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"Das System funktioniert nicht mehr": Bei Rossmann, Rewe und Penny schuften Aushilfen - doch die schmeißen jetzt hin

Bei Rossmann, Rewe und Penny räumen Mitarbeiter eines Subunternehmens die Regale ein - unter fragwürdigen Bedingungen. Doch nun laufen die Leute der Firma davon. Das System aus Druck und Frust scheint nicht mehr zu funktionieren.

In einer Rossmann-Filiale

In einer Rossmann-Filiale

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Mit den Tuben und Töpfchen des Drogeriegeschäfts machte er ein Milliardenvermögen, aber Anfang dieses Jahres brachte es Dirk Roßmann auch noch zum Erfolgsautor. Seine Autobiografie landete auf Platz eins der Bestsellerliste – und schilderte den Drogeriekönig in seiner Lieblingsrolle: als vorbildlich sozialen Arbeitgeber. Sein "unternehmerisches Ziel" sei es, "dass die Mitarbeiter gern zur Arbeit kommen", schrieb Roßmann. "Achtsamkeit und Respekt" bei der Arbeit seien wichtig, "Transparenz und Offenheit" ebenfalls.

Das klingt gut, aber es ist nur die halbe Wahrheit über den Unternehmer aus Burgwedel bei Hannover. Die vorzeigbare Seite findet man in der Drogeriekette selbst, bei der die Mitarbeiter offenbar wenig Gründe zu klagen haben. Die Kehrseite hatte der stern vor drei Jahren enthüllt: In vielen Rossmann-Läden wie auch in manchen Supermärkten von Rewe und Penny schuften Mitarbeiter eines Subunternehmens als Einräumer für die Regale.

Der Arbeitgeber der Einräumer heißt Promota.de, Roßmann und seinen Söhnen gehört fast die Hälfte der Firmenanteile. An die 10.000 Menschen beschäftigt die Potsdamer Unternehmensgruppe. Mitarbeiter klagten dort über extremen Druck und schlechte Bezahlung. Der stern sprach nun mit weiteren  ehemaligen Mitarbeitern und sichtete neue Unterlagen, die Einblicke in die Arbeit der Rossmann-Beteiligungsfirma in Supermärkten von Rewe und Penny in Berlin und Brandenburg gewähren.

Rossmann, Rewe und Penny: Druck am Arbeitsplatz

Die Recherchen zeigen: Vielfach bestimmen Druck und Härte den Arbeitsalltag der Mitarbeiter. Führungskräfte werden danach prämiert, ob ihre Untergebenen beim Einräumen die Zeitvorgaben erfüllen und den festgelegten "Zielerlös" schaffen. Die Vorgabe verlangt, eine Europalette mit Waren in etwa einer Stunde zu verräumen – und einen kleinen Karton mit Ware im Rewe-Markt in weniger als einer Minute zu leeren. Diese Kartons werden in der Branche "Kolli" genannt. Der Mitarbeiter muss also den "Kolli“ aufschneiden, die Ware herausnehmen, sie sauber ins Regal stellen – und das alles in weniger als 60 Sekunden.

Die Promota.de-Tochter "Impuls One" berechnet Rewe in Berlin nur 31,85 Cent als Werklohnsatz pro "Kolli". In Brandenburg sind es 33,85 Cent. "Der Zielerlös für die Märkte außerhalb Berlins" sei "etwas höher", hielt ein Bereichsleiter von Impuls One in einer Mail Mitte Dezember 2018 fest: "Die geforderte Kollileistung pro Stunde ist überall gleich!" Der Stress der Mitarbeiter in Berlin wie Brandenburg ist es also auch.

"Das war ein Drill wie in der Armee", sagt der ehemalige Mitarbeiter Peter Müller*. Als Teamkoordinator habe er fast "nie Feierabend" gehabt.

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Schulungsleitfäden von Impuls One aus dem Herbst 2018, als „intern/vertraulich“ rot markiert, zeigen, welche Methoden Teamleitern eingebläut wurden, um Mitarbeiter anzutreiben: „Darauf achten, dass Mitarbeiter keinen Leerlauf haben“, lautete ein Motto. Dazu gehöre: "Wenn nicht mehr für alle etwas zu tun ist, einzelne Mitarbeiter nach Hause schicken". Denn bezahlt wird nach Abruf und nach Stunden. Gibt es für die Beschäftigten nichts mehr zu tun, haben sie Pech gehabt. Sie sind Verschiebemasse. Bei schwankenden Warenmengen komme es einfach vor, "dass Mitarbeiter außerplanmäßig erscheinen oder zu Hause bleiben müssen", hieß es weiter in der Vorgabe: "Achten Sie darauf, dass Ihre Mitarbeiter diese Notwendigkeiten akzeptieren."

