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Hewlett-Packard plant Radikalumbau: HP drückt den Reset-Knopf

Computerriese HP killt seinen iPad-Rivalen "Touchpad" - und das Smartphone-Geschäft gleich mit. Auch von der PC-Sparte wollen die Kalifornier sich trennen. Was steckt dahinter?

Von Karsten Lemm, San Francisco

Es kommt nicht oft vor, dass ein Marktführer lautstark überlegt, sich aus dem eigenen Geschäft zurückzuziehen - doch in der Computerbranche ist genau das nun passiert: Hewlett-Packard (HP), der größte PC-Hersteller der Welt, hat bekannt gegeben, das Unternehmen komplett neu auszurichten; PCs sind künftig eher eine Nebensache und werden wohl vom Rest des kalifornischen IT-Riesen abgetrennt. Ein Verkauf komme ebenso in Frage wie das Weiterführen als eigene Firma, erklärt HP. Noch radikaler geht der 72 Jahre alte Computerpionier mit seinem jüngsten Produkt um: Das "Touchpad"-Tablett, das dem iPad Konkurrenz machen sollte, wird kaum sechs Wochen nach dem US-Verkaufsstart wieder vom Markt genommen - ebenso wie seine Smartphone-Geschwister. Künftig will HP keine Mobiltelefone oder Tablet-Rechner mehr herstellen. Die von Kritikern hoch gelobte WebOS-Software, mit der die Mobilgeräte arbeiten, soll jedoch weiterleben: HP will sie anderen Smartphone-Herstellern in Lizenz anbieten.

"Hewlett-Packard jagt das Unternehmen in die Luft", kommentierte das Wirtschaftsmagazin "Forbes" die Nachrichten in einem Blog-Eintrag. Tatsächlich lässt HP-Chef Léo Apotheker, ein ehemaliger Topmanager des deutschen Software-Giganten SAP, bei dem Computerpionier kaum einen Stein auf dem anderen: Statt sein Geld wie bisher mit großen und kleinen Rechenmaschinen, Druckern und (nicht zu vergessen) Druckertinte zu verdienen, setzt HP künftig verstärkt auf Serviceleistungen. Rechenzentren und Internetdienste - das so genannte "Cloud Computing - soll in den Vordergrund rücken und stärkeres Wachstum bringen. Der Umsatz, im vorigen Geschäftsjahr rund 126 Milliarden Dollar (88 Milliarden Euro), legt nach dem Geschmack der Wall Street nicht schnell genug zu. Deshalb stand Apotheker unter Druck, sich etwas Neues auszudenken. Der Radikalumbau des gebürtigen Aacheners schien Anleger allerdings eher zu verschrecken: Die HP-Aktie verlor in wenigen Stunden fast zehn Prozent an Wert.

IBM hat's vorgemacht

"Keine Frage, HP wird mit diesem Umbau kräftig durchgeschüttelt", sagt Michael Gartenberg, Computeranalyst beim Marktforscher Gartner Group. Der mögliche Ausstieg aus dem PC-Geschäft sei allerdings nicht so verblüffend, wie er auf den ersten Blick wirken möge: "Die Gewinnmargen bei PCs sind sehr gering geworden", erklärt Gartenberg. "Es kommt nicht nur darauf an, wie viele Geräte man verkauft, sondern auch, wie viel Geld man dabei verdient." Zwar bringen Laptops und Standrechner dem kalifornischen Traditionskonzern weiterhin Milliarden ein - doch ohne Aussichten auf nennenswertes Wachstum. Im jüngsten Quartal waren die Einnahmen sogar rückläufig. Ähnlich wie Konkurrent IBM, der vor sechs Jahren seine Notebook-Sparte an den chinesischen Hersteller Lenovo verkaufte, scheint HP sich aus dem PC-Markt verabschieden zu wollen, solange sich noch Interessenten finden, die gutes Geld dafür zahlen.

