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Nach Dioxin-Skandal: Das Schweinesystem wankt

Der Dioxinskandal offenbart, wie anfällig das System der industrialisierten Schweinezucht ist. Zwei vergiftete Tiere bringen die Milliardenbranche ins Wanken.

Von Jarka Kubsova, Havixbeck

Ende Oktober stieg Franz Kückmann in seinen Laster, fuhr zu einem Ferkelzüchter ins Nachbardorf und kaufte 600 Ferkel, glänzende, rosige Dinger, keine vier Wochen alt, acht Kilo schwer, das Stück für knapp 41 Euro. Kückmann brachte sie in seinen Aufzuchtstall, gab ihnen zu fressen, alle 20 Minuten, auf dass die Ferkel schön zulegten. Zwei Kilo fraßen die Schweine bald pro Tag.

Letzte Woche waren sie perfekt: 120 Kilo schwer, nicht zu fett, nicht zu mager. Sie hatten 270 Kilo Futter für 71 Euro vertilgt, dazu kamen Kosten für Wasser, Energie, Stall, Personal, Tierarzt und Gülleentsorgung. In jedem Schwein steckten nun Kosten von knapp 140 Euro. In guten Zeiten hätte Kückmann sie zum Schlachthof gefahren und nach Tötung und Blutverlust pro Schlachtkilo um die 1,60 Euro kassiert. Ein Schwein hätte ihm zwischen 5 und 10 Euro Gewinn eingebracht. In guten Zeiten.

Pro Schwein 30 Euro Verlust

Nun aber steht Kückmann da, zeigt auf seine Schweine, die Tag um Tag mehr fressen, mehr kosten und immer fetter werden, und sagt: "Morgen bringe ich sie weg, aber mit jedem einzelnen mache ich fast 30 Euro Verlust."

Kückmann ist Schweinehalter, ein freundlicher Herr mit grauem Bart und rundem Bauch. Mit Anfang 20 übernahm er den Hof der Eltern, über 40 Jahre ist das her, und nun, Anfang des Jahres 2011, hat Kückmann etwas erlebt, was er vorher noch nie erlebt hat: Der Markt für Schweinefleisch ist zusammengebrochen. Der Preis pro Schlachtkilo fiel in den vergangenen Wochen so tief wie nie zuvor. Nicht während der Schweinepest, nicht während der Schweinegrippe, nicht einmal während der Diskussion um Gammelfleisch oder Klebeschinken.

Dabei war das deutsche System sehr erfolgreich. Im November 2010 standen 26,5 Millionen Schweine in den Ställen von 33.500 Schweinehaltern. Die Schweinemastindustrie boomte. Insgesamt 6,2 Milliarden Euro Produktionswert 2009. Rekord. Das deutsche Modell galt als Vorbild in der Welt.

Zwei negative Tests - und die Branche wankt

Doch dann wurde Anfang Januar das Umweltgift Dioxin, das über verunreinigtes Tierfutter in Umlauf geraten war, in Schweinefleisch entdeckt - in genau einem kleinen Betrieb, in genau zwei Proben. Alle restlichen Tests waren negativ. Und doch reichte es, um eine ganze Branche ins Wanken zu bringen.

Deutsches Schweinefleisch will plötzlich niemand mehr haben. Zehn Länder von China über Südkorea bis zu den Philippinen haben Importverbote verhängt, die Briten haben deutschen Speck aus dem Regal genommen, Russland hat strenge Handelsbeschränkungen aufgelegt. Für ein Kilo Schwein bekommen Halter wie Kückmann derzeit rund 1,20 Euro, vor ein paar Tagen waren es sogar nur 1,12. Es müssten 1,60 Euro sein, um Gewinn zu machen. Die Landwirte machen insgesamt mehr als 23 Millionen Euro Miese - pro Woche.

"Wir sind abhängig vom Ausland

Einige Betriebe werden die Krise wohl nicht überstehen. Machtlos mussten die Schweinehalter erleben, wie ein fein austariertes System, die hoch industrialisierte Schweinezucht, beinahe über Nacht aus den Fugen geriet. "Die Exporte haben uns gerade erst Stabilität und Sicherheit gegeben", sagt Kückmann, "wir sind vom Ausland abhängig."

Es ist noch nicht sehr lange her, da war es genau umgekehrt. Anfang der 90er-Jahre wurde hierzulande nicht genug Schweinefleisch für den eigenen Bedarf produziert. Im vergangenen Jahr hat sich Deutschland auf den dritten Platz der größten Exporteure aufgeschwungen, hinter den USA und Kanada. "Die deutsche Schweinefleischbranche hat eine gewaltige Entwicklung hinter sich", sagt der Agrarwissenschaftler Hans-Wilhelm Windhorst von der Hochschule Vechta. Gründe dafür gibt es viele, allen voran steht der Preisdruck im Handel.

Die meisten Bauernhöfe haben sich darum zu Spezialbetrieben gewandelt, sich auf Masse und einzelne Kernbereiche in der Erzeugerkette konzentriert. "Das deutsche System ist eines der arbeitsteiligsten und komplexesten der Welt", sagt Windhorst. Ein Betrieb züchtet Ferkel, ein anderer zieht sie groß, der nächste mästet bis zur Schlachtreife, wieder ein anderer schlachtet und zerlegt.