Mitarbeiter werden überwacht

Zu den Notwendigkeiten gehören auch die Überwachung der Leistung sowie Konsequenzen, sollte ein Mitarbeiter das ausgegebene Ziel nicht erreichen. Mitarbeiter, "die permanent am Ende der Leistungsskala rangieren", müssten aus dem Team "entfernt werden". Grund: "Sie drücken den Schnitt und demotivieren die Leistungsträger."

Jahrelang schien es, als erduldeten viele Mitarbeiter dieses Regime des Arbeitgebers still und brav. Nun aber bekommt die Firma ein Problem: Unterlagen zeigen, dass inzwischen nicht wenige Mitarbeiter selbst Konsequenzen ziehen – und die Firma verlassen. Dem stern liegt eine deutschlandweite sogenannte Austrittsliste von Impuls One aus dem Dezember 2018 vor, für das ganze Bundesgebiet von Sassnitz auf Rügen bis Weilheim in Oberbayern. Etwa 530 Mitarbeiter haben der Firma während dieses Monats den Rücken gekehrt. Einige waren bei Rewe oder Penny eingesetzt, viele offenbar bei Rossmann. Einige der 530 wurden entlassen, bei anderen lief der Vertrag aus – aber um die 230 Menschen kündigten von sich aus.

Rossmann und Promota.de ließen Fragen des stern zu den Vorwürfen unbeantwortet. In der Potsdamer Unternehmenszentrale von Promota.de – einer prächtig restaurierten klassizistischen Villa – halten sie sich zugute, dass man immerhin Mindestlohn zahle, heute also 9,19 Euro pro Stunde. Das ist eine Steigerung um 50 Prozent in fünf Jahren. Noch im Jahr 2014 – vor Einführung des gesetzlichen Mindestlohns – zahlte die Firma teils nur Stundenlöhne von 6,12 Euro im Osten und 6,63 Euro im Westen. Auf Basis eines Tarifvertrags mit einer christlichen Minigewerkschaft war dies möglich.

Doch trotz Mindestlohn scheint Promota.de Schwierigkeiten zu haben, neue Mitarbeiter zu finden, wie aus internen Mails hervorgeht. "Einstellen von neuen Mitarbeitern muss in Ihrem Tagesplan ganz oben stehen !!!!!!!", hämmerte eine Promota-Managerin an eine ihr unterstehende Führungskraft im März 2019 in die Tastatur, ergänzt um sieben Ausrufezeichen. "Nur dadurch können Sie Ihren Job als Gebietsleitung richtig machen !!!!" Vier Ausrufezeichen.

"Abmahnung!"

Aber zur Kombination aus "Hire and Fire" gehört nicht nur das Einstellen, sondern auch das Rausschmeißen. Regelmäßig, so der Rat der Chefin an ihre Untergebene, solle sie sich "einen Überblick“ verschaffen, welche Mitarbeiter "freie Kapazitäten" hätten. Lehne jemand einen Einsatzort ab ("nein da will ich nicht hin"), habe er die Folgen zu tragen. Dann, so die Chefin, "machen wir eine Dienstanweisung draus", mit einer "Konsequenz, wenn der MA nicht erscheint – Abmahnung!" Natürlich bleibe man dabei "immer im gesetzlichen Rahmen", versicherte die Managerin.

Gesetzestreue verlangen schließlich auch die Kunden. Bei Rewe und Penny bestehe man „gegenüber allen Werkvertragsunternehmen auf der Beachtung der Rechtslage und der Einhaltung der geltenden Gesetze“, versicherte ein Sprecher der Supermarktkette. Ohnehin würden nur in 38 von insgesamt 5800 Märkten der Rewe-Gruppe Einräumer von Impuls One beschäftigt. Und Rewe überprüfe "kontinuierlich die Notwendigkeit des Einsatzes von externen Dienstleistern, da wir zunehmend feststellen, dass wir mit eigenen Mitarbeitern eine höhere Flexibilität und Qualität im Markt erzielen", so der Sprecher.

In einem Markt in der Müllerstraße in Berlin-Wedding ließ sich das jüngst an einem Montagfrüh gut beobachten: Da bestückte eine einzige Mitarbeiterin mit Arbeitsschürze von Impuls One das Asia-Regal mit Kapern und Reisnudeln. Vor den anderen Regalen machten sich Mitarbeiter mit Rewe-Hemd zu schaffen.

Peter Müller,  der frühere Teamkoordinator bei Impuls One, stellt folgende Diagnose: Die Mitarbeiter laufen definitiv weg. Das System funktioniert nicht mehr.“ 

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