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Laktose-Intoleranz: Wenn Milch krank macht

Egal ob sie Milch trinken, Käse essen oder Schokolade - ihr Bauch spielt verrückt: Wer eine Laktose-Intoleranz hat, verträgt keinen Milchzucker. Inzwischen bietet die Industrie immer mehr laktosefreie Produkte an.

Von Angelika Unger

Lange wusste Astrid nicht, was ihren Bauch in Aufruhr versetzte: "Ich hatte monatelang Probleme mit dem Magen. Erst dachte ich, es liegt am Stress - in dieser Zeit habe ich gerade Examen gemacht." Doch die Bauchschmerzen, der Durchfall, der aufgeblähte Unterbauch verschwanden auch nach der stressigen Zeit nicht. "Ich bin von Arzt zu Arzt gelaufen", erzählt Astrid. Bis einer die richtige Diagnose stellte: Astrid hat eine Laktose-Intoleranz - sie verträgt keinen Milchzucker. Das Zuckermolekül, wissenschaftlich Laktose genannt, ist in der Milch von Säugetieren enthalten.

Astrid leidet nicht etwa an einer Allergie - die Symptome sind keine Abwehrreaktionen ihres Immunsystems. Vielmehr stellt ihr Körper zu wenig von dem Enzym Laktase her, das den Milchzucker im Dünndarm aufspaltet. Die Folge: eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit. Im Ganzen nämlich kann das große Laktose-Molekül nicht ins Blut aufgenommen werden. Daher kommt es sofort oder einige Stunden nach dem Essen zu Bauchschmerzen, Blähungen, Erbrechen, Völlegefühl, Übelkeit oder Durchfall.

Butter, Käse, Sahne, Schokolade - alles aus Milch ist tabu

Laktose-Intoleranz ist die weltweit häufigste Verdauungsstörung. "Weltweit betrachtet ist es fast der Normalzustand, dass man keinen Milchzucker verträgt", sagt die Ernährungswissenschaftlerin Susanne Sontag von der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik. In Deutschland sind zehn Millionen Menschen betroffen; weltweit leiden mehr als 50 Prozent der Menschen unter der Unverträglichkeit, vor allem in Asien ist sie weit verbreitet.

Als Astrids Bauch zum ersten Mal verrückt spielte, war sie 26 Jahre alt - das ist typisch bei Laktose-Intoleranz. "Nur ein sehr geringer Anteil der Säuglinge verträgt keinen Milchzucker", erläutert Sontag. Zwar ist der so genannte primäre Laktasemangel erblich bedingt, Beschwerden treten jedoch meist nicht vor dem Erwachsenenalter auf. Diese Form der Laktose-Intoleranz ist nicht heilbar. Wollen Betroffene beschwerdefrei bleiben, sind nicht nur Milch von Kuh, Schaf und Ziege tabu, sondern auch Butter, Käse, Joghurt, Pudding, Schlagsahne, Kakao oder Schokolade.

Fermentierte Milchprodukte wie Joghurt, Kefir oder Käse würden häufig etwas besser vertragen, schränkt Sontag ein. "Das liegt an den Bakterienkulturen, die diese Lebensmittel leichter verträglich machen." Astrid allerdings verträgt überhaupt nichts, das aus Milch gemacht ist. "Man muss schon oft verzichten", sagt sie - vor allem der Verzicht auf ihren geliebten Milchkaffee fiel ihr schwer. "Im Café trinke ich meinen Kaffee jetzt schwarz."

Der Restaurantbesuch wird zum Abenteuer

Besonders tückisch: versteckte Laktose. Denn da der Stoff Wasser bindet, kommt er in einer Fülle von Produkten zum Einsatz: Er macht Joghurt fester oder sorgt für mehr Volumen bei fettreduzierten Lebensmitteln. Reagiert Laktose mit Eiweiß, gibt es zudem einen Bräunungseffekt - daher ist Milchzucker ein beliebtes Hilfsmittel, um Brot ein appetitlich braunes Aussehen zu verpassen. "Sogar in Medikamenten findet sich Laktose manchmal als Füllstoff", sagt Susanne Sontag.

