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Preiskrieg der Drogerien: "Wir sind Schnüffler" - die Spione der Rossmann-Kette

Die Drogeriekette Rossmann lässt in Läden der Konkurrenz verdeckt die Warenpreise ausspähen, bei DM, Müller, Kaufland und Budnikowsky. Zum Teil werden dafür Mitarbeiter der Leiharbeiter-Firma ISS eingesetzt.

Eine DM-Filiale in Karlsruhe

"Dazu ist uns nichts bekannt" - DM-Filiale in Karlsruhe

Es sind verdeckte Einsätze, und sie werden in Generalstabsmanier geplant. Mal ist nur einer unterwegs, mal sind es Teams von bis zu sieben Leuten. Ihr Auftraggeber ist die Drogeriekette Rossmann. Ihre Mission: heimlich herausfinden, welche Preise die Konkurrenz verlangt. Also schleichen sie durch Märkte von DM, von Budnikowsky, Müller oder Kaufland. Immer Läden, die weniger als zwei Kilometer von einer Rossmann-Filiale stehen.

Zwischen den großen Drogerieketten tobt ein erbitterter Preiskrieg. "Wir hauen uns hier die Preise um die Ohren wie in keinem anderen Land der Welt", so sagte es unlängst Drogeriemilliardär Dirk Roßmann selbst. Wer bietet Shampoo, Deo oder Zahnpasta am günstigsten an – darüber führen Rossmann, DM und Co ihre Schlachten.

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Und wo es Krieg gibt, da gibt es auch Agenten – natürlich hinter den feindlichen Fronten. Der stern hat recherchiert, wen Rossmann für die verdeckte Preisermittlung einsetzt: Teilweise die gleichen Arbeiter, die in vielen Läden des Burgwedeler Konzern für wenig Geld auch die Regale einräumen: Leute von der Potsdamer Leiharbeitsgruppe ISS, die sich vor kurzem in promota.de umbenannt hat.

Detaillierte Einsatzplanung

Dem stern liegen zahlreiche Unterlagen zu den verdeckten Operationen vor. Sie belegen: Mindestens seit 2007 bezahlte Rossmann ISS für das, was in der Branche euphemistisch "Preiserhebung" genannt wird. Immer wieder sind für ihn ISS-Beschäftigte in fremden Drogeriemärkten auf Under-Cover-Mission unterwegs.

Eine Einsatzplanung der ISS-Tochter Impuls One für eine Woche im Oktober 2014 listet 641 Rossmann-Filialen in der ganzen Nordhälfte der Republik auf – und sie nennt den jeweils nächsten Markt der Konkurrenz, den "Rival Store", wie es in dem Papier heißt.

Laut "Vorgabe Rossmann" sollten in der Oktoberwoche im Jahr 2014 Woche 33 DM-Märkte ins Visier genommen werden, 15 bei Kaufland, zehn von Budnikowsky und fünf von Müller. Auch für die Gruppengröße der Spähteams nannte der Einsatzplan Vorgaben – von eins bis sieben.

"Wir sind Schnüffler", sagte eine ISS-Mitarbeiterin dem stern. Alle paar Monate war sie undercover in Drogeriefilialen in Ostdeutschland unterwegs. Und sie stellte es clever an. Beim Gang durch die Märkte hielt sie einfach ihr Handy ans Ohr und gab Produktnamen und Preise durch. In einem Café oder einem "Nordsee"-Imbiss um die Ecke saß ihr Kollege – und notierte, was sie ermittelt hatte. Um die DM-Leute zu täuschen, spielte die Frau schon mal Theater, fragte zum Schein nach einer Anti-Aging-Crème für ihren Mann, ließ sich den Preis nennen und sagte ins Telefon: "Stell Dir vor, das kostet 9,95 Euro, das ist zu teuer!"

Hausverbot in der Budni-Filiale

Manche Arbeiter marschierten mit den Produktlisten in die Märkte, die ihnen ISS ausgehändigt hatte – 300 verschiedene Warenartikel, vom "Daniela Katzenberger Glitter Cat Eau de Toilette Natural Spray" in der 15-Milliliter-Packung über "Schaebens Totes Meer Salbe" bis zur "WC Ente Citrus Gel". Um weniger aufzufallen, gab es die Listen auch als Spickzettel stark verkleinert.

