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Arbeiten und Kollegen Microsoft hat den Alltag im Homeoffice weltweit analysiert: Das sind die Ergebnisse

Home-Office
Der persönliche Kontakt zu den Kolleg*inne ist im Home-Office eingeschränkt
© Getty Images
Die Corona-Pandemie zwang Millionen ins Homeoffice. Microsoft hat nun untersucht, wie sich das auf den Arbeitsalltag und die Beziehungen der Kollegen untereinander auswirkte - und überraschende Erkenntnisse gewonnen.

Der Rechner steht auf dem Küchentisch, die Katze schnurrt um die Beine, im Hintergrund rumpelt die Waschmaschine: Corona hat viele Menschen zwangsweise für Wochen ins Homeoffice geschickt. Das war für Firmen wie Mitarbeiter*innen zunächst ungewohnt, doch nach dem ersten Schock zeigte sich: Mit ein bisschen Umgewöhnung klappt eigentlich alles ganz gut. Die Sorge vieler Führungskräfte, dass die Arbeit Zuhause nicht so effizient erledigt werde wie im Büro, konnte sich vielerorts nicht bewahrheiten.

Das IT-Unternehmen Microsoft war schon vor der Krise Vorreiter in Sachen flexiblem Arbeiten, in der Corona-Krise hat man aber auch dort nochmal einiges dazugelernt. Am Firmensitz in Redmond beschäftigt der Konzern 350 Personen in einem so genannten "Modern Workplace Transformation Team". Diese Abteilung behält aktuelle Trends im Auge und gibt Ratschläge, wie das Unternehmen seine Software-Dienste in einem sich ständig verändernden Arbeitsumfeld anpassen muss.

Keiner hat Lust auf lange Meetings

Im Zuge der Corona-Pandemie hatte diese Abteilung erwartungsgemäß viel zu tun, schließlich wurde der Arbeitsalltag so durchgewirbelt wie selten zuvor. "Wir wussten, dies war eine seltene Gelegenheit, in Echtzeit etwas über die Arbeit selbst zu erfahren. Wir wollten untersuchen, wie flexibel und anpassungsfähig sie sein könnte oder auch nicht, wie sich Zusammenarbeit und Netzwerke verändern, wenn nicht alle an einem Ort sind. Wie Agilität in verschiedenen Gebieten aussieht. Am wichtigsten war vielleicht, dass wir wissen wollten, wie wir das Wohlbefinden der Mitarbeiter in Krisenzeiten fördern und verbessern können", schreiben die Autor*innen der Studie.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Die Zahl der Meetings, die maximal 30 Minuten dauern, stieg in den vergangenen Monaten rapide an. Der Zuwachs lag bei 22 Prozent, obwohl die Gesamtzeit, die jede*r einzelne in Meetings verbrachte, um insgesamt zehn Prozent stieg. Die Zahl der Sitzungen, die mehr als eine Stunde andauerten, sank um elf Prozent.

"Das war überraschend. In den letzten Jahrzehnten sind die Sitzungen im Allgemeinen länger geworden, und Untersuchungen zeigen, dass sich dies negativ auf die Produktivität und Zufriedenheit der Mitarbeiter ausgewirkt hat", heißt es in der Untersuchung. "Unser Umschwung zu kürzeren Sitzungen war organisch und nicht aus dem Management heraus entstanden. Und laut unserer Stimmungsumfrage wurde die Veränderung geschätzt." Festgefahrene Normen ändern sich demnach besonders schnell, wenn sie von den Arbeitnehmern direkt vorangetrieben werden.

Die Zahlen belegen eindeutig: Keiner hat Lust auf lange Meetings, wenn diese nicht unbedingt sein müssen. Eine Erkenntnis, die sicherlich auch in Zukunft in der Planung von Meetings beachtet werden wird.