Ein Segen für Betroffene sind daher die strengeren gesetzlichen Regeln, die seit November 2005 gelten: Hersteller müssen alle verpackten Lebensmittel kennzeichnen, die Laktose enthalten. Sontag rät Betroffenen, genau zu prüfen, ob auf den Zutatenlisten die Wörter Laktose, Milchzucker, Milchpulver oder Trockenmilch auftauchen. Auch für Astrid gehört das Lesen der Verpackungsaufschriften zu jedem Supermarktbesuch dazu. "Es ist wirklich unfassbar, wie viele Lebensmittel zum Beispiel Gewürzmischungen mit Laktose enthalten."

Bislang von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen sind unverpackte Lebensmittel, etwa Wurst vom Fleischer oder Brot vom Bäcker. Und auch der Restaurantbesuch kann für Betroffene zum Abenteuer werden. Denn was die Küchenchefs in ihren Saucen und Dressings verarbeiten, bleibt meist ihr Geheimnis. Susanne Sontag empfiehlt daher vor dem Essen außer Haus Laktase-Tabletten aus der Drogerie: "Sie helfen dem Körper, den Milchzucker zu verdauen."

Endlich wieder Milchkaffee - mit laktosefreier Milch

In der heimischen Küche können Betroffene zumindest improvisieren, beim Kuchenbacken etwa Soja-, Kokos- oder Mandelmilch verwenden. Auch Astrid hat die pflanzlichen Milch-Alternativen ausprobiert: "Ich habe mir ein paar Mal Sojamilch gekauft, aber sie schmeckt anders als Kuhmilch und ist außerdem sehr teuer."

Inzwischen ist Astrid auf laktosefreie Milch umgestiegen, die es seit einiger Zeit in großen Supermärkten gibt. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist sie unbedenklich, versichert Sontag: "Laktosefreie Milchprodukte bestehen aus herkömmlicher Milch, deren Milchzucker bereits bei der Produktion in Glukose und Galaktose aufgespalten wird" - bei gesunden Menschen geschieht dies durch das Enzym Laktase. "Daher sind sie auch für Menschen mit Laktose-Intoleranz bekömmlich. Durch die Glukose schmeckt die laktosefreie Milch leicht süßlich."

Nützlich für Betroffene: Die laktosefreien Produkte enthalten genauso viel Kalzium wie normale Milch. Der Mineralstoff spielt eine wichtige Rolle beim Aufbau von Knochen und Zähnen, bei der Blutgerinnung und der Muskelkontraktion - und er fehlt vielen Menschen, die an Laktose-Intoleranz leiden. "Milchprodukte sind die beste Quelle für Kalzium", erläutert Sonntag. Bereits drei bis vier Scheiben Emmentaler enthalten ein Gramm Kalzium und decken damit den Tagesbedarf eines Erwachsenen. Um eine vergleichbare Menge über Gemüse aufzunehmen, müsste man zwei Kilo grüne Bohnen essen oder 800 Gramm Spinat. Eines ist Astrid aber noch wichtiger als der Kalziumschub durch laktosefreie Milch - nämlich dass sie endlich wieder ihren geliebten Milchkaffee trinken kann.

Laktosegehalt von Lebensmitteln

LebensmittelGramm Laktose/100 Gramm Lebensmittel
Konsummilch (Frischmilch, H-Milch)4,8 - 5,0
Joghurt3,7 - 5,6
Kefir3,5 - 6,0
Buttermilch3,5 - 4,0
Sahne2,8 - 3,6
Crème fraîche2,0 - 3,6
Butter0,6 - 1,7
Eiscreme (Milch-, Frucht-, Joghurteis)5,1 - 6,9
Sahneeis1,9
Magerquark4,1
Schmelzkäse2,8 - 3,6
Hart-, Schnitt- und Weichkäse
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