"Ich hatte einen Zettel und habe fleißig geschrieben", sagt eine ISS-Mitarbeiterin aus Norddeutschland. Manchmal habe sie den Leuten in der DM-Filiale vorgespielt, sie brauche etwas für einen älteren Bekannten und habe so die richtigen Produkte gefunden.

Trotzdem fielen Rossmanns Preisspione immer mal wieder auf, wurden zur Rede gestellt, rausgeschmissen – oder mehr. "Ich habe bei einer Budnikowsky-Filiale in Hamburg Hausverbot bekommen", sagt eine der Leiharbeiterinnen, mit  denen der stern sprach.

"Preise sind öffentlich"

Rossmann bestätigte dem stern, dass ISS zu den Firmen gehört, die für die Drogeriekette Preise in Filialen der Konkurrenz erheben, wies aber den Vorwurf der Preisspionage als "absurd" zurück. Die Preise stünden ja offen an den Regalen. "Wir müssen unsere Preise nicht verstecken und erlauben daher ausdrücklich die Handynutzung und auch Fotografie in unseren Verkaufsstellen", sagte ein Rossmann-Sprecher.

"Das gezielte Erheben von Preisinformationen", versicherte der Sprecher, sei "rechtlich unbedenklich". Zugleich könne ein Händler in der Tat jederzeit von "seinem Hausrecht Gebrauch machen und den Preismarktforscher vor die Tür setzen".

Ein ISS-Sprecher bestätigte, dass Unternehmen der Firmengruppe – wie andere Dienstleister auch –Preiserhebungen anbiete. Er wies den Vorwurf der Preisspionage und der Ausforschung ebenfalls vehement zurück; dieser sei "ein unangemessener Versuch der Skandalisierung". "Preise sind öffentliche Informationen", so der Sprecher.

ISS-Mitarbeiter nannten ihre Tätigkeit gegenüber dem stern sehr wohl "Preisspionage". Angeblich gab es Kollegen, die sich schlichtweg weigerten, auf Spähtour zu gehen. Ihnen waren solche verdeckten Einsätze in fremden Liegenschaften zu anrüchig. Die Teilnahme an dieser Tätigkeit finde "freiwillig" statt und werde "gesondert vergütet", versicherte der Firmensprecher. Von Hausverboten sei seinem Unternehmen nichts bekannt

Die vielen Dienstleistungen der ISS

Müller und Budnikowsky ließen Anfragen des stern zu der Sache unbeantwortet. Nach Aussagen von DM-Geschäftsführer Christian Harms sind ihm die Rossmann-Praktiken neu: "Dazu ist uns nichts bekannt." Glaubt man Rossmann, dann ist "Preismarktforschung" im Handel allgemein üblich: "Jeder tut es", sagte ein Sprecher der Drogeriekette. Auch Kaufland bestätigte, dass solche Preiserhebungen "durchaus üblich" seien: "Da diese jedoch verdeckt durchgeführt werden, haben wir hierüber keine Kenntnis."

Der Firma ISS, die zu 49 Prozent dem Drogeriechef Dirk Roßmann gehört, können die Spähaktivitäten jetzt dennoch Ärger bereiten. Zumindest im Jahr 2014 war die Kaufland-Kette nämlich nicht nur Objekt ihrer Ausforschungstouren – Kaufland war nach dem stern vorliegenden Unterlagen im selben Jahr selbst Kunde bei der ISS-Gruppe, aber offenbar für andere Dienstleistungen als die Preiserhebung.

ISS und Kaufland äußerten sich nicht zu der Kundenbeziehung. "Durch organisatorische Trennung", so der ISS-Sprecher, "können wir ausschließen, dass Interessenkonflikte in der Behandlung einzelner Kunden entstehen."

Wollen Sie dem stern weitere Informationen über die Arbeit bei Rossmann und den Subunternehmen wie ISS, Tempus oder Impuls One übermitteln? Schreiben Sie an:

berlin.investigativ@stern.de