Lesen Sie auf Seite zwei, was der Dioxinskandal einen Schweinmäster pro Woche kostet - und wie es weitergehen kann

Kückmanns Spezialgebiet ist die Mast. Sein Hof liegt auf dem flachen Land westlich von Münster, im "Schweinegürtel", er hat Platz für 1200 Schweine. Von draußen sehen einige seiner Ställe noch aus wie alte Katenhäuser, innen herrscht Hightech. Auf Knopfdruck schießt aus verschlungenen Rohrsystemen am Computer genau dosiertes Futter in die Tröge. "Ohne Spezialisierung und Masse kann kein Hof heute mehr wirtschaftlich arbeiten", sagt Kückmann. "Früher hatten wir auch Hühner und Kühe, einen richtigen Gemischtwarenladen. Aber dann haben wir uns auf einen Bereich festgelegt und den konsequent weiterentwickelt."

Entstanden ist ein Produktionssystem, das in Sachen Effizienz mit anderen Industriezweigen mithalten kann. Die Produktivität wurde erhöht, Prüfsysteme eingeführt, die Qualität verbessert. Außerdem beschäftigen viele Schlachthöfe osteuropäische Billigkräfte, ein Lohnvorteil, gegen den europäische Wettbewerber mobilmachen. Längst ist Deutschland an ehemaligen Konkurrenten wie den Niederlanden oder Dänemark vorbeigezogen.

Schweinebauer in zweiter Generation

Reich wird dennoch kaum ein Landwirt. Viele arbeiten gerade mal kostendeckend. Denn obwohl der Preis je Schlachtkilo kontinuierlich sinkt, steigen die Preise für die Rohstoffe. Allein der Preis für Weizen, den die Schweinemäster tonnenweise an die Tiere verfüttern, hat sich vergangenes Jahr verdoppelt. Auch Kückmann kann von der Schweinemast allein nicht leben. Seit einiger Zeit betreibt er zusätzlich eine Biogasanlage. "Wir haben hier zwei Familien und das Altenteil zu versorgen, allein mit den Schweinen geht das nicht", sagt er. An Schweinen hält er dennoch fest. "Die vorhergehende Generation in meiner Familie hatte schon Schweine, und ich will das auch für die nächste Generation erhalten."

Als Kückmann im Dezember vom Dioxin hörte, packte ihn eine üble Vorahnung. Die Kettenreaktion begann mit der vorsorglichen Sperrung von 4500 Betrieben. Als die wieder freigegeben wurden, war das System schon aus den Fugen geraten. Zu viele Schweine mussten zu lange im Stall stehen. Je mehr sie zulegen, desto weniger sind sie wert. Ein zu fettes Schwein will keiner haben. Durch die Exportverbote entstand ein Überhang, manche Schlachthöfe machten ein paar Tage dicht, der Preis fiel immer tiefer. Stallplätze wurden nicht frei, Züchter wurden ihre Ferkel nicht los. Ein Ferkel kostet nun 10 Euro weniger als vor ein paar Wochen. "In dieser Krise zeigt sich das erste Mal, wie abhängig und sensibel das deutsche System ist", sagt der Wissenschaftler Windhorst. "Ein Rädchen fällt aus, und alle anderen Bereiche geraten in Schwierigkeiten."

Kückmann weiß noch nicht genau, wie er den Schaden kompensieren wird. Er führt dieser Tage viele aufgeregte Debatten mit anderen Landwirten. "Jeder fragt den anderen: Hast du Ferkel bestellt? Wirst du überhaupt noch Ferkel bestellen?", sagt Kückmann. "Viele sagen: Das war jetzt der letzte Durchgang." Denn viele fürchten, dass sie auch im nächsten Zyklus Verluste machen werden. Einen Betrieb mit 3000 Mastplätzen, der seine schlachtreifen Tiere nach einer Sperre erst 14 Tage später vermarkten kann, wird die Verzögerung inklusive Futterkosten, Stallplatzbelegung und Preisrutsch fast ein Jahreseinkommen kosten, 40.000 Euro.

Seit ein paar Tagen erholt sich der Preis zwar etwas, aber die entstandenen Kosten wird jeder Hof noch monatelang vor sich herschieben, Aussicht auf Schadensersatz gibt es keine. Langfristig fürchten die Landwirte vor allem den Imageschaden. Die Erfolge im Ausland hat die Branche gerade erst errungen, mit vielen Ländern wie Südkorea sind die Handelsabkommen noch frisch. "Jahrelang haben wir alles dafür getan, der Mercedes der Schweinefleischindustrie zu sein", sagt Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands. "Das ist nun wie ein nicht bestandener Elchtest."

Kopf einziehen und warten

Eine realistische Alternative zum deutschen System sehen die Experten nicht. Immer wieder hört Staack die Forderung, die Landwirte müssten zu kleinbäuerlichen Strukturen zurückkehren und Futter selbst anbauen. "Viele denken, das ist das Allheilmittel, aber in der modernen Tierhaltung kann man Schweine nicht mit Kartoffeln und Getreide ernähren", sagt er. "Diese letzten fünf Prozent, die wir nicht selbst erzeugen können, die haben uns schon immer Stress gemacht. Aber da sind wir den Futtermittelherstellern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert."

Ähnlich sieht es Bernd Brümmer, Agrarwissenschaftler von der Uni Göttingen. "Das deutsche, arbeitsteilige System zeigt jetzt zwar seine Kehrseite", sagt er, "grundsätzlich ist es aber nicht verkehrt." Die einzelnen Glieder der Kette müssten jedoch besser geschützt werden. Die strengeren Kontrollen, wie sie die Bundesregierung Mittwoch beschlossen hat, seien daher wichtig und richtig, um das Risiko weiter zu senken und mehr Stabilität zu erzeugen. Für die schlechten Zeiten.

Darauf setzt auch Kückmann. "Nun bleibt nichts anderes übrig, als den Kopf einzuziehen und zu warten, bis sich der Markt erholt hat", sagt er. Hinter ihm im Schweinestall wird es unruhig. Die Schweine wollen schon wieder fressen.

FTD