktie wieder tief ins Minus. Der glücklose Ex-Chef kann sich derweil mit einer üppigen Abfindung trösten: Nach Berechnungen des Wall Street Journal sichert Apothekers Vertrag ihm ein Trennungsgeld von gut sieben Millionen Dollar zu; dazu kommen noch etwa 780.000 Aktien aus seinem Antrittsbonus. Alles in allem, inklusive Gehalt für elf Monate, könnte der Abstecher nach Kalifornien dem Ex-SAP-Mann 35 Millionen Dollar einbringen.