Die Kehrtwende bei Touchpad und Smartphones indes kommt unmittelbar nach einem ursprünglich geplanten Neustart für das Geschäft mit Mobilgeräten: Erst im vorigen Jahr hatte HP für 1,2 Milliarden Dollar, gut 800 Millionen Euro, die Überreste von Palm gekauft - einst Pionier unter den Herstellern schlauer Minirechner, die zum Begleiter durch den digitalen Alltag wurden. Ausgestattet mit dem üppigen Etat des neuen, weit größeren Mutterkonzerns, gingen die Palm-Programmierer daran, das WebOS zukunftstauglich zu machen und auch an Tablet-Rechner anzupassen. An ihrer Spitze stand ein langjähriger Apple-Mann: Jon Rubinstein, früher unter anderem verantwortlich für die Entwicklung von iMac und iPod. "Dies ist der erste Vertreter einer künftigen Familie von Touchpads", verkündete Rubinstein selbstbewusst, als er im Frühjahr dieses Jahres das erste HP-Tablet enthüllte.

Doch kaum war das Touchpad Anfang Juli in den USA auf den Markt gekommen, sah HP sich gezwungen, den Preis zu senken. Es half nichts. Das Tablet verkaufte sich so schleppend, dass HP nun die Reißleine zog - unmittelbar vor dem geplanten Europa-Start. "Es zeigt, wie schwer es ist, gegen Apple und Google zu bestehen - selbst wenn man finanziell aus dem Vollen schöpfen kann", erklärt Gartner-Analyst Gartenberg mit Blick auf Apples iPad und Googles "Android"-Software für Mobilgeräte. Gemeinsam kommen die beiden Platzhirsche auf einen Marktanteil von über 60 Prozent bei Smartphones und fast 100 Prozent bei Tablet-Rechnern.

Wird WebOS erst jetzt richtig groß?

Vor wenigen Tagen erst verblüffte Google die Technikwelt mit der Nachricht, für 12,5 Milliarden Dollar die Handy-Sparte von Motorola zu schlucken, um sein Mobilgeschäft weiter auszubauen. Genau das könnte nun den Ausschlag für das vorzeitige Ende des Touchpads gegeben haben, vermutet Rob Enderle, langjähriger Silicon Valley-Beobachter und Gründer der Unternehmensberatung Enderle Group: "Googles Kauf von Motorola eröffnete HP neue Möglichkeiten, die sich das Unternehmen nicht entgehen lassen wollte", erklärt er. Denn Motorola-Konkurrenten wie Samsung, LG oder HTC, die bisher mit Googles Android-Software glücklich waren, würden nun nervös, da der Suchmaschinen-Riese zum Rivalen im Hardware-Geschäft wird. Google bemüht sich zwar, solche Bedenken herunterzuspielen, doch die Suche nach einer Android-Alternative habe längst begonnen, sagt Enderle: "Alle schauen sich um, und HP steht bereit, die Lücke zu füllen."

Dazu habe allerdings zunächst das Hardware-Geschäft sterben müssen - nur so sei HP als Anbieter eines mobilen Betriebssystems attraktiv, weil die Firma mit niemandem im direkten Wettbewerb stehe. Am Ende könnte sich die vermeintliche Blamage als Gewinn herausstellen, spekuliert der Analyst - denn während das Touchpad bei seiner Einführung viele Rüffel für träge Chips und andere Hardware-Mängel einstecken musste, lobten Kritiker die Software als elegant und leicht zu bedienen. "WebOS hat einen hervorragenden Ruf", sagt Enderle, "und in den Händen von HTC oder Samsung könnte es sich weit besser entwickeln als bisher." Für HP ergäbe sich aus Lizenzgebühren "ein weit stärkeres Geschäftsmodell" als beim Versuch, im Alleingang eine eigene Mobil-Plattform neben Apple und Google aufzubauen.