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Opel und Fiat: Zur Ehe verdammt

Fiat hat Interesse an Opel. Doch was wollen die Italiener in Rüsselsheim? Die IG-Metall befürchtet den Verlust von Arbeitsplätzen und winkt ab. Auto-Experte Ferdinand Dudenhöfer wittert im stern.de-Interview gar ein Täuschungsmanöver. Doch Opel braucht einen Investor und Fiat einen Partner.

Von Sebastian Huld

Die seit Monaten anhaltenden Spekulationen über die Zukunft von Opel nehmen kein Ende. "Spiegel-Online" meldet, dass der italienische Fiat-Konzern eine Übernahme des Rüsselsheimer Automobilherstellers plant. Bereits in der kommenden Woche soll Fiat eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnen, schreibt das Hamburger Online-Magazin weiter. Wie ernst die Offerte der Italiener tatsächlich ist, bleibt zunächst unklar. Das Angebot an Opel könnte sich als reines Verhandlungsmanöver entpuppen.

Fiat verhandelt seit Wochen mit dem ebenfalls strauchelnden Chrysler-Konzern über eine Übernahme. Einzig die hohen Lohnkosten der Chrysler-Angestellten stehen dem Deal noch im Weg. Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg-Essen, sagte stern.de: "Das ist kein echtes Interesse an Opel. Fiat ist in Verhandlungen mit Chrysler engagiert und will in den USA bessere Bedingungen erreichen." Jürgen Pieper, Automobil-Experte im Bankhaus Metzler, widerspricht: "Das glaube ich nicht. Chrysler steht das Wasser auch so bis zum Hals. Mehr Druck geht nicht."

Schielen nach Österreich

Da der amerikanische Mutterkonzern vor dem Aus steht, soll Opel, zusammen mit der Schwestermarke Vauxhall, von dem Unternehmen abgekoppelt werden. Seit Wochen sucht Opel händeringend einen Investor, denn den hat die Bundesregierung zur Bedingung dafür gemacht, dass Opel Staatsbürgschaften erhält. Ohne Partner-Unternehmen, so die Einschätzung im Kanzleramt, wäre Autobauer nicht überlebensfähig.

Opel steht schon länger in Verhandlungen mit dem erfolgreichen Zulieferer Magna Steyr, der als Entwickler neue Technologien mit einbringen könnte. Die Synergien liegen auf der Hand. Bei Opel sind die Sympathien für einen Deal mit dem österreichischen Unternehmen hoch - im Betriebsrat und im Management. Da General Motors und die Bundesregierung laut "Spiegel" auf einen schnellen Abschluss der Verhandlungen drängen, könnte das Pendel aber zugunsten des Traditionsunternehmens aus Turin ausschlagen.

Zwei im gleichen Revier

Der Opel-Betriebsratschef Klaus Franz hat bereits angekündigt, sich gegen eine Übernahme durch Fiat vehement zur Wehr setzen zu wollen. Er unterstellte Fiat, vor allem an deutschen Staatsgeldern interessiert zu sein, da der Konzern selbst hoch verschuldet ist. In einer Mitteilung der Gewerkschaft hieß es weiter: "Die IG Metall befürchtet Arbeitsplatzabbau und Werkschließung bei einem möglichen Einstieg des Fiat-Konzerns bei Opel."

Viele Beobachter hegen ähnliche Befürchtungen, sollte sich Fiat durchsetzen. Automobil Experte Dudenhöfer: "Eine Allianz hätte auch wenig Sinn. Beide Firmen haben den Schwerpunkt in Europa. Beide haben erhebliche Überkapazitäten und beide sind in ähnlichen Segmenten aktiv." Opel und Fiat wildern im gleichen Revier, die Modellpalette ist ähnlich. Der Erfolg der Opel-Modelle liegt also nur bedingt im Interesse der Konzern-Marken Fiat, Alfa Romeo und Lancia.

