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Medien: Der Boom der deutschen Filmstudios

Jahrelang galt für den deutschen Filmstandort vor allem eines: Es wurde wenig gedreht und falsch gefördert. Seit Januar hat sich das geändert. Nun platzen Studios wie Babelsberg aus allen Nähten.

Von Katrin Elger

Millionen von Fördergeldern für deutsche Filmstudios: Kritiker fürchen einseitige Förderung

Millionen von Fördergeldern für deutsche Filmstudios: Kritiker fürchen einseitige Förderung

Späne fliegen durch die Schreinerei. Eine Säge kreischt, ein Handwerker bearbeitet einen sperrigen Holzbalken. Hilfsarbeiter schleppen medizinballgroße Scheinwerfer kreuz und quer über das Gelände. Alles arbeitet, alle haben zu tun. Selten ging es in den Babelsberger Filmstudios so betriebsam zu wie in den letzten Wochen.

"Förderung bringt riesigen Schub"

Denn für Tom Cruise' neuen Film "Valkyrie" bauen die Babelsberger nicht nur den Bendlerblock nach, jenen Ort, an dem der deutsche Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg nach dem misslungenen Hitler-Attentat erschossen wurde. Auch Hitlers Hauptquartier Wolfsschanze, in dem die Bombe hochging, wird gezimmert. Die Außendreharbeiten der Produktionsfirma United Artists laufen bereits, in Zukunft wird das Team im Studio weiterarbeiten.

Tom Cruise in Babelsberg - das ist mehr nur als ein Symbol. Nach vielen mageren Jahren brummt es am Filmproduktionsstandort Deutschland wieder. Der Boom beschränkt sich längst nicht auf den größten Studiobetreiber in Potsdam - auch in München und Hamburg profitieren die Studios. Ursache für den Aufschwung: Seit Januar bezuschusst die Bundesregierung mit dem Deutschen Filmförderfonds (DFFF) internationale und deutsche Produktionen, die hierzulande verwirklicht werden.

Drehstart für "Die Buddenbrocks"

Und so entdeckt Hollywood Deutschland, und die Deutschen wollen hoch hinaus: Demnächst beginnen in Lübeck die Dreharbeiten zu dem Monumentalfilm "Die Buddenbrooks" von Heinrich Breloer. Die Verfilmung des Thomas-Mann-Romans, über dessen Förderung der DFFF noch entscheiden muss, ist das größte Vorhaben der Münchner Bavaria, seit vor 25 Jahren "Das Boot" gedreht wurde.

Auch Cruise hat aus dem DFFF 4,8 Mio. Euro eingeheimst. Seine Kollegen, die "Matrix"-Macher Andy und Larry Wachowski, bekamen für ihrem Actionfilm "Speed Racer" eine Unterstützung in Höhe von 9 Mio. Euro. "Wir führen derzeit mit allen großen amerikanischen Filmemachern Gespräche über künftige Projekte", sagt Carl Woebcken, Hauptaktionär und Vorstandschef der Babelsberger Studios. "Uns bringt die Förderung einen riesigen Schub nach vorne." Nachdem im vergangenen Jahr nur eine große Produktion in Potsdam-Babelsberg gedreht wurde, sind es in diesem Jahr elf. 2,1 Mio. Euro Verlust machte man noch im ersten Halbjahr 2006. Nun steht in diesem Jahr im gleichen Zeitraum ein Gewinn von 2,7 Mio. Euro.

Förderungen für Kreative der Kinowelt

Babelsberg platzt aus allen Nähten: Woebcken hat zu den 16 eigenen Studios sechs zusätzliche Hallen hinzugemietet - anders wäre der Andrang nicht zu bewältigen gewesen. Vor drei Jahren erst haben er und sein Partner Christoph Fisser die chronisch defizitären Studios vom Medienkonzern Vivendi übernommen. Ihr schwärzestes Jahr erlebten sie 2006. Das war, bevor der DFFF kam.

Insgesamt 60 Mio. Euro vergibt die Bundesregierung seit Januar jährlich an die Kreativen der Kinowelt, um im internationalen Wettrennen um die größten und teuersten Filmproduktionen mithalten zu können. Bis zu 20 Prozent der Kosten bekommen die Filmemacher über den DFFF erstattet, maximal 4 Mio. Euro, in Ausnahmefällen 10 Mio. Euro. Das Geld fließt zusätzlich zu der klassischen Filmförderung, für die Bundes- und Länderinstitutionen pro Jahr mehr als 200 Mio. Euro ausgeben.

Bisher geht der Plan des DFFF auf. "Das Geschäft in Berlin brummt derart, dass wir unsere Kameras jetzt schon in Holland leihen müssen", jubelte Stefan Arndt von X Filme vor wenigen Tagen in der "Süddeutschen Zeitung". "Für uns ist es großartig, dass wir in Berlin so gute Bedingungen vorfinden", sagt auch United-Artists-Chefin Paula Wagner. Hollywoodproduzent Patrick Crowley hatte sich zu Beginn des Jahres sogar beklagt, dass die Förderung für seinen Film "Das Bourne Ultimatum" zu spät gekommen sei. Er hätte dann sicher nicht nur drei Tage lang in Deutschland gedreht.

"Viele Projekte würden hier nie realisiert werden, wenn es den DFFF nicht gäbe", sagt auch Christine Berg, Projektleiterin beim Fonds. Auf rund 364 Mio. Euro beziffert sie die Produktionskosten der Kinofilme in Deutschland im laufenden Jahr. Dazu zählen die Gehälter der Kulissenbauer genauso wie die Parkgebühren der Filmcrewfahrzeuge oder die Hotelkosten von Cruise und Ehefrau Katie Holmes.

