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Arbeitsbedingungen bei Drogeriekette: Die zweifelhafte PR der Rossmann-Helfer

Regaleinräumer bei der Drogeriekette Rossmann arbeiten zum Teil unter kritikwürdigen Bedingungen. Und einige Dementis der Leiharbeiter-Firma stehen auf wackligen Füßen.

Rossmann

Manche Dementis und Aussagen der mit Rossmann verbundenen Firma ISS haben sich inzwischen als glatte Falschaussagen erwiesen

Niedrige Löhne, brutaler Druck, zweifelhafte Tarifverträge - vor zwei Wochen haben wir im stern einen große Report über die Arbeitsbedingungen von Regaleinräumern bei der Drogeriekette Rossmann veröffentlicht.

Meine Kollegin Laura Himmelreich und ich hatten zuvor mehrere Monate recherchiert und mit dutzenden ehemaligen und Noch-Beschäftigten der ISS-Firmengruppe gesprochen. Das Unternehmen liefert Rossmann per Werkvertrag tausende Billiglöhner. Kaum war der Artikel veröffentlicht, rauschte es bei uns im Mailfach. Es meldeten sich dutzende Menschen aus der ganzen Republik, die bei ISS - die sich kürzlich in "promota.de" umbenannt hat - und deren Töchtern Impuls One und Tempus arbeiten oder gearbeitet hatten. Sie bestätigten unsere Rechercheergebnisse, berichteten über unbezahlte Extraarbeit und fehlende Zahlungen. "Entweder man fügt sich oder man fliegt raus", klagte eine Frau. Ein Schreiber sprach von "asozialen Arbeitsbedingungen" bei ISS, ein dritter beschwerte sich über "absolute Abzocker".

Die Firma ISS, an der der Drogeriemilliardär Dirk Roßmann selbst 49 Prozent der Anteile hält, kann einen verbreiteten Unmut ihrer Mitarbeiter nicht erkennen. Sie wehrt sich gegen die Vorwürfe. Probleme gebe es nur in Einzelfällen. Doch manche Dementis und Aussagen der mit Rossmann verbundenen Firma haben sich inzwischen als glatte Falschaussagen erwiesen.

PR-Berater bat um "Zurückhaltung"

Dazu bediente sie sich eines freien PR-Beraters namens Uwe Alschner. Er beantwortete im Namen von ISS unsere vielen Fragen. Seine Firma nennt sich "Poliethics Strategy Consultants" - doch mit gängigen ethischen Maßstäben gingen er und ISS flexibel um.

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Rossmann und ISS nutzten eine zentrale Verteidigungslinie, um dem Vorwurf schlechter Arbeitsbedingungen zu begegnen: Der TÜV Rheinland habe doch - laut TÜV seit 2014 - die Sozialstandards bei den ISS-Töchtern Impuls One und Tempus Jahr für Jahr geprüft und für gut befunden. ISS-Sprecher Alschner schickte uns am 6. April zwei sogenannte ILS-Siegel - benannt nach dem Kürzel des Arbeitgeberverbands der Einräumerbranche. Doch diese Zertifikate hatten weder Ausstellungs- noch Gültigkeitsdaten. Und wir wussten bereits, dass der TÜV das ILS-Siegel nicht mehr vergibt. Darauf wiesen wir Alschner hin. Seine Antwort kam rasch: Er bat in harschem Ton darum, "zurückhaltender" mit "Unterstellungen" umzugehen, "es könne sich um kein gültiges Zertifikat handeln". Dies sei "als kollegialer Hinweis" zu verstehen.

Nun hatten wir ja gar nichts unterstellt. Uns lag einfach die Auskunft vor, dass die Siegel abgelaufen waren. Und darauf beharrten wir.

Fünf Tage später bekamen wir die Siegel dann noch einmal, erst von Rossmann, dann von ISS. Jetzt mit den Angaben, die vorher gefehlt hatten - also samt Ausstellungs- und Ablaufdatum. Die Gültigkeitsfristen waren in der Tat abgelaufen - in einem Fall Ende Februar, im anderen bereits am Ende vergangenen Jahres.

TÜV-Siegel mit abgelaufener Gültigkeit

Hatte man bei ISS die Siegel also zuvor retuschiert, um uns in die Irre zu führen? Nein, sagt die Firma, man habe "ohne weitere Hintergedanken" ein älteres Zertifikat "anonymisiert übermittelt". Die aktuelleren Zertifikate habe der TÜV nämlich zunächst noch nicht übermittelt gehabt. Zertifikate, die der TÜV im Februar und September 2015 ausgestellt hatte und die heute abgelaufen sind, hatte der TÜV also erst im April 2016 übermittelt? "Ja!", sagt PR-Mann Alschner. Und die "Ungültigkeit" sei eine "Unterstellung" von uns.

