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Lebensmittel-Unverträglichkeiten: Das fette Geschäft mit dem Laktose-Wahn

Die Furcht vor Unverträglichkeiten gegen allerlei Lebensmittel ist längst zum Geschäft geworden. Mit fragwürdigen Tests und speziellen Produkten machen Unternehmen Kasse. Und die Kunden greifen beherzt zu - auch ohne nachgewiesene Intoleranz.

Lactose oder Gluten unverträglich?

Das Geschäft mit den Unverträglichkeiten boomt - auch, weil Verbraucher dafür tief in die Tasche greifen.

Als es noch noch kein Trend war, einige Lebensmittelgruppe nicht zu vertragen, waren "Frei von"-Produkte nur in einer Ecke im Supermarkt zu finden. Ein Eckchen im Regal war freigeräumt für zucker-freie Schokolade und andere Süßstoffbomben. Alles sehr kläglich. Das war einmal.

Heute gibt es keine Ecke mehr, sondern ganze Regalfluchten. Drogerien und Supermärkte scheinen für alle etwas zu haben, die auch etwas haben: eine Unverträglichkeit gegen allerlei Lebensmittelbestandteile. Laktose, Gluten, Histamin, Fructose, irgendwas davon wird schon nicht richtig verdaut werden. Und wenn doch, dann greift der verunsicherte Verbraucher trotzdem zu dem Spezialprodukt. Lieber auf Nummer Sicher gehen. Besser ist das - vor allem für die Hersteller.

Wer nachweislich unter einer Unverträglichkeit leidet, muss sich bei der Ernährung stark einschränken. Wer nur eine Intoleranz erahnt oder - noch schlimmer - sich vor einer solchen Intoleranz fürchtet, füllt den Einkaufskorb mit überteuerten und nutzlosen Produkten. Das wissen auch die Hersteller und bieten inzwischen von zig Produkten eine "Frei-von"-Version an. So verkauft der Iglo inzwischen laktosefreien Rahmspinat. "Viele deutsche Verbraucher suchen nach laktosefreien Produkten, auch wenn sie keine Laktoseintoleranz haben", sagte Antja Schubert, Deutschlandchefin von Iglo, kürzlich der "Welt". Die Furcht füllt die Kasse.

Das Geschäft mit der Angst

Auf diese Panik setzt auch Kiweno. Das kleine österreichische Start-up vertreibt über dasNetz einen Test. Kunden können dann zu Hause einen Blutest durchführen, der anschließend in ein Labor eingeschickt wird. Die Resultate können dann online abgerufen werden. Das Problem: Diese Tests sind kaum verlässlich. Bislang gibt es keinen gesicherten und wissenschaftlich nachweisbaren Test auf Unverträglichkeit, berichtet die österreichische Zeitschrift "Profil". In dem Artikel wirft die schreibende Diätologin dem Start-up vor, Menschen zu verunsichern, "mit der Folge, dass Menschen aus Angst vor krankmachender Nahrung ihren Speiseplan oft dramatisch einschränken würden."

Lebensmittelintoleranz lässt Kassen klingen

Tatsächlich boomen Unverträglichkeitsprodukte. Der Umsatz mit laktosefreier Milch, Joghurts und Co. wächst jedes Jahr um rund 20 Prozent. Der Milchindustrieverband geht im Gegenzug davon aus, dass 80 Prozent der Verbraucher, die sich laktosefrei ernähren, gar keine Intoleranz haben. Mit glutenfreien Produkten werden rund 117 Millionen Euro umgesetzt, haben die Marktforscher von Nielsen ausgerechnet. Zuletzt legte der Umsatz um 39 Prozent zu. Wie viele Menschen wirklich auf den Getreidebestandteil Gluten intolerant reagieren, ist bislang schwer zu beziffern. Aktuell leben in Deutschland drei von 100 Menschen mit einer Zöliakie-Diagnose. Wie hoch die Dunkelziffer der nicht diagnostizierten Erkrankungen ist, ist kaum abschätzbar.

Umstrittener Unverträglichkeitstest

Für einen gesicherten Nachweis einer Zöliakie ist eine Magen- und Darmspiegelung nötig. Der Test von Kiweno scheint da der unkompliziertere Weg zu sein. Wer wissen will, ob er gegen Laktose intolerant ist, zahlt für den Test 99 Euro zahlen. Das  Familien-Paket mit fünf Tests kostet für 448 Euro. "Dafür erhält man eine Analyse, die einem zu der wenig weltbewegenden Erkenntnis verhilft, dass man etwas gegessen hat", heißt es dazu um "Profil"-Artikel. Kiweno weist die Kritik zurück, dass durch die Resultate Mangelernährung bei den Kunden entstehen könne. Das Unternehmen versteht die angebotenen Tests nicht "als Ersatz, sondern als Erweiterung der medizinischen Behandlung." Wie viel Geld das Unternehmen mit den Tests verdient, ist unbekannt. Klar ist jedoch, dass das Start-up jüngst sieben Millionen Euro von Investoren einsammeln konnte.

Ist Laktose-Intoleranz nur ein Werbe-Bluff?

Laktosefrei? Bis zu 383 Prozent teurer

Für die Hersteller von speziellen Lebensmitteln ist die Unverträglichkeitshysterie ein lukratives Geschäft. Laktosefreie Produkte kosten beispielsweise durchschnittlich 2,4 Mal so viel wie die konventionelle Variante, errechnete die Verbraucherzentrale Hamburg. Doch es geht noch dreister: Produkte, wie Schinken oder Putenbrust, die auch in der herkömmlichen Version keinerlei Laktose enthalten, werden nun gezielt mit diesem Hinweis beworben - mit einem satten Preisaufschlag von 95 Prozent. Laktosefreier Käse ist sogar 122 Prozent teurer, fanden die Verbraucherschützer aus Hamburg heraus. Die größte Preis-Abzocke gönnte sich aber Minus-L, eine Marke, die ausschließlich laktosefreie Produkte anbietet. Das laktose- und glutenfreie Schwarzbrot bekam eine Preissteigerung von 383 Prozent verpasst. Dabei enthält auch ganz normales Schwarzbrot in der Regal gar keine Laktose.

Diät-Trend: So sinnvoll ist eine gluten- und laktosefreie Ernährung