"Ohne Arbeitsplatzabbau, keine Zukunft"

Zur Rettung durch Fiat hat Opel aber keine Alternative, schätzt Analyst Pieper im Interview mit stern.de: "Opel ist klinisch tot. Die Durchhalteparolen aus Rüsselsheim dienen nur dem Marketing. Wenn überhaupt, hat Opel nur mit einem starken Partner wie Fiat eine Perspektive." Am Arbeitsplatzabbau käme das Unternehmen so oder so nicht vorbei. "Mindestens ein Werk muss schließen. Ohne Arbeitsplatzabbau, keine Zukunft", fasst Experte Pieper Opels prekäre Lage zusammen.

Unverständnis zeigt er angesichts der schlechten Zahlen, die jetzt über Fiat kolportiert werden: "Man tut Fiat Unrecht. Die haben vergangenes Jahr drei Milliarden Euro verdient." Fiat-Chef Sergio Marchionne gilt als knallharter aber auch erfolgreicher Sanierer. Nach schwachen Jahren erwirtschaftete Fiat im vergangenen Jahr den zweitgrößten Gewinn aller Automobilhersteller. Allerdings brach der Gewinn im ersten Quartal 2009 auch wieder drastisch ein. Trotzdem: Fiat ist kein marodes Unternehmen, wie teilweise behauptet wird.

Teure US-Arbeiter

Die Fiat-Führung um Sergio Marchionne sucht seit Herbst 2008 intensiv nach einem neuen Partner. In einem Interview bekannte Marchionne unlängst: "Wir müssen uns auf irgendeine Art verbinden.[…] Der einzige Weg für Unternehmen sich zu behaupten, ist, mehr als 5,5 Millionen Fahrzeuge pro Jahr zu bauen." Davon bliebe Fiat im Verbund mit Opel weit entfernt: Die Italiener verkauften im vergangenen Jahr circa 2,2 Millionen Autos, Opel und Vauxhall konnten 2008 zusammen knapp 1,5 Millionen Autos absetzen. "5,5 Millionen sind keine festgelegte Zahl Auch vier Millionen Autos reichen zum Überleben", sagt Pieper.

Fiat muss sich nun entscheiden, Opel oder Chrysler? Der US-Konzern kommt zwar seit Jahren nicht auf die Beine und steht vor der Insolvenz, doch könnte Fiat hier gänzlich neue Märkte erschließen. So ist Fiat in den USA nur mit den Nischenmarken Ferrari und Maserati vertreten; Automobile die zwar das Prestige, aber nur bedingt den Umsatz steigern. Der Deal mit Chrysler schien schon perfekt zu sein, doch die Arbeitskosten waren aus der Sicht der Italiener noch immer zu hoch. Rund um das ehemalige Auto-Mekka Detroit haben die Gewerkschaften zu besseren Zeiten hohe Löhne herausgehandelt. Von diesen wollen sie auch jetzt in der Krise nicht abrücken - zumindest nicht in dem von Sergio Marchionne geforderten Ausmaß.

Was macht Detroit

Wenige Tage bevor der Chrysler-Konzern seine Sanierungspläne der US-Regierung präsentieren soll, setzte der Fiat-Chef die Chrysler-Angestellten unter Druck: "Wir können uns diesem Unternehmen nicht verpflichten, wenn wir nicht das Licht am Ende des Tunnels sehen", sagte er der kanadischen Zeitung "Globe and Mail". Die jetzt lancierte Offerte kommt da wie gerufen. "Chrysler hat kaum eine andere Wahl und so erhöht Fiat den Druck auf die Gewerkschaften. Man verweist auf Opel und zeigt damit, es gibt auch noch andere Bräute.", kommentiert Ferdinand Dudenhöffer das Geschehen.

Opels Schicksal hängt also wieder von Entscheidungen ab, die in Amerika getroffen werden. Sollten die amerikanischen Gewerkschaften auf Fiat zukommen, könnten die Opelaner plötzlich wieder ohne die ungeliebten Italiener dastehen. Magna Steyr könnte dann als einziger Interessent die Bedingungen diktieren. Jürgen Pieper rät aber auch Fiat eher zu den Rüsselsheimern als zu dem Unternehmen aus Detroit: "Opel liefert Qualität, Chrysler nicht."

  • Sebastian Huld