Für den Wandel braucht man gute Chefs

Eine weitere Erkenntnis: Führungskräfte tragen die Hauptlast während der Umstellung aufs Homeoffice und arbeiten acht und mehr Stunde pro Woche zusätzlich im Vergleich zu vorher. "In China, wo die Büros Wochen früher als in anderen Ländern geschlossen wurden und wir die Auswirkungen über unser 350-köpfiges Team hinaus gemessen haben, sahen unsere Kollegen in der Führungsebene eine Verdoppelung der Anrufe von Microsoft-Teams, von sieben auf 14 Stunden pro Woche", heißt es in der Untersuchung. Microsoft Teams ist eine Kollaborations-Software, mit der innerhalb von Unternehmen Chat-Nachrichten und Dateien ausgetauscht, Meetings veranstaltet und Anrufe getätigt werden können.

Coronavirus: Ein Mann arbeitet im Homeoffice

Manager*innen hätten zudem 115 Prozent mehr Direktnachrichten verschickt, verglichen mit plus 50 Prozent bei einzelnen Mitarbeiter*innen. Gleichzeitig sorgten die Vorgesetzten dafür, dass ihre Team-Mitglieder die negativen Aspekte der Umstellung möglichst wenig zu spüren bekamen, indem sie ihnen vermehrt halfen, Prioritäten zu setzen und somit Überstunden zu vermeiden.

Liegen gebliebene Arbeit wird nachgeholt

Vor Corona sahen die meisten Arbeitstage so aus: Morgens ins Büro, mittags eine ausgedehnte Pause, nachmittags ein paar Stunden konzentriert arbeiten und am Ende der Schicht kehrte man in das Privatleben zurück. Diese starre Struktur hatte sich mit Corona erledigt. So ging aus den anonym erhobenen Daten hervor, dass Mitarbeiter*innen im Homeoffice viel häufiger auch während der Mittagspause auf Nachrichten reagieren als sonst (minus zehn vergleichen mit minus 25 Prozent zuvor).

Gleiches gilt für den Feierabend, zwischen 18 Uhr und Mitternacht stieg die Zahl der verschickten Nachrichten um 52 Prozent an. Es wurde deutlich, dass die Mitarbeiter*innen etwaige liegengebliebene Arbeit selbstständig nachholten, weil sie zuvor etwa mit der Kinderbetreuung beschäftigt waren oder einfach nur eine kurze Auszeit nahmen.

Teams tauschten sich mehr aus als vorher

Und dann ist da noch der menschliche Faktor. Wenn alle jeden Morgen ins Büro fahren, hält man einen kurzen Plausch am Drucker, lästert in der Kaffeeküche, geht mit den Kolleg*innen aus dem Nebenbüro in die Kantine oder mittags zum Sport. Im Homeoffice ist all das nur bedingt möglich.

Die Auswertung von Microsoft ergab jedoch, dass die sozialen Kontakte im Lockdown kaum weniger wurden, sondern sich nur veränderten. Dafür sorgten vor allem virtuelle Treffen, etwa Gruppenvideotelefonate.

Als Reaktion auf den Mangel an natürlichen Berührungspunkten fanden die Mitarbeiter*innen neue Wege, sich auszutauschen. Einige Abteilungen organisierten Gruppenmittagessen, andere sogenannte "Happy Hours" mit Themen wie "Pyjamatag" und "Mein Haustier treffen". Insgesamt nahmen die sozialen Treffen innerhalb eines Monats um zehn Prozent zu, so die Studie.

Untersucht wurden auch die Netzwerke von 90.000 Microsoft-Mitarbeiter*innen in den USA. "Offen gesagt erwarteten wir, dass sie angesichts der raschen Veränderungen in der Umgebung, der Tagesrhythmen und der persönlichen Verantwortlichkeiten deutlich schrumpfen würden."  Stattdessen hielt der Großteil die bestehenden Verbindungen nicht nur aufrecht, die Netzwerkgrößen nahmen sogar zu. Dies deute darauf hin, "dass die Teams, um sich anzupassen und weiterzuentwickeln, versuchten, Brücken zu bauen."

Quelle:HBR


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