Zwar hatte die deutsche Regierung auch in der Vergangenheit jede Menge Steuergelder zum Wohle der Filmindustrie lockergemacht. Allerdings war das System nur wenig ausgereift. Statt Produktionen zu fördern, die auch in Deutschland umgesetzt wurden, flossen viele der Millionen über dubiose Fondsmodelle direkt nach Hollywood. Fernab von Babelsberg und Bavaria.

Kulturelle Eigenschaftstests

2005 hatte das Finanzministerium schließlich genug und stoppte den Geldstrom. Erst nachdem Kulturstaatsminister Bernd Neumann sich persönlich bei Finanzminister Peer Steinbrück für den darbenden deutschen Filmstandort einsetzte, wurde der DFFF geschaffen - unter der Maßgabe, dass das Geld auch tatsächlich in Deutschland ausgegeben wird.

Deutsche Partner müssten für die Inhalte der Filme mitverantwortlich und in die Produktion eingebunden sein, lautet eine der Vorgaben des DFFF. Die Babelsberger Studios treten deshalb als Koproduzenten von United Artists und der Wachowski-Brüder auf. Zudem müssen die Projekte einen "kulturellen Eigenschaftstest" bestehen. Es werden 94 Punkte festgelegt, von denen die Produzenten mindestens die Hälfte erfüllen müssen. Dazu gehören eher schwammige Kategorien wie ein "kulturrelevanter Bezug", aber auch klare Quoten, die etwa den Anteil der aus Deutschland stammenden Mitarbeiter festlegen.

Die Nachfrage ist gewaltig: In diesem Jahr haben bereits 47 nationale und internationale Filme vom DFFF-Geldsegen profitiert. Davon sind 21 Prozent internationale Koproduktionen. Der Rest ist made in Germany. So hat der Caroline-Link-Film "Im Winter ein Jahr", der in den Bavaria-Studios gedreht wird, eine Finanzspritze von 790.000 Euro bekommen. Auch Filme wie "Kirschblüten" von Doris Dörrie bekamen Zuschüsse.

Kritik an einseitiger Filmförderung

Ohne Kritik ist die Filmförderung trotz der Blüten, die die Kinolandschaft treibt, natürlich nicht geblieben. So munkelt die Branche, dass die Gelder zu einseitig den Babelsberger Studios zugeschustert würden. Anstoß erregt vor allem die Tatsache, dass Babelsberg-Vorstand Fisser in dem Gremium sitzt, das über Förderungssummen entscheidet, die 4 Mio. Euro übersteigen. Auch wenn Fisser angibt, er bleibe den Sitzungen fern, in denen über Babelsberger Produktionen befunden werde, bleiben viele misstrauisch.

Doch die Freude über das neue Förderungssystem überwiegt. "Dass wir fest mit 16 Prozent des Budgets planen können, ist für eine mittelständische Produktion gar nicht hoch genug zu bewerten", sagt der Münchner Produzent Jakob Claussen. Auch der Bavaria-Film-Geschäftsführer Dieter Frank ist voll des Lobs: "Die Buddenbrooks und auch Baader Meinhof wären sicher auch ohne den DFFF gedreht worden. Allerdings wäre es mit viel größeren Schwierigkeiten verbunden gewesen, die nötigen Mittel dafür aufzubringen."

Die millionenschweren Zuwendungen für US-Blockbuster sorgen aber auch für Stirnrunzeln. Cruise oder die Wachowski-Brüder hätten es auch ohne den DFFF geschafft, die Finanzierung zu stemmen. Doch die Kritik ist noch verhalten, solange das Geld für alle reicht. Sollte aber in Zukunft ein deutscher Film leer ausgehen, könnte es Streit geben.

Fördergelder-Wettrüsten

Die Erklärung, warum der DFFF auch die großen internationalen Produktionen fördert, ist einfach: Weltweit findet seit Jahren ein regelrechtes Fördergelder-Wettrüsten statt. Wer in Singapur dreht, bekommt bis zu 35 Prozent seiner Produktionskosten erstattet, in Ländern wie Ungarn oder Kanada sind es rund 20 Prozent.

Die großen amerikanischen Produktionsfirmen haben deshalb schon längst Spezialisten angeheuert, die sich mit den Fördersystemen aus aller Welt bestens auskennen. Sie tüfteln aus, wie sich mit einem Film in möglichst vielen Ländern möglichst viel kassieren lässt. Studioarbeiten in Ungarn, ein Flugzeugabsturz in Singapur, eine Bootsfahrt an der Côte d'Azur. Und überall gibt es Geld. Deshalb muss auch Deutschland mitziehen: "Ohne staatliche Förderung würde Deutschland weit zurückfallen", sagt Frank.

Der DFFF stellt seine Förderung vorerst nur bis 2009 bereit, eine Verlängerung ist Sache der Regierung. "Wir müssen erst einmal zeigen, dass das Vorhaben wirklich ein Erfolg ist", sagt Projektleiterin Berg.

Für die Wachowskis und Cruises dieser Filmwelt wird die Entscheidung weniger spannend sein als für die Betreiber der Babelsberger Studios. Wenn nicht die deutschen Hilfsarbeiter ihre Kulissen zimmern und die Scheinwerfer über das Filmgelände schleppen, dann eben die ungarischen oder französischen. Allerdings nicht in Deutschland.

FTD