Denn ISS behauptet inzwischen, die Zertifikate hätten eine Laufzeit von drei Jahren. Sie seien auch heute noch gültig. Obwohl die uns von der Firma und von Rossmann übermittelten Siegel eindeutig abgelaufene Gültigkeitsdaten tragen. Was stimmt: Der TÜV führt jetzt neue Prüfungen bei ISS durch - nicht für ein Siegel, sondern für Berichte im Auftrag von Rossmann. Diese dürfen, so der TÜV, "nicht für Werbung genutzt werden".

Widersprüche traten auch auf, als wir für einen Folgeartikel recherchierten. Es ging um polnische Leiharbeiter der mit ISS verbundenen Firma ISP. Dirk Roßmann ist an ihr über einen Strohmann beteiligt.

Einige der polnischen Leiharbeiter, die teils sechs Nächte die Woche in einem DHL-Paketzentrum in Nauen bei Berlin schuften, erzählten uns die Geschichte eines Kollegen. Er sei krank gewesen, habe gefiebert. Schließlich schickten seine Kollegen ihn ins Krankenhaus in Hennigsdorf. Nach ein paar Tagen sei er zurück gewesen, wollte aber noch - so erzählen sie es - ein paar Tage krankgeschrieben bleiben. Darauf habe ihn die Chefin am 16. März gedrängt, eine Aufhebungsvereinbarung zu unterschreiben und damit freiwillig seinen Job aufzugeben. Jetzt sei der Mann zurück in Polen.

"Ich bin krank, ich möchte nach Hause"

Wir riefen die Chefin an, die bei ISP zuständige Projektmanagerin. Sie bestritt den Vorwurf. Der Arbeiter selbst habe freiwillig die Aufhebungsvereinbarung unterschrieben, versicherte sie. "Ich bin krank, ich möchte nach Hause", habe er gesagt. Dabei hätte sie ihn gern behalten.

Wie praktisch für das Unternehmen - ein Mitarbeiter, der lieber kündigt, als mit seiner Krankheit der Firma zur Last zu fallen.

Natürlich konfrontierten wir die ISS-Gruppe auch schriftlich mit den Vorwürfen. Einen Tag nach unserem Telefonat mit der Chefin, die den kranken Mann angeblich behalten wollte, kam die Antwort von PR-Mann Alschner. "Nein!", schrieb er, die Krankheit sei nicht der Grund für die Kündigung gewesen. Schon als er noch gesund gewesen sei habe der Pole "von sich aus" um die Aufhebungsvereinbarung gebeten. Und, so behauptete Alschner: "Gegen den ehemaligen Mitarbeiter läuft bereits auf Betreiben des Kunden ein Ermittlungsverfahren wegen Diebstahls."

Wir entschieden darauf, den Fall des kranken Arbeiters erst einmal nicht zu veröffentlichen. Und wir überprüften die Angaben des ISS-Sprechers. Am Montag dieser Woche bekamen wir die Antwort von der Kriminalpolizei Nauen: Gegen den angeblichen Dieb gebe es weder Strafverfahren noch Strafanzeige. Ein Mann diesen Namens sei aber Zeuge in einem Fall von Diebstahl. Anders gesagt: Er wollte helfen, die Sache aufzuklären.

Verdacht auf Falschaussagen

Hat die Firma also einen unbescholtenen Ex-Beschäftigten als möglichen Kriminellen hingestellt? Nein, sagt ISP-Geschäftsführer Mike Friedrich. Man habe "zu keinem Zeitpunkt die Unwahrheit behauptet". Sprecher Alschner habe "wahrheitsgemäß" einen von dem polnischen Arbeiter "selbst geschilderten und im Kern vom Kunden DHL bestätigten Sachverhalt der Ermittlung gegen seine Person wiedergegeben".  Demnach habe er sich "offenbar weiteren erkennungsdienstlichen Maßnahmen entziehen" wollen. Es sei um mögliche Fingerabdrücke "auf gestohlenen Mobiltelefonen" gegangen. Der Kunde DHL habe den Sachverhalt an die Polizei übergeben.

Nur dass bei der Polizei eben eine Anzeige gegen den Polen nie eintraf. Dort ist er - wie gesagt - als Zeuge registriert.

Falschaussagen zu verbreiten ist kein Kavaliersdelikt. Es verstößt gegen die Richtlinien der PR-Branche. "PR- und Kommunikationsfachleute verbreiten keine falschen und irreführenden Informationen", heißt es im Kodex des Deutschen Rats für Public Relations: "Üble  Nachrede oder das ungeprüfte Weiterverbreiten von Gerüchten sind nicht tolerierbar". Und in den Regeln der Beratervereinigung Degepol, in der Alschner Mitglied ist, heißt es: "Degepol-Mitglieder arbeiten ausschließlich mit Informationen, die nach bestem Wissen und Gewissen der Wahrheit entsprechen."

ISP-Chef Friedrich kann übrigens "nicht erkennen", wo PR-Mann Alschner "in irgendeiner Weise den genannten Kodizes oder einem anderen ethischen Standard zuwider gehandelt hätte".